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5.0 von 5 Sternen
Unterschätzte Aufnahme eines vernachlässigten Meisterwerks, 17. Mai 2008
Wer immer noch denkt, Oper in italienischer Sprache sei schön gesungenes, inhaltsleeres Geträller, dem kein intellektueller Ansatz zu entnehmen ist und das, von Bellini, Rossini, Puccini oder sonst einem - ini komponiert, in lauer Sommernacht zum Wein erklingt und niemanden zum Denken anregt, der hat noch nie von Arrigo Boito gehört. Bevor er sich dem Altmeister Giuseppe Verdi empfahl und ihm zwei meisterhafte Libretti für seine Großwerke "Otello" und "Falstaff" schrieb, hatte er als Mitglied einer avantgardistischen Vereinigung namens "scapigliati" (Struwelköpfe) für gehörigen Wirbel in der Kunstszene gesorgt, da diese Bewegung, wie Revolutionäre eben so sind, die Traditionen der italienischen Kultur hinterfragte und von Grund auf umkrempeln wollte, sogar dem Volksidol Verdi kritisch begegnete.
Das schönste Zeugnis, das diese Bewegung hinterließ, ist Boitos Musikdrama "Mefistofele", das aus dessen äußerst ehrgeizigem Vorhaben entstand, Goethes "Faust" (und nicht nur einen, sondern gleich beide Teile) in ein Musikdrama zu verwandeln. Der erste Versuch ging gründlich schief, die Oper wurde am 5. März 1868 an der Mailäder Scala aufgeführt und fiel völlig durch. Der 26 - jährige Komponist hatte sich überschätzt, einen riesigen Musikklotz in wagnerischer Überlänge geschaffen und als unerfahrener Dirigent die Uraufführung selbst dirigiert. Boito zog sein Werk zurück und arbeitete es sieben Jahre lang gründlich um, unter anderem wurde Faust vom Bariton zum Tenor, von "Faust II" blieben nur die klassische Walpurgsnacht und Fausts Sterbe - und Verklärungsszene erhalten. In dieser Form brachte Boito seine Oper erneut auf die Bühne und erntete diesmal einen vollständigen Erfolg.
Immer noch streitet man über den Wert des "Mefistofele", vielen erscheint diese Oper zu intellektuell, zu philosophisch für ein Bühnenwerk. Zu weit geht vielen Boitos Goethe - Verehrung, weil er sich beim Schreiben des Librettos fast sklavisch am deutschen Dichterfürsten orientierte. Auch die Musik wird eifrig kritisiert, Boito war ein großer Verehrer Richard Wagners und versucht da und dort angestrengt, wagnersche Ideen in seine Musik einzubringen und klingt dabei wie ein, zugegeben, nicht unbegabter Imitator. Alle diese Kritikpunkte tun jedoch der Bühnenwirksamkeit des "Mefistofele", die immmer mehr entdeckt wird, keinen Abbruch und so hat sich diese ungewöhnliche Oper einen festen Platz im Spielplan erkämpft, wohl auch wegen musikalisch so großartigen Szenen wie dem "Vorspiel im Himmel" und Fausts populär gewordener Arie "Dai campi, dai prati".
Noch gibt es recht wenige Aufnahmen, was die Wahl relativ einfach macht. Allgemein als Referenz gilt die Einspielung mit Luciano Pavarotti, Mirella Freni und Nicolai Ghiaurov bei DECCA, was sicherlich seine Berechtigung hat. Allerdings hat auch diese Aufnahme einige Vorzüge zu bieten.
Mit Placido Domingo hört man hier statt dem großen Impulssänger Pavarotti einen sehr grüblerischen, dramatischen Faust mit großer darstellerischer Intelligenz. Domingo hinterfragt seine Rolle und rückt Faust (wohl schon im Hinblick auf spätere Wagner - Ambitionen) in die Nähe der innerlich zerrissenen Helden wie Tannhäuser oder Tristan. Dabei kommt jedoch die Stimmkultur nicht zu kurz. Domingo stand zur Zeit der Aufnahme (1973) in vollem Saft und verleiht der Rolle auch mit seiner prächtigen, etwas dunkel geprägten Tenorstimme Kontur.
Seine Partnerin ist Montserrat Caballé, die sich hier ein weiteres Mal in bestechender Form zeigt. Ihre Margherita ist ein etwas naives junges Mädchen (auch sie sehr nah an Goethes Vorbild), das sich rückhaltlos in Faust verliebt und durch tiefste Verzweiflung zur Erlösung geführt wird. Die Caballé macht einen weiten Bogen um jeden Kitsch, singt makellos und zeigt in dieser Aufnahme ein weiteres Mal ihre Klasse.
Die große Entdeckung dieser Aufnahme ist Norman Treigle in der Titelrolle. Er besitzt nicht die stimmliche Wucht eines Nicolai Ghiaurov oder Boris Christoff (dieser ein großer Gounod - Mephisto), dafür einen schlanken, wendigen Baß, der die Vielseitigkeit und den Trickreichtum des Mephistopheles plastisch darstellt und dessen Dämonie zutiefst beeindruckt. Eine ausgezeichnete Alternative zu den bekannten Rollenportraits.
Das weitere Sängerensemble ist absolut solide, besonders hervorzuheben sind dabei die Elena von Josella Ligi und Thomas Allens Wagner.
Ein Erlebnis sind die Chöre in dieser Aufnahme, wieder einmal zeigt sich der Amrosian Opera Chorus als perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble, schön ergänzt durch den Knabenchor der Wadsworth School.
Julius Rudel leitet das London Symphony Orchestra souverän und inspiriert, die schwierige Partitur, die nicht ohne Längen ist, vermag er durch konsequentes Halten der Spannung ausgezeichnet zu meistern.
Insgesamt eine sehr ausgewogene und dank der hochklassigen Sänger wunderschöne Aufnahme, mit der man garantiert keinen Fehler macht.
Achtung: Das Textbuch gibt es hier nur auf italienisch und englisch. Wenn man jedoch etwas Italienisch beherrscht und Goethes Faust noch von der Schule präsent hat, wird man wenige Schwierigkeiten haben.
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