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71 von 77 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Solide und überzeugende Grundlagenforschung, 13. Mai 2004
Die Autorin ist Religionswissenschaftlerin und das Werk erschien im englischen Original als Sonderband des hochrenommierten "Journal of Indo-European Studies". Und dem Zielpublikum dieser Zeitschrift wird das Werk auch gerecht. Allerdings geht es hier nicht primär um die Stellung des Gottes im altnordischen Pantheon der Spätzeit, wie es uns durch Snorri Sturlusson vertraut ist. Vielmehr zeigt der Untertitel des Buches ("Der einäugige Gott und die indoeuropäischen Männerbünde") den eigentlichen Forschungsgegenstand auf. Mit Männerbünden sind hier jene kultischen Kriegerbünde gemeint, deren Existenz Otto Höfler bereits nachdrücklich belegt hat, und dessen Werk von 1934 - hierzulande Höflers Verstrickung in des Wissenschaftsbetrieb des Dritten Reiches wegen teilweise nach wie vor ignoriert oder angefeindet - durch die Autorin eine erfreuliche Rehabilitierung und äußerst solide Untermauerung erfährt. Die Bünde waren ein initiatorischer Teil jugendlicher Lebensphase und waren durch Eid untereinander und an einen Gott verschworen. Und sie sind das faszinierende Thema dieser Untersuchung.Die Ausgangsfrage des Buches aber ist eine andere: Wo liegt der Ursprung des Mythos von Odins Einäugigkeit? Da dieses auffällige Merkmal bereits fest in der Skaldik verankert ist, kann es kein Produkt der heidnischen Spätzeit sein. Wenn das aber auch für den deutschen und angelsächsischen Wodan gegolten hat, kann dieses Merkmal kaum so spurlos verschwunden sein, wie es der Fall ist. Aber kein griechischer oder lateinischer Autor, kein späterer christlicher Chronist erwähnt irgendeinen einäugigen germanischen Gott, was bei einer solchen Besonderheit sehr wohl zu erwarten gewesen wäre. Die Geschichte von dem Auge als Pfand für einen Schluck Weisheit aus Mimirs Brunnen wird von der Autorin als neuere (wenngleich noch rein heidnische) Erklärung verdächtigt, weil das Wissen um die ursprünglichen Zusammenhänge zu jener Zeit bereits verlorengegangen war. Von diesem Ausgangspunkt aus taucht die Autorin tief in die indoeuropäische Vergangenheit und deren soziale Eigenheiten ein. Auch wenn der Blickpunkt stets auf die Germanen gerichtet bleibt, bietet das Buch durchgehend eine solch erstaunliche Fülle an Quellen aus dem gesamten indoeuropäischen Bereich, dass man es allein schon deshalb immer wieder zur Hand nehmen dürfte. Auch ethnologisches Vergleichsmaterial aus weltweiter Forschung wird herangezogen, um Existenz und Wesen der Kriegerbünde zu klären. Natürlich war die Mitgliedschaft eine jugendliche Initiationsphase. Die Härte der Ausbildung mag sich im Einzelfall unterschieden haben, aber in einer hocheffektiven Kriegergesellschaft - wie z.B. bei den Massai noch vor 50 Jahren - war das Training lang und äußerst hart und gründlich. Und es gibt keinen Grund zu der Annahme, das sei bei den Indoeuropäern anders gewesen. Bezeichnenderweise lebten die Jungen für einen Teil dieser Zeit wie Tiere in der Wildnis und wurden dabei zu Jägern und Kriegern. Aber das war nur ein Teil der Ausbildung. Als künftige Familienväter und Stammesangehörige mussten sie auch die korrekten Gebete und Kultpraktiken, sowie die Überlieferungen des Stammes kennen. Die Initiation wurde als Tod und Neugeburt verstanden: Das Kind starb und der vollwertige Stammesangehörige wurde geboren. Auch wenn das nur in ritueller Form vollzogen wurde, wurde das gerade deshalb als einzig wirkliche Form des Todes begriffen, da nur die Realität des Heiligen als real und bedeutungsvoll angesehen wurde. Der junge Mann war nun untrennbar mit den toten Vorfahren verbunden, die unsterblich waren. Sein körperlicher Tod war ab diesem Moment bedeutungslos. Der Schlüssel zum Verständnis liegt dabei in der Tatsache, dass ihre Zugehörigkeit zum Reich der Toten (und auch ihre Tierverwandlung) nicht als Symbol oder Metapher, sondern als völlig real begriffen wurde. Die Krieger waren nicht länger sie selbst, sondern sie WAREN tot und sie WURDEN im Kampf zu Wölfen. In allen stammesreligiösen Riten dienen Masken und Kostüme weder dazu, die Träger zu verkleiden oder sie für andere nur wie ein Tier aussehen zu lassen, sondern sind auschließlich Mittel völlig real erlebter Selbstverwandlungen in oft hemmungslosen und ekstatischen Trancezuständen. Aber was war mit den anderen Stammesangehörigen? Die mussten doch wissen, dass das "in Wirklichkeit" ihre Söhne und Geschwister waren! So unverständlich das uns heute auch ankommen mag, aber dieses "in Wirklichkeit" gab es nicht, sondern alle empfanden das gleichermaßen als real, wie noch heute an völkerkundlichen Parallelen zu beobachten ist. Ihrer Identifikation mit den Toten (und somit den Vorfahren) wegen oblag diesen Bünden auch die Durchführung gewisser Fruchtbarkeitsriten für die Gemeinschaft. Es ist schon durch Höfler zweifelsfrei belegt worden, dass die Wilde Jagd nicht auf ein Spukphänomen oder einen Mythos, sondern auf reale Umzüge Vermummter zurückgeht, die die toten Ahnen verkörperten, um deren Segen über das Land zu bringen. Selbstverständlich gehen auch die Fasnachts- und Karnevalsumzüge darauf zurück, deren Formen im süddeutschen und alpenländischen Bereich noch viel ihres ursprünglich unheimlicheren Gepräges behalten haben. Der spezielle Gott dieser abseits lebenden Kriegerbünde war natürlich eine frühe Form Wodans/Odins (bzw. sein Gegenstück bei anderen indoeuropäischen Völkern), während man als Hochgott des Stammes selbst Teiwaz/Týr annehmen darf. Alle Aspekte dieser Kriegerbünde erfahren im Folgenden ausführliche Behandlung durch die Autorin, u.a. auch in einem Kapitel, das sich ausführlich mit dem Wolf und seiner im gesamten indoeuropäischen Bereich belegten Verbindung mit Kriegertum und Tod beschäftigt. Auch in römischen und griechischen Quellen lassen sich in Gründungslegenden zu Städten und Völkern aufschlussreiche Hinweise darauf entdecken, dass auch dort entprechende Regelungen von solch soziologischer Kraft gewesen sein müssen, dass ihr Echo noch in weit späteren Perioden wahrnehmbar ist. Die traumatische Kollektiverfahrung der Völkerwanderungszeit aber, aus dem ein politisch und religiös völlig verändertes Europa hervorging, brachte auch eine Abnahme des kultischen Charakters dieser Bünde, da sie so unlösbar mit den alten Göttern verbunden waren. Aber was hat all das nun mit der Einäugigkeit Odins zu tun? Zur Lösung dieses Rätsels wendet sich die Autorin den so vorbildlich fließenden altindischen Quellen zu und findet dort eine erstaunliche Antwort, die hier nicht vorweggenommen werden soll. Aber selbst wenn man dieser Erklärung - die nur einen vergleichsweise kleinen Raum einnimmt - nicht folgen mag, mindert das den Wert des Buches und seine reichhaltigen Quellendarstellungen insgesamt in keiner Weise. Inzwischen gibt es zahlreiche und gute Werke zur altnordischen Mythologie, aber für die Zeiträume davor werden die Darstellungen schnell äußerst spärlich. Schon aus diesem Grunde ist das Buch für alle am Thema Interessierten sehr zu empfehlen. Es handelt sich zwar um ein wissenschaftlich geschriebenes Buch, was im Fall englischsprachiger Autoren aber nie mit Unverständlichkeit einhergeht, und auch, wenn es vielleicht nicht gerade als erste Einführung geeignet ist, ist der Inhalt mit einem Grundwissen zur germanischen Religion und Interesse an deren indoeuropäischen Zusammenhängen doch für jeden nachvollziehbar. Dabei muss der Leistung des Übersetzers Baal Müller ein besonderes Lob ausgesprochen werden, dem es souverän gelungen ist, die Qualität des Originaltextes in's Deutsche zu übertragen, was ohne entsprechende eigene Fachkenntnisse zum Thema kaum möglich gewesen wäre.
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