Neue Zürcher Zeitung
Rückkehr nach Europa
C. K. Steads Roman «Makutu»
So fern wie Neuseeland liegt aus europäischer Sicht kaum ein anderes Land. Doch wie sehr die einst britische Kolonie mit Europa verbunden bleibt, ist in «Makutu» zu sehen, dem mittlerweile achten Roman von C. K. Stead, der bis vor wenigen Jahren in Auckland englische Literatur gelehrt hat. Der Roman spielt vor allem in Europa, obwohl die Hauptfiguren fast alle Neuseeländer sind. Dort liegen die Wurzeln ihrer Herkunft, ob nun in Irland oder Kroatien; und manche von ihnen sind im Zweiten Weltkrieg als Soldaten erstmals auf den Kontinent ihrer Vorfahren zurückgekehrt. So etwa der irischstämmige Althistoriker Donovan O'Dwyer, der später Professor in Oxford wird; verfolgt freilich von einem Schatten makutu ist der Maori-Ausdruck für einen rituell verhängten Fluch , der seit dem Zweiten Weltkrieg auf seinem Leben liegt. Erst als der trinkfeste und in Oxford als Schürzenjäger bekannte Gelehrte gestorben ist, der die glänzenden Versprechen zu Beginn seiner akademischen Karriere nie hat einlösen können, bringt sein jüngerer Kollege, Mike Newall, nach und nach das Geheimnis dieser Verwünschung ans Licht. Kurz vor seinem Tod hat O'Dwyer ihm zumindest noch seine Version davon preisgegeben, und Newall, irischstämmig und Neuseeländer wie der ältere Kollege, war in seiner Jugend in Auckland sogar Zeuge, als der Fluch verhängt wurde. Durch diese ein wenig konstruiert wirkende Überschneidung taucht Newall, während er O'Dwyers Geheimnis nachspürt, auch in die eigene neuseeländische Jugendzeit zurück. Und in beiden Fällen zeigt sich, dass es jeweils der Tod eines Maori unter undurchsichtigen Umständen war, der in ihrem Leben eine Zäsur gesetzt hat. Bei Newall war es der Selbstmord des Jugendfreundes Frano, den er verschuldet zu haben meint, weil er sich gegen dessen Willen in seine erste grosse Liebe mit Franos Cousine Marica gestürzt hat. Bei O'Dwyer wiederum war es der Tod von Franos Vater Joe, der im Zweiten Weltkrieg zu dem Maori-Bataillon gehörte, das O'Dwyer im Frühsommer 1941 auf Kreta befehligte. Die alliierten Truppen konnten die deutsche Eroberung der Insel nicht verhindern, und O'Dwyer erschoss bei dem überstürzten Rückzug den durch eine Mine schwer verletzten Joe; dies war der Grund, dass Joes Angehörige später den makutu über ihn verhängten, der O'Dwyer zur Erfolglosigkeit und zum Leben im Exil verdammen sollte. Stead erinnert mit diesem Roman an ein heikles Kapitel, das überall in den Historien der von Weissen besiedelten Neuen Welt zu finden ist: die späte Integration der wenigen überlebenden Ureinwohner. Die in den Roman gefädelte Chronik eines der Maori-Bataillone, die im Zweiten Weltkrieg aufgestellt wurden, soll ihnen zweifellos mit manchmal allerdings auch ein wenig verklärenden Zügen einen angemessenen Platz in der neuseeländischen Historie sichern. Trotzdem ist es bezeichnend, dass «Makutu» eigentlich eher von O'Dwyers und Newalls Schuldgefühlen handelt. Wahrscheinlich bringt das schon das akademische Milieu mit sich, in dem ja zu beobachten ist, wie die sogenannte Aufarbeitung von Geschichte manchmal eher in selbsttherapeutische Rituale der Historiker umschlägt. Stead hat im Übrigen noch einige weitere Erzählstränge in den Roman geflochten. So wird, im Stil eines Campus-Romans, etwa erzählt, wie für die beiden Neuseeländer umgekehrt Oxford zur Neuen Welt geworden ist, oder davon, wie sich über gescheiterte Ehen hinwegkommen lässt. Nicht zuletzt führt einer dieser Stränge auch noch auf verschlungenen Wegen zu den Kriegen im zerfallenden Jugoslawien. Diese Vielzahl von Handlungselementen tut dem Roman nicht gut, weil einige angesichts der so ins Spiel kommenden Themen ein wenig zu dürftig bleiben. Aber eines zeigen sie immerhin doch: Für aus Europa gekommene Neuseeländer gibt es sogar die Möglichkeit einer Rückkehr, weil diese Wurzeln nie völlig verschwinden. Auch das unterscheidet sie von den Maori. Uwe Pralle