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Besoffen, aber gescheit. Joseph Roths Alkoholismus in Leben und Werk.
 
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Besoffen, aber gescheit. Joseph Roths Alkoholismus in Leben und Werk. (Broschiert)

von Eleonore Fronk (Autor), Werner Andreas (Autor)
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Produktinformation

  • Broschiert: 200 Seiten
  • Verlag: ATHENA; Auflage: 1. Aufl. (25. September 2002)
  • ISBN-10: 3932740955
  • ISBN-13: 978-3932740954
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 1.252.327 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen "Schreiben und Trinken sind zwei Arten nicht allein sein zu müssen", 29. Januar 2007
"Die pathographische Analyse hervorragender Persönlichkeiten zeigt, wie Krankheit nicht nur unterbricht und zerstört, sondern wie Krankheit Bedingung gewisser Leistung sein, im Kranksein eine Tiefe und Abgründigkeit des Menschseins überhaupt sich zeigen kann." (Karl Jaspers aus Allgemeine Psychopathologie, S. 656)

Die beiden Autoren des vorliegenden Buches, Eleonora Fronk und Werner Andreas, nähern sich dem Leben und Werk Joseph Roths aus der medizinisch-psychiatrischen Perspektive. Sie tun dies äußerst behutsam und ohne jeden moralischen Fingerzeig. Gelegentlich kommt bei den Autoren sogar Bewunderung für Roths Konstitution zum Vorschein (siehe Kap. 4.4. Zum graphomotorischen Substrat Seite 114 ebd.)
Wie vorsichtig die Autoren zu Werke gehen, zeigt sich schon darin, dass wir uns bereits auf Seite 51 des 190 Seiten dicken Buches befinden, ehe die eigentliche Biographie Joseph Roths beginnt. Zuvor haben die Autoren die bestehende Sekundärliteratur geprüft, dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (sehr genau) auf die Finger geschaut, methodische Vorüberlegungen angestellt, Roths Suchtverhalten mit Jack London, Ernest Hemingway und Gottfried Benn verglichen.

Die Autoren verwenden zum Aufbau ihres Buches die sogenannte Biographik" (siehe Seite 49 ebd.) als Methode.
Diese Methode des "lebensgeschichtlichen Verstehens" wurde vorallem von Karl Jaspers herausgearbeitet (Seite 49 ebd.).
Schon durch diese Methode scheint sich das Buch wie von selbst zu strukturieren. Es liest sich trotz der schwierigen Fragestellung (immerhin geht es um die Frage der Transformation Roths Alkoholerkrankung in die literarische Fiktion) leicht und spannend.
Das Buch ist einem medizinischen Laien zugänglich ohne dass es dadurch an Niveau verliert. Auch darin ist den Autoren ein Kunststück gelungen.

Eine Vereinnahmung durch kunstfremde Methodik und kurzschlüssige Begriffszuweisung verschließt indessen eher das Werk Roths (Seite 38 ebd.)" schreiben die beiden Autoren und halten sich selbst an diese Aussage. So hat man den Eindruck, sich immer auf dem Boden von Tatsachen und Fakten zu bewegen, ohne jedoch von den Fakten erschlagen zu werden. Sympathisch ist, dass sich die Autoren nicht in Deutungen verstricken ("Doch wären wir niemals so vermessen, ihn - Joseph Roth A.d.A - in das Prokrustes-Bett der Psychoanalyse zu zwingen" Seite 43 ebd.) und äußerst dezent mit dem zur Verfügung stehenden biographischen Material umgehen. Als Leser hätte man sich gewünscht, mehr darüber zu erfahren, was die Autoren denken und wissen. Aber letztlich wird das Buch gerade durch diese Aussparung spannend. Gerade weil die Autoren sich nicht wie die Geier auf Roths Alkoholkrankheit stürzen ("Vorausschicken dürfen wir ..., dass bei Joseph Roth weder eine Verleugnung seines Alkoholismus bestand, noch von ihm Projektionen entwickelt wurden: Es bestanden keine Abwehrmechanismen, und er pflegte auch nicht zu rationalisieren." Seite 54 ebd.), sondern stets bei ihrer Fragestellung bleiben, in wie weit Roths Alkoholmißbrauch die literarische Fiktion beeinflußt habe, entstand ein leises Buch mit Tiefenwirkung.

Schon der Titel des Buches "Besoffen, aber gescheit", zeigt, dass die Autoren bereit waren, Roth als den vielschichtigen und komplexen Autor der er wahr, zu begreifen. Denn Joseph Roth war nicht nur "gescheit besoffen", sondern auch gescheit wenn (oder obwohl?) er besoffen war.
Es wird auch nicht vergessen, dass Joseph Roth ein hervorragender Journalist war, und das Mißverständnis aus der Welt geräumt, Roth sei unpolitisch gewesen.
Ihre Haltung zum "Trinker" Joseph Roth ist frei von Moral: "Dass Trinken Ausdruck von Charakterlosigkeit sei, ist heute genau so tabuisiert - oder sollte es wenigstens sein -, wie die Ablehnung von Homosexualität als menschheitsfeindliche Perversität." Obwohl ja nun dieser Satz die Neutralität der Autoren dokumentieren soll, ist er meiner Ansicht nach unglücklich. Alkoholismus und Homosexualität in ein Bild zu bringen läßt nämlich zwei Schlüsse zu: entweder die Autoren behaupten, Alkoholismus sei keine Krankheit ebensowenig wie Homosexualität, oder Homosexualität sei ebenso eine genetisch oder gesellschaftlich bedingte Erkrankung wie Alkoholismus. Sucht ist sicher eine Erkrankung. Homosexualität ist eine Neigung, eine sexuelle Spielart.
Dass Joseph Roths Alkoholismus nach Meinung der Autoren nicht die üblichen pathologischen Muster aufweist, und daher wie eine Neigung, eine Spielart daherkommt, relativiert den Satz im nachhinein.
Der Satz wird, wenn auch unglücklich, dennoch notwendig, da die Autoren zeigen, dass zwischen Joseph Roths Schreiben und Leben zwar ein Zusammenhang bestand ("Literatur ist für ihn Synonym für Leben. Und ohne Alkohol konnte er nicht schreiben." Seite 187 ebd.) aber eben auf die literarische Fiktion keinen Einfluß hatte ("Eine Transformation seiner Alkoholerkrankung in die literarische Fiktion, wie das zu erwarten gewesen wäre, hat dagegen nicht stattgefunden" Seite 189 ebd.).
In diesem Sinne ergriffen Eleonora Fronk und Werner Andreas mit einem äußerst differenzierten Blick die Partei der Literatur. Das achte Kapitel widmet sich demzufolge dem Werk Joseph Roths auch in Einzelbesprechungen (Tarabas, Radetzkymarsch, Die Legende vom heiligen Trinker) um die literarischen Figuren Roths auf ihr Trinkverhalten zu überprüfen. So schreiben die Autoren über den Roman "das falsche Gewicht": "Der Roman liefert die ausgeprägte Schilderung eines Mannes in extremer Abhängigkeit vom Alkohol, klinisch exakt samt allen negativen Folgen bewertet. Joseph Roths eigene Entwicklung steht aber in scharfem Gegensatz zu einem derartigen Verlauf, denn er blieb ja in seiner geistigen Potenz bis zum bitteren Ende intakt."

"Besoffen, aber gescheit" ist ein gelungenes Buch, das nicht nur den Dichter Joseph Roth" neu positioniert hat, sondern mich auch ins Bücherregal greifen ließ, um "Die Legende vom heiligen Trinker" noch einmal zu lesen.
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3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Wenn die Narrenschelle klingelt, 26. Januar 2003
Sofern Philologen aller Couleur sich bislang mit Literaten oder deren Werken beschäftigten, so geschah und geschieht dies seither stets aus dem Blickwinkel der Künste, der artes, wie im angloamerikanischen Sprachraum die Geisteswissenschaften genannt werden, nie aber auf der Basis der Naturwissenschaften, wie auch immer.

So kommt es uns gelegen, dass wir erstmalig auf ein Schrifttum stoßen, welches ein auf den ersten Blick rein philologisches Thema zumindest versucht naturwissenschaftlich zu erhellen.
Im vorliegenden Falle geht es um ein Buch des Nervenärzte Eleonore Fronk und Werner Andreas, die die alkoholsüchtige Entwicklung des österreichischen Schriftstellers Joseph Roth aus medizinisch-psychologischer Sicht betrachten wollten.
Dabei war dies zunächst gar nicht die Absicht der ursprünglich auf sich allein gestellten Autorin Eleonore Fronk, die über Jahre hinweg versucht hatte, dem Thema aus tiefenpsychologischer Sicht gerecht zu werden, ganz wie es ihr ihr Doktorvater, ein mittlerweile emeritierter Professor der Psychiatrie, aufgetragen hatte. Im Falle eines erfolgreichen Abschlusses der Arbeit hätte uns somit wieder eine eher künstlerische Betrachtung der Dinge vorgelegen; wenn man, wie der Verfasser dieser Zeilen, die frühe Urform dieses Textwerkes kennt. Dann hätten wir wiederum - nur -eine hermeneutische Auslegung der Textur einer menschlichen Seelen- Geistes- und Versagenslandschaft erlebt, welche - vielleicht - gut lesbar, nicht aber grundlegend erhellend gewesen wäre. Glücklicherweise erkannte die Autorin die Sinnlosigkeit ihres ursprünglichen Unterfangens nach Jahren der Qual und der fruchtlosen Auseinandersetzungen mit ihrem Auftraggeber und hätte wahrscheinlich gänzlich aufgegeben, wenn es nicht zur Zusammenarbeit mit ihrem psychiatrischen Kollegen gekommen wäre.

Wir haben das Ergebnis zu betrachten und uns zu fragen, ob es uns zusätzliche Erkenntnisse einträgt im Hinblick auf die Frage, inwieweit Suchterkrankungen und hier zuvörderst die Alkoholkrankheit sich auswirken auf die künstlerische Schaffensleistung eines Schriftstellers, der von nicht wenigen zu den Hochliteraten des deutschen Sprachraums gezählt und vielleicht in einem Atemzug mit Autoren wie Thomas Mann, Franz Kafka, Robert Musil und anderen genannt wird.

Es ist nicht einfach, dem Buche mit einigen wenigen Zeilen gerecht zu werden. Denn sosehr es sich bemüht, medizinisch-naturwissenschaftlich zu argumentieren, so sehr werden auch die Grenzen deutlich, die einer solchen Betrachtungsweise (heute noch) gesetzt sind, wenn sie sich auf die menschliche Seele bezieht. Auch sind die Autoren keine modernen Naturwissenschaftler im engeren Sinne, eher sind sie Repräsentanten einer klassischen Medizinerkarriere, die ja keineswegs eine ausschließlich naturwissenschaftliche Bildung gewonnen, sondern sich gleichermaßen auf einer geisteswissenschaftlich Basis entwickelt haben.

Die Ausgangsmotivation des Buches (und auch der ursprünglichen Dissertation) bildet die Frage, ob sich der Alkoholismus des Autors Joseph Roth tiefenpsychologisch erklären lässt und ob sich sein Werk in irgendeiner Form im Sinne einer Bewältigungsstrategie erklärt.
Zu diesem Zweck nehmen die Autoren einen Weg, der recht ungewöhnlich zum Teil zu nennen ist und die Schwierigkeiten einer gänzlichen Durchdringung der Problematik nie außer Acht lässt.

In der ersten Hälfte des Buches beschäftigen sie sich mit der Art und Weise, wie Joseph Roths Alkoholismus im bisherigen Schrifttum behandelt wurde und vergleichen die süchtige Entwicklung des Schriftsteller mit derjenigen anderer Autoren wie Jack London, E. Hemingway und Gottfried Benn.
Ergänzt werden diese Betrachtungen durch wissenschaftliche und psychologische Konzepte der Alkoholerkrankung und durch eine zusammenfassende Darstellung der Sekundärliteratur über den Autor Roth insgesamt.

Im Wesentlichen schließt sich sodann eine Betrachtung der Frage an, welche Zusammenhänge zwischen Alkoholgenuss und Autorschaft bestehen könnten - es werden hier einige interessante Konzepte erläutert.
Die Lebensgeschichte J. Roths bildet dann einen wesentlichen Teil des Buches, auf sie wird in besonderem Maße sehr ausführlich eingegangen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Betrachtung seiner alkoholsüchtigen Entwicklung und es wird der Frage nachgegangen, inwieweit das literarische Werk selbst den Alkoholismus zum Thema hat.

Den Abschluss bildet eine Darstellung der 'literarischen Biografie' des Autors mit der Frage, ob sein zunehmender Alkoholkonsum in den Werken - im Sinne einer Qualitätsverschlechterung - wiederzufinden ist. Ergänzend wird auch noch das Briefwerk des Joeph Roth dargestellt.

Das Buch bietet auf Anhieb eine Fülle von Informationen und informativen Zusammenhängen, wie sie in dieser Form wohl - Roth und andere Autoren betreffend - noch nie dargestellt wurden. Erwähnenswert ist vor allem, das allem Psychologisieren und Analysieren eine naturwissenschaftliche Denkungsalternative zur Seite gestellt wird. Das liegt im Trend der Zeit - in der so viele scheinbar psychogene Faktoren auf einmal durchsichtig werden vor dem Hintergrund neuerer biologisch-medizinischer Erkenntnisse.
Dennoch, und auch dies darf nicht unerwähnt bleiben, hat sich das Buch von dem ursprünglichen Ziel - einer Dissertation - weit entfernt. Wer eine klassische wissenschaftliche Analyse erwartet, der würde sicherlich enttäuscht, denn es finden sich darin weder eine klare Hypothesenbildung und eine aus ihr abgeleitete logische Struktur einer wie auch immer gearteten Beweisführung.

Es sei betont: Dies ist kein wirklicher Nachteil des Buches, das eher erzählen will und kein pures Forschungselaborat sein möchte.
Vielmehr beeindruckt an ihm die ungeheure Verdichtung des zusammengetragenen Materials, welches den Aufwand erahnen lässt, welcher erforderlich war, um es überhaupt fertig zu stellen.

Die Autoren kommen unter anderem zu dem Ergebnis, dass sich der Alkoholkonsum des Autors und sein Werk auf tiefenpsychologische Weise nicht fassen ließen. Möglicherweise werden dies die Tiefenpsychologen oder analytisch orientierte Menschen anders sehen, denn, und dass muss man vielleicht ergänzen, geht es in dieser Disziplin eher um ein 'einfühlendes Verstehen', nicht um einen klassischen wissenschaftlichen Beweis oder eine Widerlegung einer Tatsache.
Da sich aber im Sinne eines 'einfühlenden Verstehens' unter Hinzuziehung psychoanalytischer Ideen alles mögliche erklären lässt, ohne dass es sich in Kategorien wie 'richtig' oder 'falsch' einordnen ließe, hat die Schlussfolgerung der Autoren etwas sehr Gutes, da die Hoffnung besteht, dass in Zukunft niemand mehr versuchen wird, Roth tiefenpsychologisch zu erfassen.

Doch um endlich zurückzukehren zum Wesentlichen:
Was hervorsticht, ist eine Erkenntnis der Autoren, die selbst althergebrachten Psychiatern im Bereich der Suchtmedizin möglicherweise nicht immer präsent sein dürfte: Joseph Roth kann als Beispiel dafür dienen, dass es Menschen gibt, die einer chronischen (dauerhaften) Intoxikation (Vergiftung) durch ein Nervengift wie Alkohol geistig - ohne jegliche Beeinträchtigung des intellektuellen Leistungsvermögens - zu trotzen vermögen, wenngleich sie körperlich längst niedergehn. Derartige Phänomene finden wir selbst in medizinischen Fachbüchern kaum erwähnt.

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