von Harald Welzer
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Michael Howards Kurzgeschichte der Weltordnung
Der süsse Tod fürs Vaterland scheint in den westlichen Gesellschaften aus der Mode gekommen zu sein. Nur wenige Menschen halten den Krieg noch für eine ruhmträchtige Beschäftigung. Da kein äusserer Feind mehr für sozialen Zusammenhalt sorgt, gehört der Tod nicht mehr zum Gesellschaftsvertrag. Aufgewachsen unter dem nuklearen Schutzschirm, sind die allermeisten Bewohner Europas zuletzt von den Schrecken eines heissen Krieges verschont geblieben. Für sie ist Frieden das, was sie in ihrem näheren Umkreis gerade haben. Und da ihr Sichtfeld eng und ihr Gedächtnis kurz ist, halten sie den Frieden für einen natürlichen Zustand.
Nichts davon ist wahr. Der Frieden ist immer zerbrechlich. Schon um 1900 war der Glaube weithin verbreitet, globaler Handel, Demokratie, Vernunft und nationale Autonomie sicherten auf immer den Frieden in Europa. Die gebildeten Mittelschichten waren auf dem besten Wege, sich zu einer Art internationaler Gemeinschaft zu verbrüdern. Vierzehn Jahre später zogen alle in den Ersten Weltkrieg. Das Gleichgewicht der Kräfte, das nahezu hundert Jahre den grossen Krieg verhindert hatte, war auf einen Schlag zerstört.
Das beste Heilmittel gegen Hoffnungen sind Informationen. Und das beste Gift gegen die Vergesslichkeit des Zeitgeists ist historische Weitsicht. Michael Howard, einer der angesehensten Militärhistoriker der Gegenwart, Professor in Yale, London und Oxford sowie Mitbegründer des International Institute for Strategic Studies, überblickt auf gut 100 Se ten immerhin einen Zeitraum von 1200 Jahren. Seine kurze Universalgeschichte von Krieg und Frieden reicht von der frühen Feudalzeit der Ritter und Feldherren über die modernen Kriege der Nationen und Ideologien bis zur Konstellation nach 1989, dem Zeitalter der Tomahawks und Kalaschnikows.
Aus der Fernsicht erkennt man deutlich, weshalb sich die Idee eines irdischen Friedens erst spät, während der Aufklärung, einstellen konnte. Allezeit war der Krieg für die Erdenbewohner so gegenwärtig, dass sie ihn für selbstverständlich hielten. Die pazifistische Regung entsprang nicht nur humanitären Erwägungen. Sie wurde erst möglich, als die eingeschränkte Kriegsführung der Könige und Kabinette den Blutzoll der bürgerlichen Klassen bereits reduziert hatte. Weil der Mittelstand nur für die Kasse aufkommen musste, konnte er den Krieg für ein überflüssiges und kostspieliges Vergnügen der Aristokratie und der unzivilisierten Unterklassen halten.
Die Revolution des dritten Standes und der Export ihrer Ideen liessen diese Utopie zerplatzen. In den napoleonischen Kriegen wurden ganze Völker mobilisiert, die Feuerkräfte gesteigert, und es wurde die Kampfmotivation durch die Idee der Nation radikalisiert. Metternichs Restauration verkleinerte die Volksheere wieder und tarierte das Staatensystem so aus, dass es bis auf einige kriegerische Rejustierungen ein Jahrhundert lang standhielt. Für den Faschismus war «Frieden» ein Schimpfwort, der Kommunismus versprach, unter der Führung einer avantgardistischen Priesterkaste, ein klassenloses Universum ohne Dissidenz. Und die liberale Demokratie glaubte an die Fähigkeit der Menschen, die Fesseln der Geschichte abzuwerfen und durch vernünftige Abkommen einen friedvollen Bund der Völker und Staaten zu schliessen. Von diesen Konzepten des kurzen 20. Jahrhunderts hat nur das letzte Projekt überlebt.
Howard verweist zu Recht auf die Grenzen der liberalen Friedensutopie. Keineswegs ist in Demokratien die öffentliche Meinung immer zivilisiert, allgemeine Wahlen untergraben nicht selten den sozialen Zusammenhalt und verschaffen wie in manchen postkommunistischen Ländern den Agitatoren von Fremdenhass Zulauf und Loyalität. Selbstbestimmung im Namen der Nation kann einhergehen mit dem Ausschluss von Minderheiten. Der freie Austausch von Ideen und Gütern provoziert Massnahmen der Abwehr und Protektion, da globaler Wettbewerb oftmals zu lokalem Ruin führt. Und schliesslich fehlt den demokratischen Wohlstandsgesellschaften meist die Bereitschaft, die Opfer aufzubringen, welche für ein Gleichgewicht der Kräfte oder für die Schirmherrschaft eines Staatenbundes notwendig sind. Militärische Macht ist nicht nur für die Errichtung, sondern auch für die Erhaltung des Friedens unerlässlich. Und solange Demokratien diesen Preis nicht bezahlen wollen, bleiben die Tage des Friedens gezählt.
In Howards Gesamtschau zeichnen sich historische Wiederholungen in erschreckender Deutlichkeit ab. Zu den Grundmodellen des Friedenszustands, der imperialen Hegemonie und dem Gleichgewicht der Kräfte, scheint es kaum Alternativen zu geben. Auch die Chancen der transnationalen Eliten der Gegenwart sind in Zeiten staatlicher Erosion nur begrenzt. Auf eine natürliche Abneigung der Menschen gegen den Krieg ist ohnehin nicht zu setzen. Denn die Verachtung bürgerlichen Friedens kann, so Howards skeptisch-konservative Schlussbetrachtung, auch weniger harmlose Formen annehmen. Nicht ohne Grund rechnete die acedia, die Trägheit des Herzens, einst zu den sieben Todsünden. Die Langeweile suchte sich schon immer ein Ventil in Militanz, Gewalt und im Abenteuer des Krieges.
Wolfgang Sofsky
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