Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Klassiker der Erzählsprache und des Stils, 12. März 2008
Zum Inhalt
Elias Rukla tut, was er tuen muss, was von ihm verlangt wird. Er führt ein unauffälliges Leben und ist in sich gefangen. Seine Person ist unspektakulär. Er lebt in seiner eigenen Welt, hat Verständnis für seine Schüler und doch auch wieder nicht. Er verliert sich während des Unterrichts in einer Erregung über die Entdeckung einer eigentlichen Nebenfigur in Ibsens "Wildente", die sich jedoch als Hauptfigur herausstellt - jedenfalls unter seiner Interpretation. Davon völlig eingenommen und begeistert, versucht er seine Schüler darauf aufmerksam zu machen, die dafür allerdings nur ein müdes Gähnen übrig haben. Rukla gibt schließlich auf und die Dinge nehmen ihren Lauf.
Er hat an diesem trüben Montagmorgen nur die beiden Norwegischstunden und dann frei. Erleichtert rennen seine Schüler in die Pause und er auf den Pausenhof, wo sich sein Regenschirm nicht öffnen lässt und Rukla daraufhin ausrastet. All seine Wut, seine Unfähigkeit, sein verdammtes Leben kommt ihm hoch und er zertrümmert im Wahn den Regenschirm. Doch er vergreift sich auch im Ton den "gaffenden" Schülern, die solch einen Rukla noch nie gesehen haben und angewidert und gleichzeitig auch angetan sind von ihm, gegenüber und wird verbal absolut ausfallend. Als er begreift, was er da getan hat, ist er zutiefst enttäuscht und kann endlich auf die Suche gehen, warum es dazu überhaupt gekommen ist.
Zur Aufteilung des Romans
Ich hatte eigentlich etwas völlig anderes erwartet, nämlich den Ausraster und das dann folgende Leben, ähnlich wie bei Gregorius (Nachtzug nach Lissabon). Doch der Leser erfährt nicht, wie es am Tag x nach diesem Fehltritt weitergeht, wie er damit umgeht, wie die Schüler damit umgehen, ob es Konsequenzen hat, etc! Nein, der Leser erfährt, wie es dazu kommen konnte, was in Ruklas Leben vorgefallen ist, was das hervorrufen konnte. Und dann beginnt die Geschichte im Grunde genommen mit einem Rückblick, der aber fast in Echtzeit erzählt wird, einem also gar nicht wie eine Rückblende vorkommt. Was war Rukla für ein Jugendlicher, was für Freunde hatte er, was für ein Mensch ist er geworden? Das sind die zentralen Dinge, die dem Leser klarmachen, warum Rukla wie Rukla ist und nicht anders. Anfangs war ich enttäuscht über die Erkenntnis, dass es ganz anders weitergeht, als ich erwartet habe. Seine Frau wird eingeführt, sein bester Freund, ebenfalls. Seine Liebe zur Literatur und Philosophie. Man lernt Rukla in- und auswendig kennen. Man denkt mit ihm, man geht mit ihm, man handelt mit ihm, man versteht ihn oder lernt ihn zu verstehen - was in diesem Kopf vorgeht, warum er so und nicht anders entscheidet.
Der Roman ist also so aufgebaut, dass man die Katastrophe zu Beginn erfährt und dann das Leben Ruklas präsentiert bekommt, um nachvollziehen zu können.
Meine Meinung
Ich bin begeistert von der Erzählsprache. Ebenso davon, dass es in diesem Buch auch um Literatur, Romanfiguren und deren Interpretation geht, um Klassiker und Schriftsteller, etc. Rukla ist Philosoph. Der Autor gibt tiefste Einblicke in die menschliche Seele, wie und warum Rukla sich so verhält. Die Sprache ist unglaublich treffend und passend. Die Übersetzung wirklich sehr, sehr gut gelungen. Es geht um Ruklas Existenz, die für ihn mit diesem Tag erloschen ist. Er akzeptiert keine Entschuldigung, kein Verzeihen. Jedem anderen hätte das passieren können, nur ihm nicht. Nein, jedem anderen hätte es passieren dürfen, nur ihm nicht! Man hat beim Lesen das Gefühl Rukla selbst zu sein, so authentisch ist seine Gedankenwelt wiedergegeben. Es ist unglaublich einfach, ihm zu folgen, ihn zu verstehen und doch ist es ebenso unglaublich, was für ein im Grunde resignierender Mitläufer Rukla ist.
Mein Fazit
Ganz klar ***** Sterne! Endlich mal wieder Anspruch. Die Sprache ist schön und einfach, aber man muss wirklich lesen, auch zwischen den Zeilen, um aus der Einfachheit herauszufiltern, was Rukla für ein Mensch ist und warum er so geworden ist. So einfach wie einem die Lektüre anfänglich vorkommt, sie entpuppt sich als nicht ganz so leichte Kost! Dieser Roman gibt dem Leser viel mehr, als das Leben einer Romanfigur, nein, man lernt zu begreifen, was Scham und Würde ist, was ein Leben nachhaltig prägen und beeinflussen kann, was für innerliche Konsequenzen Ausrutscher haben können und wie unterschiedlich Menschen damit umgehen. Man kann in eine Seele blicken, in die Gedankenwelt und in das Leben eines Menschen, als wäre es das des Nachbarn von nebenan.
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14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein sprachlich hochstehender Roman eines Schriftstellers, der bei uns erst noch wirklich entdeckt werden muss, 11. März 2008
Dag Solstadt ist ein in Norwegen sehr angesehener, hierzulande jedoch noch ziemlich unbekannter Schriftsteller, der in seinem Heimatland seit einigen Jahren sogar schon mit dem Literaturnobelpreis in Verbindung gebracht wird.
In diesem kleinen Roman, den der Dörlemann Verlag in einer schönen Aufmachung publiziert und den Ina Kronenberger in einer sehr genauen und sensiblen Weise übersetzt hat, erzählt Solstadt die Geschichte eines Mannes, der eigentlich nie wirklich in seinem Leben ankommt. Ein Mann, der vor lauter Reflexion über das, was um ihn herum passiert, große Schwierigkeiten hat, daran teilzunehmen, und der deshalb mehr und mehr innerlich und auch intellektuell vereinsamt.
In der Rahmenhandlung, mit der Solstadt das Buch anfangen und enden lässt, beschreibt er einen Tag im Leben des Studienrats Elias Rukla. Es ist ein verregneter Montagvormittag und er nimmt mit einer Norwegischklasse Henrik Ibsens Drama "Die Wildente" durch. Die Schüler sind am Thema des Unterrichts nicht interessiert und Elias Rukla weiß, "dass er bei seinen Schülern im Grunde als Lehrer unerwünscht war, was ihn an und für sich nicht mehr schmerzte als eine normale Traurigkeit, die alle kennen, die sich irgendwo nicht recht willkommen fühlen."
Er will einfach nur seinen Schülern klassische Bildung beibringen, weil er sie für wichtig hält ( oder macht er sich das nur selber vor ?), aber er weiß genau , dass er damit scheitert. Nur weil seine Schüler ihn gnädig dulden, kann er überhaupt vom Pult aus über irgendwelche Nebenfiguren des Dramas dozieren, über die er angeblich richtungsweisendes herausgefunden zu haben glaubt. Frustriert geht Elias nach Hause, wie schon Tausende Tage vorher. Es regnet und er will im Schulhof seinen Regenschirm öffnen, doch der funktioniert nicht so, wie er will. Eine wachsende Zahl von neugierigen und feixenden Schülern versammelt sich um ihn herum, um dem Schauspiel des mit dem Schirm kämpfenden und immer wütender werdenden Lehrers zuzuschauen. Und da explodiert in einer Sekunde Ruklas ganzes Leben: er beschimpft die Schüler auf das Übelste und macht sich auf den Weg nach Hause, wo seine Frau auf ihn wartet. Und während er Umweg über Umweg läuft, denn er hat Angst vor der schrecklichen Wahrheit, dass mit diesem Eklat nun sein berufliches aber auch privates Leben an ein Ende gekommen ist, während er läuft und läuft, immer wieder nach einer Kneipe Ausschau hält, wo er seine tägliche Ration Alkohol zu sich nehmen könnte, versinkt er vor Scham über seine verlorene Würde.
Während Dag Solstadt in einer großen Rückblende die Vorgeschichte von Elias Rukla erzählt, wird mehr und mehr deutlich, daß er seine Würde nicht erst auf dem Schulhof verloren hat.
Elias befreundet sich während des Studiums mit dem Philosophiestudenten Johan Corneliussen und dessen späterer Frau Eva Linde, einer wunderschönen Frau. Die beiden Studenten verbringen viel Zeit mit Trinken und intensiven Gesprächen. Immer aber ist es Elias, der quasi hinterherhinkt, sowohl beim Trinken als auch bei der Philosophie.
Nach sieben Jahren, Elias arbeitet schon längst als Lehrer, verlässt Johan seine Frau und seine sechsjährige Tochter und gibt beide seinem Freund Elias in dessen Obhut. Der nimmt den Auftrag an, kauft sich eine größere Wohnung, Eva zieht mit Tochter dort ein und zwei Jahre später heiraten sie. Elias weiß nie, ob sie ihn auch wirklich liebt, er macht sich viele Gedanken darum, aber er fragt sie nie. Er ist zufrieden damit, dass wieder einmal ein anderer sein Leben bestimmt hat. Er geht seiner Arbeit nach, ist nicht wirklich unglücklich, doch bald erlebt er sein Leben flacher werden. Und auch seine Umgebung widert ihn an: " Er war zutiefst getroffen, wenn die Zeitungen und das Fernsehen sich anscheinend nicht länger an ihn und diejenigen, die wie er waren, richteten. Es schien, als würden sich jene, die die Herolde der Gesellschaft waren überhaupt nicht für ihn interessieren. Ganz im Gegenteil, es kam ihm vor, als würden sie demonstrativ an ihm vorbeischauen, fast so, als hätten sie gar eine besondere Freude daran. Er war wie Luft für sie, und das fand Elias Rukla zutiefst verletzend."
Auch im Freundeskreis und im persönlichen Umgang mit anderen Menschen verstummt er mehr und mehr: "Er hatte nichts mehr zu sagen, und es sah auch nicht so aus, als hätten andere in seinem Freundeskreis oder seiner kulturellen Schicht noch etwas zu sagen. Es schien, als interessierte es niemanden mehr, ein Gespräch zu führen. Sich richtig zu unterhalten, sich zusammen um eine Erkenntnis von persönlichem und gesellschaftlichem Charakter zu bemühen, und sei es nur um den Hauch einer momentanen Erkenntnis willen. Elias Rukla musste, was seine Person betraf, einräumen, dass er dazu nicht länger imstande war, er konnte schlicht und einfach nicht mehr reden."
Statt einen Kollegen, der ihn interessiert, einzuladen, findet er tage- und wochenlang Gründe vor sich selbst, warum dieser die Einladung ablehnen würde.
Elias Rukla konstatiert, dass auch die Schönheit seiner Frau verflogen ist, doch er belässt es dabei und sieht hilflos zu, wie sich seine Frau ein neues Leben aufbaut, mit 47 Jahren beginnt, Sozialarbeit zu studieren und sich in der Drogenhilfe engagiert.
All diese Gedanken innerlich notierend lässt Solstadt Elias Rukla sich voller Scham über seine verlorene Würde seinem zuhause nähern und zieht als Fazit: "Das heißt ja, das es jetzt aus ist, dachte er. Wie schrecklich, aber es gibt keinen Weg zurück."
Ein sprachlich hochstehender Roman eines Schriftstellers, dessen wirkliche Entdeckung im deutschsprachigen Raum erst noch bevorsteht. Dem Dörlemann Verlag ist für sein Engagement für diesen Autor nur zu danken.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Über die Unerträglichkeit des Seins, 25. Dezember 2007
Jeder kennt ihn, den Moment, wo der eine Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Da liegen die Nerven plötzlich blank, die Reaktion auf ein an sich bedeutungsloses Ereignis ist völlig unangemessen und alle Außenstehenden schütteln nur den Kopf. Zu Recht, denn sie kennen die Hintergründe nicht, die in der Addition dazu führten, dass dieser Mensch ausrastet.
So geht es Elias Rukla, seines Zeichens seit 25 Jahren Norwegisch-Lehrer am Fagerborg Gymnasium in Oslo. Am Abend zuvor hat er etwas zu viel Bier und Aquavit getrunken, etwas, das ihm häufiger passiert in den letzten Jahren. Die Gründe erfahren wir nach seinem an sich harmlosen Ausraster als der Schirm sich nicht öffnen lassen will.
Gerade hat er noch wie in den 25 Jahren zuvor noch ein Stunde zu Ibsens "Wildente" vor einer Schar desinteressierter Schüler absolviert, in der er selber sowohl Ibsen (noch) besser versteht als auch die Apathie der Schüler, denen man ein Curriculum anbietet, das so gar nichts mit deren realem Leben zu tun hat. Doch "Nicht fürs Leben lernen wir ...", hieß es ja einst im Originaltext, bevor irgendjemand die Kausalitäten aus interessierter Argumentation von den Beinen auf den Kopf gestellt hat.
Elias Rukla verliert also die Nerven und der Leser erfährt, wie es in mehr als 30 Jahren zwangsläufig dazu kommen musste. Wir nehmen teil am "Aufstieg und Fall" eines durchschnittlich begabten Studenten, der im Laufe seines Studiums einen wirklich begabten Philosophie-Kommilitonen kennen und bewundern lernt. Als dieser eines Tages der Philosophie abrupt ade sagt, um stattdessen ein materiell abgesichertes Leben als Berater im Land der ungeahnten Möglichkeiten zu führen, überlässt er Elias Rukla gleichzeitig auch Haus, Frau und Kind.
Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf, so wie wir es aus den Büchern der Weltliteratur hinreichend kennen. Die Ambition wird den praktischen Notwendigkeiten der Realitätsbewältigung geopfert. Alltag und Routine nehmen ihren Lauf.
Was bleibt ist Selbstmitleid und Nachdenken im stillen Kämmerlein, wie es soweit kommen konnte. Weder Thomas Mann, Milan Kundera noch Karl Marx können helfen. Nur der Alkohol lindert das Leid stundenweise. Wie seine Schüler wartet Elias Rukla letztlich nur noch auf das Klingeln der Pausenglocke. Doch die unterbricht das Leid nur kurz. Wie Sisyphus muss er danach den Stein wieder weiter den Berg hinaufrollen. Doch dann öffnet sich dieser Schirm nicht mehr und der Roman endet ein wenig abrupt.
Fazit: Nur für Leser mit traditionellem Bildungskanon, viel Geduld und Interesse an Philosophie und Desillusionierung.
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