Amazon.de-Hörbuchrezension
Ingeborg Bachmann (1926-1973), Lyrikerin, Prosa- und Hörspielautorin, begründete ihren frühen Ruhm mit den beiden Gedichtbänden
Die gestundete Zeit und
Anrufung des Großen Bären. Bereits 1953 erhielt sie den Preis der Gruppe 47, andere renommierte Preise sollten folgen.
Hörer und Leser waren und sind fasziniert vom Reichtum ihrer Bildersprache und der Kühnheit ihrer Verse. Die Gedichte geben den Blick frei auf ein Utopia, das -- unerreichbar -- Orientierung gibt, um Grenzen zu überschreiten. Damit wird ein Spannungsverhältnis erzeugt, "an dem wir wachsen", denn: "Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten", aus: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar", Rede 1959.
Die Überzeugung von der verändernden Wirkung von Lyrik und deren utopische Energie übertragen sich auf den Vortrag. Ihre Lesungen, berichten viele, wurden so stets zum Ereignis. Von innerer Bewegung zeugen auch diese Studioaufnahmen, am deutlichsten das Gedicht "Dunkles zu sagen", wo die Emotion der Autorin auf den Hörer übergreift und ihm die Ahnung vermittelt, Authentisches zu erleben.
Wer damit beginnt, die Gedichte Ingeborg Bachmanns kennenzulernen, tut gut daran, die Texte mitzulesen, um im wiederholten Hören und Lesen mit ihnen vertraut zu werden. Erst dann dürfte es möglich sein, Nuancen zu entdecken in dem Ausdruck, den Ingeborg Bachmann ihren Versen gibt, und die große Konfession vom Schriftsteller als einer utopischen Existenz zu verstehen: "...doch wo wir sind, ist Licht."
Ingeborg Bachmann liest acht Gedichte aus den Jahren 1948-1953, elf Gedichte aus dem Band "Die gestundete Zeit" (mit beträchtlichen Abweichungen von den gedruckten Fassungen aus den Jahren 1953 und 1957ff.), 24 Gedichte (von 31) aus "Anrufung des Großen Bären" und acht (von 20 Gedichten) aus der Zeit nach dem letzten Gedichtband. Die Lesungen wurden 1952 und 1957 in den Studios des NDR und SDR aufgenommen. Eine Passage der frühen Aufnahmen hallt etwas nach; das inspirierende Hörerlebnis wird davon nicht beeinträchtigt. --Herbert Wintrich
Autorenporträt
Ingeborg Bachmann, 1926 in Klagenfurt geboren, starb 1973 in Rom. 'Malina' wurde 1990 unter der Regie von Werner Schroeter verfilmt.