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5.0 von 5 Sternen
Michael Haneke und seine Filme, 7. Januar 2006
Eine Pathologie der KonsumgesellschaftDer Versuch, das Phänomen Haneke zu erklären, gleicht einem Hochseilakt. Dass dieser durchaus gelingen kann, beweist dieses von Christan Wessely, Gerhard Larcher und Franz Grabner herausgegebene Werk. In 19 Essays von FilmkritikerInnen, MedienexpertInnen und TheologInnen liefert das vorliegende Buch eine wertvolle und lesenswerte Gebrauchsanleitung für den Umgang mit den mitunter sperrigen Filmen des bekannten und umstrittenen österreichischen Regisseurs Michael Haneke und stellt zudem einen wichtigen Beitrag zur dialogischen Auseinandersetzung zwischen Theologie und Filmkunst der Postmoderne dar. Die kundigen Beiträge über Kino- sowie frühe Fernsehfilme machen auf 368 Seiten die Bilder Hanekes verstehbarer, ohne sie dabei durch aufgesetzte Interpretationen zu entzaubern. Zahlreiche abgebildete Screenshots von Schlüsselszenen aus Haneke-Filmen verleihen den Aussagen zusätzlich Plastizität. In zwei aufschlussreichen Interviewsequenzen von Franz Grabner und Alexander Horwarth gewährt Haneke einen interessanten Einblick hinter die Kulissen seiner Arbeit. Immer wieder setzen die AutorInnen den Fokus auf die gesellschaftskritische Dimension der Hanekeschen Inhalts- und Formensprache. Sei es durch die Zusammenschau der latent rassistischen Tendenzen der sozial abgesicherten Protagonisten in den Filmen „Code Unbekannt“ und „Caché“ oder in den Analysen der von radikaler Entfremdung gekennzeichneten Biographien der „Kinder der Mediengesellschaft“ in den Filmen „Funny Games“ und „Bennys Video“. Im Zentrum der Auseinandersetzung mehrerer Beiträge stehen die jugendlichen Charaktere, denen durch die Versprechungen einer virtuellen Realität ihre Wirklichkeit geraubt wurde und die es ausschließlich durch den Akt der Gewalt schaffen, den verlorenen Kontakt zu sich selbst und den eigenen Gefühlen wiederherzustellen. Die zwischenmenschlichen Kommunikationsstrukturen, die zum Verstummen führen, die kleinen Bürgerkriege im Alltag, die die Blicke gegenüber struktureller Gewalt blind werden lassen, und die Emotionen, die in Anbetracht eines totalitären Coolheitsgebots zunehmend vereisen, werden als zentrale filmische Motive bei Haneke aufgegriffen und in weitere Folge von den Autoren als reale, gegenwärtige „Pathologie der Konsumgesellschaft“ entlarvt. Leerstellen, die die BetrachterInnen auffordern diese mit biographischen Elementen aufzufüllen, das Aussparen von plakativen Happy-Ends sowie ausreichend Raum für die Schmerzen der Opfer werden als die Elemente enthüllt, die die Bilder in Hanekes Filmen für ein auf Hollywood-Formate konditioniertes Auge mitunter so unaushaltsam und unerträglich werden lassen. Fazit: Der Fassettenreichtum der Beiträge mit seinen exakten formalen Analysen sowie mitunter widersprüchliche Interpretationsansätze ermöglichen, ein fundiertes Bild über „Michael Haneke und seine Filme“ zu gewinnen. Ein empfehlenswertes Buch über den „Meister der Verstörung“ – ein Must für Haneke-Fans und eine hilfreiche und anregende Lektüre für Haneke-Novizen.
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