Neue Zürcher Zeitung
Die grosse Unruhe
Beuys in Düsseldorf
«Joseph Beuys Texte»: Provokanter kann in seiner nichtssagenden Nüchternheit der Titel einer kleinen, aber eindrucksvollen Ausstellung, die im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut zu sehen ist, eigentlich nicht sein. Insofern aber passt er jedoch genau zu Thema und Gegenstand der etwa 100 Exponate. Denn es geht um Joseph Beuys als Provokateur und Aktivisten, als Initiator und Demonstranten, als Inszenator, Anreger und Aufreger, als Propagandisten und Alternativen, als gesellschaftlichen Theoretiker und Praktiker, als Parteipolitiker der grünen Antipartei, als Gründer der «freien Hochschulen für Kreativität» und Organisator «freier Volksabstimmungen». Mit den ausgestellten Texten sind darum auch hauptsächlich Ausstellungs- oder Aktionsplakate gemeint, an deren programmatischer sowohl graphischer als eben auch textlicher Gestaltung Beuys meist selber mitgewirkt hat und die auf des Künstlers so immense wie ununterbrochene Aktivitäten aufmerksam machen. Unter den ausgestellten Dokumenten, die in der Mehrzahl aus dem Joseph-Beuys-Archiv in Düsseldorf stammen, befinden sich aber auch Briefe, Kalenderblätter, Redemanuskripte, Photographien, Interviews und Zeitungsartikel. Sie alle vergegenwärtigen das Bild des Künstlers und Menschen Joseph Beuys als grosse Unruhe. Sein Leben war seine Kunst, wie seine Kunst sein Leben war und die Öffentlichkeit sein Elfenbeinturm.
«Mein ganzes Leben», hat Beuys einmal bemerkt, «war Werbung, aber man sollte sich einmal dafür interessieren, wofür ich geworben habe.» Die Exponate der Kabinettausstellung demonstrieren oft an signifikanten Kleinigkeiten , sowohl wie als auch wofür Joseph Beuys geworben hat. Exemplarisch manifestiert sich das Wofür und das Wie des so engagierten wie intensiven Beuys'schen Werbens im ersten Satz eines «Aufrufs zur Alternative», der 1978 in der Weihnachtsausgabe der «Frankfurter Rundschau» erschien und dessen Anfang im Rückblick ausserordentlich prophetisch und mit Blick auf die Zukunft nicht weniger aktuell erscheint. Da heisst es, und es klingt, als wolle Beuys wie der Engel der Weihnachtsbotschaft den Hirten samt Schafen auf dem Felde die frohe Kunde bringen, dass die Stunde gekommen sei und die Zukunft nur noch zu beginnen brauche: «Dieser Aufruf richtet sich an alle Menschen des europäischen Kultur- und Zivilisationskreises. Der Durchbruch in eine neue Zukunft kann schon gelingen, wenn in den europäischen Zonen eine Bewegung entsteht, die durch ihre Erneuerungskraft die Mauern abträgt zwischen Ost und West und die Kluften zuschüttet zwischen Nord und Süd.»
Rainer Hoffmann
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000
Thomas Wagner gibt sich überzeugt davon, dass Beuys` bildnerisches Werk und sein visionäres Denken nicht zu trennen sind - auch wenn manche Kritiker das gerne so sähen. Nun war allerdings der Künstler auch ein "leidenschaftlicher Kommunikator", wie Wagner sagt, dessen Schriften teilweise längst veröffentlicht sind. Neues sei darum in diesem Notizenband nicht zu erwarten, er biete vielmehr den "Hauch des Unfertigen", führe also zurück in die Phase erster Beschäftigung mit einem Thema - ob als Gedicht oder Notat zu Fragestellungen der Kybernetik oder Religion. Leider, so bedauert Wagner, sei dieser "halbherzigen Veröffentlichung" kein wissenschaftlicher Apparat zur Seite gestellt, der eine Verknüpfung des Beuys`schen Denkens mit seinem Werk ermöglichen würde, es seien keine Zitate nachgewiesen, keine Begrifflichkeiten geklärt - die Einordnung ins Gesamtwerk schlicht nicht vorgesehen. Für Wagner werkeln dabei die Herausgeberin Eva Beuys und Heiner Bastian, der das Vorwort beisteuerte, am Legendenbild des "Heiligen Joseph aus Kleve": Verklärung statt Aufklärung.
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