Neue Zürcher Zeitung
Zwischen Adria und Karawanken
kmg. Wie in manch anderem Teil Europas haben auch in der landschaftlich und kulturell so vielgestaltigen Region zwischen Karawanken und Adria etliche Völker ihre Spuren hinterlassen. Und auch in diesem Raum, der sich von den Südostalpen ins Mediterrane neigt, war ihr Zusammenleben nur selten die reine Idylle. Das Bestreben, die eigene Kultur zu behaupten, kippte allerdings erst nach der Revolution von 1848 in die Aus- und Abgrenzung von Slawen, Deutschen, Italienern. Im 20. Jahrhundert zieht der Völkermord verheerend auch durch dieses unauflösliche Geflecht der Völker, und ethnische Säuberungen, Vertreibungen, Benachteiligungen von Nachbarn, die sich plötzlich in den Status von Minderheiten gedrängt sehen, gehören zum politischen Alltag. Ein vorzüglicher Band in der sonst schon begrifflich von germanisierender Tendenz nicht immer gänzlich freien «Deutschen Geschichte im Osten Europas» ist diesmal den deutschen Volksgruppen dieses Raumes gewidmet; der Bogen ist dabei von der karolingischen Mission des 8. Jahrhunderts bis zum zaghaften Eingeständnis der slowenischen und der kroatischen Regierung von heute geschlagen, dass es noch immer versprengte, sich zunehmend wieder zu Wort meldende «deutsche und österreichische Volksgruppen» zwischen Adria und Karawanken gibt. Arnold Suppan steht mit seinem reichen wissenschaftlichen Werk dafür ein, dass die belastende südosteuropäische Geschichte gründlich erforscht wird.
Kurzbeschreibung
Deutsche Geschichte im Osten Europas
Ein halbes Jahrhundert nach dem endgültigen Untergang des deutschen Ostens ist es an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Die Bände "Ostpreussen und Westpreussen" von Hartmut Boockmann, "Böhmen und Mähren" von Friedrich Prinz, "Baltische Länder" von Gert von Pistohlkors, "Schlesien" von Norbert Conrads, "Land an der Donau" von Günter Schödl, Joachim Rogalls "Land der grossen Ströme" sowie Gerd Strickers "Russland" sind bereits erschienen. Mit "Zwischen Adria und Karawanken" setzt Arnold Suppan die Reihe "Deutsche Geschichte im Osten Europas" fort.
Seit den Tagen Karls des Grossen ist die Geschichte des Südostalpenraumes - im wesentlichen das Gebiet der heutigen Republik Slowenien - mit der deutschen und österreichischen Geschichte verbunden. Bereits Mitte des neunten Jahrhunderts wanderten durch die Täler der Drau, Mur und Save bayerische und fränkische Adelige und Bauern, Priester und Mönche, Handwerker und Kaufleute ein. Neben und mit den in diesen Gebieten lebenden Slawen rodeten sie Wälder, errichteten Gehöfte, stifteten Kirchen und Klöster, gründeten Märkte und Städte, schufen schliesslich auch neue politische und kirchliche Organisationsformen. Vom Beginn des Spätmittelalters an bis 1918 herrschten die Habsburger als Landesfürsten in den historischen Ländern Untersteiermark und Krain, bald auch in Istrien, Triest, Fiume und Görz. Ab 1527 griff die habsburgische Herrschaft über die Südostgrenze des Römisch-Deutschen Reiches in kroatische Gebiete aus, erweiterte 1699 ihren Besitzstand in Slawonien, 1797 in Dalmatien, schliesslich 1878 in Bosnien.
Der Band "Adria und Karawanken" betrachtet die Geschichte des Südostalpenraums in der Wechselwirkung von deutscher, österreichischer und slowenischer Geschichte. Vor dem Hintergrund der Monarchia austriaca wurde hier immer wieder "Reichsgeschichte" wirksam, in der gemeinsamen Türkenabwehr 1522, der Verbreitung der Reformation und später der Durchsetzung der Gegenreformation, im Widerstand gegen Napoleon, in der Beteiligung an der Wahl zur Frankfurter Paulskirche und schliesslich im Streben nach Errichtung einer "Brücke zur Adria". Mit der Vertreibung der Italiener und Deutschen aus den slowenischen, kroatischen und serbischen Gebieten 1945 endete vorläufig die deutsche Geschichte im Südosten Europas.
Heute, nach den Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens und den nachfolgenden kriegerischen Auseinandersetzungen, rücken die neuen Staaten wieder näher an Mitteleuropa heran.