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5.0 von 5 Sternen
Erlösung dem Erlöser, 13. November 1999
Von Ein Kunde
"Ich will Jude sein", sagt Yoram, der Held der Rahmengeschichte zu seinem heidnisch-nabatäischen Vater und wirft ihm das angebotene Geld für eine Pilgerfahrt nach Jerusalem vor die Füße. Erinnert das nicht an eine nähere Vergangenheit, als eine ganze Generation den Vätern und Müttern entgegenschleuderte: "Ich bin Sozialist!", und als ein jugendlicher Tom Königs, späterer Finanzdezernent der Stadt Frankfurt, ein kapitalistisches Millionenerbe verächtlich zurückwies und dem Vietcong schenkte? Regina Berlinghofs Roman ist ganz in die antike griechisch-römisch-jüdische Zeit um das Jahr Null eingetaucht. Aber wie bei einem angeschlagenen Ton Obertöne mitschwingen, so klingt durch alle Sätze die aktuelle Gegenwart hindurch. Und wenn heute Jugendliche in Deutschland vielleicht nicht mehr mit sozialistischem Gedankengut auftrumpfen, so suchen manche ihr Heil wieder darin, "ein Deutscher" oder "ein Türke" oder "eine Muslima" zu sein.In ihrem Roman "Mirjam. Maria Magdalena und Jesus" zeigt die Autorin, wohin jeglicher Radikalismus führt, sei er religiös, ideologisch, rassistisch oder politisch begründet: in die Verachtung der Mitmenschen, in die Mißachtung der Tiere und aller Mitgeschöpfe, zuletzt in Gewalt und Krieg. In der Kerngeschichte, in der sich die Liebe zwischen Jesus und Maria Magdalena langsam und gegen alle inneren und äußeren Widerstände entfaltet, wird Religion als etwas ganz anderes dargestellt: nämlich als bewußte und erlebte re-ligio (Zurückführung) zu den innersten Wurzeln des Menschen: zu seiner inneren Verbundenheit mit dem Kosmos und allem Sein. Berlinghof hat die Thematik Religion/Spiritualität im Zentrum des jüdischen-christlich-abendländischen Glaubens bzw. Mythos angesiedelt. Bei ihr erfährt der Archetypus des Religionsstifters bzw. Erlösers eine Korrektur: nicht mehr ein gottgleiches Wesen, das über allen anderen Menschen steht und sie wie ein König oder Führer (!) belehrt, anleitet und selbst allem Irdischen entsagt (außer seiner Schar von Jüngern und Anhängern), sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der liebt und leidet und zu seiner Erfüllung anderer Menschen bedarf. Erst in der Liebe zu einer Frau, die die sexuelle Liebe einschließt, erkennt Jeschua die Heiligkeit auch des Irdischen, des Profanen - die Heiligkeit der Erde, der Materie, die Heiligkeit der Begrenztheit und Vergänglichkeit - die Heiligkeit jedes einzelnen Lebewesens. Die Erkenntnis des Göttlichen geschieht durch die Liebe zwischen Mann und Frau. Die Inder wußten darum, wie es die tantrischen Texte und Abbildungen bezeugen. Selbst in der Bibel sind noch Reste dieses Urwissens enthalten, denn im ersten Schöpfungsbericht schuf Gott die Gehilfin Eva nicht aus Adams Rippe, sondern er schuf den Menschen als Mann und Frau - nach seinem Bilde schuf er sie. So ist denn auch Berlinghofs Maria Magdalena, Mirjam mit hebräischem Namen, keine reuig sühnende Gehilfin, sondern eine selbstbewußte und starke Frau, die sich weigert, ihre Liebe von einem Guru vereinnahmen zu lassen, der zwar ihre Hilfe und ihren Einsatz, nicht aber ihre Liebe will. Eine Heldin und leuchtendes Vorbild also für jeden Sektenbeauftragten. Nur vergessen die christlichen Sektenbeauftragten allzu gerne, ihre Kriterien auf die eigene Kirche anzuwenden, denn: eine erfolgreiche Sekte ist keine Sekte mehr! Im Roman finden Jeschua und Mirjam erst dann zueinander, als Jeschua erkennt, daß er Mirjams Liebe braucht und daß er Gott und Frau nicht gegeneinander ausspielen kann. Nicht entweder Gott oder Frau - nicht was oder wen man liebt, sondern wie man liebt, ist Jeschuas entscheidende Erkenntnis: nämlich vorbehaltlos und mit ganzem Herzen. Eine Hingabe an die Liebe - nicht an den Willen eines Gottes oder eines Menschen. Erst in dieser gegenseitigen Hingabe erfolgt für beide der Durchbruch zur spirituellen, zur kosmischen Erkenntnis. Was Wagner am Schluß seines Parsifal nur andeuten konnte - hier geschieht es: Die Erlösung des Erlösers. Für Jeschua und Mirjam ändert sich die Welt, weil ihre Wahrnehmung sich geändert hat. Die Reaktion der Jünger und Anhänger auf diese Wandlung ist einsichtig und erschreckend zugleich, soll hier aber nicht verraten werden. Die Geschichte von Jeschuas Verhaftung, dem Prozeß und der Kreuzigung ist aus der Bibel bekannt und wird hier ganz anders und mit einer unglaublich inneren Folgerichtigkeit erzählt. So könnte es sich wirklich abgespielt haben. Aber darum geht es Berlinghof gar nicht. Am Anfang weist sie ausdrücklich darauf hin, daß es sich um einen Roman handelt. Aber ein Roman, der mit der menschlichen und religiösen Wirklichkeit mehr zu tun hat als manches Religionsbuch oder religionsphilosophisches Traktat. Und auch das gehört zu einem Roman: er ist spannend zu lesen, er hat lebendige Figuren, mit denen man mitleben und mitfühlen kann. Berlinghof beschreibt die Landschaften, Städte und Menschen so farbig und einfühlsam, daß man sie beim Lesen vor sich sieht. Bei aller Ironie und herbem Spott gegenüber jeglichen fundamentalistischen Dogmen, die Berlinghof weidlich zitiert, spürt man darunter die tiefe Liebe für ihre Romanfiguren und für alle Menschen, denen sie ihren Roman ans Herz legen will.
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