Opposition in der DDR
Zwischen «humanem Sozialismus» und Emigration
Vor bald zehn Jahren, im «deutschen Herbst» 1989, brach der «reale» Sozialismus in der DDR zusammen. Der Fluchtbewegung insbesondere über Ungarn folgte die Demonstrationsbewegung, und zwar in zwei Phasen: Zuerst hiess die Parole der Bürgerbewegung «Wir sind das Volk», nach dem Fall der Mauer lautete die Devise: «Wir sind ein Volk.» Die oppositionelle Bewegung hatte einen beträchtlichen Anteil am Sturz der DDR-Diktatur. Allerdings fällt das folgende Paradox auf: Was sie wollte (einen eigenen Staat), erreichte sie nicht. Was sie erreichte (ein vereinigtes Deutschland), wollte sie so nicht.
Ehrhart Neubert, als Theologe selber widerständig und später Mitarbeiter an der deutschen Fassung des «Schwarzbuchs des Kommunismus», nimmt sich in einer dickleibigen Studie der ostdeutschen Opposition an. Auf fast 1000 engbedruckten Seiten gegliedert in 8 chronologisch angelegte Grossabschnitte und in 106 Kapitel präsentiert sein uvre einen detaillierten Überblick, wie er bisher nicht vorhanden war. Die Zeit von 1945 bis 1972 wird dabei auf nicht einmal 200 Seiten abgetan, obwohl seinerzeit die Gegnerschaft gegenüber dem SED-Staat heftiger als später ausfiel. Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den achtziger Jahren. Je mehr Neubert sich der Gegenwart nähert, um so dichter fällt seine Darstellung aus. Die Materialgrundlage mit vielen unveröffentlichten Texten nicht nur aus Berlin ist beeindruckend breit. «Die» Opposition erwies sich in der Tat nicht als homogen. «Die DDR-Opposition als eine einheitliche Grösse ist lediglich eine Projektion ihrer politischen Gegner oder auch von Revolutionsromantikern.»
Reformdenken
Die Kirche, ein Refugium für Oppositionelle, spielt in der Studie eine bedeutende Rolle. Allerdings neigt der Autor dazu, oppositionelle Bewegungen stark auf kirchliche Kreise zu reduzieren. Der Versuch, einen humanen Sozialismus anzustreben, erwies sich bereits im Ansatz als systemsprengend. Hier hat Neubert recht. Nur war dies nicht die Intention der meisten Oppositionellen. Der Autor betont deren taktisches Verhalten zu stark. Allerdings ist dies kein Grund, mutige Dissidenten abzuqualifizieren. Selbst der Westen bemühte sich um gute Beziehungen, um «Entkrampfung» gegenüber der SED; auf Fundamentalopposition setzte kaum jemand. Die DDR-Opposition war in gewisser Weise das Spiegelbild der 68er im Westen.
Was Neubert zusammengetragen hat, ist aller Ehren wert. Viele bisher verborgene Einzelheiten, etwa über Künstlerszenen in grossen Städten, kommen so an das Licht der Öffentlichkeit. Die Informationen über «Samisdatzeitschriften und -zeitungen» sind gespickt mit Neuigkeiten. Insgesamt reicht das Spektrum von der Herrnstadt-Zaisser-«Fraktion» innerhalb der SED über die kommunistische Opposition eines Robert Havemann «des» Oppositionellen in der DDR und «Dritte-Welt»-Gruppen bis zur «Ausreisebewegung». So vermittelt Neubert ein facettenreiches Bild der Oppositionellen, die im Herbst 1989 das System zum Einsturz brachten, aber dann in den Hintergrund gedrängt wurden.
Suche eines «dritten Wegs»
Allerdings bleiben zwei Einwände: Die Arbeit ist nicht sonderlich analytisch strukturiert. Der Leser sieht zuweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Es ist problematisch, nur dann von Opposition zu reden, wenn es sich um Kräfte handelte, die sich innerhalb der Legalität bewegten. Neuberts Darstellung hält diese Sichtweise denn auch nicht ganz durch. So findet etwa die Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz im Jahre 1976 eine eingehende Würdigung. In dessen Abschiedsbrief hiess es: «Obwohl der scheinbar tiefe Frieden, der auch in die Christenheit eingedrungen ist, in Zukunft vielversprechend ist, tobt zwischen Licht und Finsternis ein mächtiger Krieg. Wahrheit und Lüge stehen nebeneinander.»
Und: Die These, dass ein grosser Teil der Oppositionellen in den siebziger und achtziger Jahren die Wiedervereinigung nicht abgeschrieben habe, lässt sich so wohl kaum halten. Sie firmierten überwiegend als Anhänger eines «dritten Weges» in mehrfacher Hinsicht. Einerseits wollten sie einen eigenen Staat behalten, und andererseits strebten sie einen gesellschaftspolitischen «Mittelweg» zwischen Ost und West an. Die DDR-Opposition war in mancher Hinsicht die Geschichte ihrer Anpassung. Jedenfalls ist die folgende Aussage Neuberts nicht frei von Verzerrung: «Die Opposition hatte über Jahre die Freiheitswerte vertreten, aber die Bevölkerung reagierte bis zum Sommer nicht.» «Die» Opposition kommt damit zu gut, «die» Bevölkerung zu schlecht weg. Reagierte diese vielleicht auch deshalb nicht, weil sie mit den sozialistischen Slogans wenig anzufangen wusste? Kann man Robert Havemann wirklich ein «Eintreten für Demokratie» bescheinigen? Ein Gegner der diktatorischen Praxis der DDR muss noch kein Anhänger des demokratischen Verfassungsstaates sein.
Insgesamt, und daran kann auch Neuberts Buch nichts ändern, war die Opposition in der DDR weniger systemfeindlich als in Polen oder Ungarn. «Im Unterschied zu diesen Ländern stand die DDR-Opposition stets in der Schwierigkeit, die deutsche Schuldfrage und die Teilung des Landes mitbearbeiten zu müssen.» Will Neubert damit die stärker sozialistische Fundierung oppositioneller Forderungen erklären? Gleichwohl: Die Arbeit ist auf Grund ihres Materialreichtums und der vielen Novitäten insgesamt ein wichtiges Werk. Der Leser erfährt viel Neues über oppositionelle Kräfte, ihre Vorstellungen und ihr Verhalten in einem Staatswesen, für das es «Opposition» nicht geben durfte.
Eckhard Jesse
Neubert - und das ist die grundlegende Stärke seines Buches - erfaßt Oppositions- und Täterprofile, zeigt die breite Spanne zwischen aktiver Mitarbeit für das System und seiner passiven Duldung, die schmaler werdenden, aber vorhandenen Wege zu individueller Verweigerung und Opposition. Eine gelungene und dringend notwendige Gesamtbeschreibung von Widerstand und Opposition. (Frankfurter Rundschau)
Mit dieser Publikation liegt die erste Gesamtdarstellung der Geschichte der Opposition in der DDR vor, die von einem ostdeutschen Bürgerrechtler verfaßt wurde. Sie zeigt eindringlich das ganze Spektrum der Gegner des SED-Regimes und würdigt den Mut all jener Männer und Frauen, die der kommunistischen Diktatur zu widerstehen wagten. (Helmut Kohl in: Die Welt am Sonntag)
Eine im Detail akribische und zuverlässige Darstellung. Ein Buch, an dem künftige DDR-Geschichtsschreibung nicht vorbeikommen wird. (Frankfurter Allgemeine Zeitung)