Autor auf Wahrheitssuche
Ein Erzählexperiment des Libanesen Elias Khoury
Wenn die einzige Instanz, der noch an Wahrheitsfindung gelegen sein könnte, der Schriftsteller ist und wenn Verdrängen und Vergessen das Gebot der Stunde sind, mag jede gute Story per se als Verrat an der Wahrheit erscheinen. In Beirut ist das Vergessen das Gebot der Stunde. So wundert es nicht, dass sich auch der libanesische Autor Elias Khoury in dem kleinen Roman «Königreich der Fremdlinge», der as nun als erstes seiner Bücher in deutscher Übersetzung erschienen ist, von einer der Figuren dem Vorwurf ausgesetzt sieht, ihm läge «an der Wahrheit nur, um sie niederschreiben zu können».
Freilich ist der 1948 geborene Khoury zurzeit der wohl am höchsten gehandelte Erzähler der Beiruter Literaturszene in Wirklichkeit als scharfer Kritiker der rücksichtslosen und geschichtsvergessenen Wiederaufbaupolitik in Libanon bekannt. Alle seine zumeist im libanesischen Bürgerkrieg spielenden Bücher sind als Bollwerke gegen dieses Vergessen zu lesen.
Auch «Königreich der Fremdlinge» (der Titel bezieht sich auf ein Lied aus dem byzantinischen Gesangskanon, das in einer der Geschichten erwähnt wird) bemüht sich manchmal etwas zu penetrant , den Vorwurf der Fälschung zu entkräften. Zu diesem Zweck unterbricht Khoury seine Erzählung stets mit Metareflexionen über ihren Wahrheitsgehalt und zerstört so systematisch und durchaus bewusst jede erzählerische Illusion: «Doch worin liegt der Unterschied? Wie verfahre ich mit der Geschichte des libanesischen Mönchs? Ordne ich sie im Sinne Vladimir Props (sic!) als Volkserzählung ein, oder begebe ich mich auf die Suche nach der Wahrheit?» Während dies noch angehen mag, übertreibt Khoury spätestens dann, wenn er erzählt, wie er vor Erscheinen der «Satanischen Verse» Salman Rushdie traf, mit ihm über eine der Geschichten diskutierte und schliesslich das Manuskript der «Satanischen Verse» geschenkt bekam. Man weiss nicht recht, ob man dies als Angeberei oder als in der arabischen Welt natürlich besonders provokante Solidaritätserklärung werten soll.
Das, was Khoury mit solchen Schnörkeln dann erzählt, kann auch nicht als Roman bezeichnet werden, wie der Untertitel glauben machen möchte. Vielmehr handelt es sich um eine Kompilation von Geschichten aus dem libanesischen Bürgerkrieg (und teilweise aus der Zeit davor). Sie handeln alle von wahren oder nur kolportierten, jedenfalls typisch libanesischen Schicksalen. Die Erzählung mit dem längsten Atem, die fast das gesamte Buch durchzieht, berichtet von der aufopferungsvollen Liebe eines nach Libanon verkauften tscherkessischen Dienstmädchens zu ihrem Herrn, der ihretwegen schliesslich seine Familie verlässt und sie heiratet. Als der Mann nach langer Krankheit stirbt und sie daraufhin selbst schwer erkrankt, vergisst sie das Arabische und spricht nur noch ihre zuvor restlos verdrängte Muttersprache. «Als sie das Gedächtnis verlor, gewann sie die Erinnerung wieder», lautet der entscheidende Satz am Ende der Geschichte. Dass sich Bewusstsein, Erinnerung des Verdrängten und Gedächtnis nicht mehr gegenseitig ausschliessen mögen, erscheint als die entscheidende moralische Triebkraft hinter Khourys Schreiben.
Erzähltechnisch zeichnen sich die Geschichten in «Königreich der Fremdlinge» durch den Rückgriff auf die Tradition der klassischen arabischen Belletristik aus, in der jedes Ereignis in möglichst allen überlieferten Versionen erzählt wird. Dieses alte Verfahren wirkt im Licht postmoderner Erzähltheorien überraschend zeitgemäss: Die endgültige Wahrheit über eine Geschichte gibt es nicht; nur was mehrfach erzählt wird, kommt der Wahrheit überhaupt nahe. Leser, die diesen Rückgriff auf die arabische Erzähltradition nicht erkennen, dürften allerdings versucht sein, die Mehrfachpräsentation der Geschichten als erzählerisches Manko zu werten.
Obgleich sich also Khourys Erzählweise theoretisch rechtfertigen lässt und die disparaten Geschichten in der durchdachten Übersetzung von Laila Chammaa mit einigem gutem Willen auch als Komposition wahrgenommen werden können, ist «Königreich der Fremdlinge» sicher nur eine Nebenarbeit des Autors. Khoury hat wesentlich bedeutendere Werke geschrieben, etwa die auch auf französisch bzw. englisch erhältlichen «Der kleine Berg» (1977) und «Die Reise des kleinen Gandhi» (1989). Für einen Einstieg in die Welt dieses originellen libanesischen Erzählers dürfte «Königreich der Fremdlinge» auf Grund seiner Kürze und Vielstimmigkeit dennoch nicht ungeeignet sein.
Stefan Weidner