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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Dickens, John Franklin und die Gefühle alter Männer, 11. September 2009
Ein eigentümlicher Roman. Denn ich liebe eigentlich die fiktive Verquickung von Personen der Welt- und der Zeitgeschichte, wie z.B. bei Kehlmanns Vermessung der Welt" (der Entdecker Alexander von Humboldt und der Mathematiker Gaus) oder zuletzt Köhlmeiers Abendland" und/oder Richard Powers Der Klang der Zeit"
Auch Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit", einen Roman, den ich in Achtzigern geliebt habe - und sogar einen Song daraus gemacht habe - beschreibt das Leben und Sterben des Polarforschers John Franklin (1786-1847), ein englischer Held, Seeschlachten gestählt und überzeugt davon, die Norwestpassage (die heute tatsächlich auf Grund der Klimaveränderung befahrbar ist) entdecken zu können. Nun habe ich das neue Buch Mathinna" von Richard Flanagan gelesen und einen zwiespältigen Eindruck. Denn nicht nur Sir John Franklin spielt in diesem Roman eine Hauptrolle, sondern auch einer der größten Geister der Weltliteratur, eben Charles Dickens. Der Roman spielt in Tasmanien, wohin der träge Sir John als Gouverneur versetzt wurde, und in London.
Inhalt mal kurz: Lady Jane Franklin ist frustriert und kinderlos, will sich neu erfinden in dem sie eine Eingeborene (Mathinna) adoptiert. Dem schwerfälligen Franklin fällt die Grazie der Kleinen erst spät auf, dann aber mit Macht. Vor allem geht es in Tasmanien um das ganze Desaster der Kolonialisierung, der Ausrottung und der vergeblichen Christianisierung. Beispielhaft und eindringlich beschrieben. Und bevor Sir John zu seiner letzten Entdeckungsfahrt in den Norden aufbricht, hinterlässt er in Tasmanien abgrundtiefe Trümmer. Lady Jane, dann allein in London, hört Gerüchte, die Expedition Ihres Gatten sei jämmerlich gescheitert und bevor alle im Eis starben, hätte es Fälle von Kannibalismus gegeben. Sie bittet, den auch damals schon berühmten, Charles Dickens um Hilfe, dem es auch gelingt, die Ehre von Sir John über ein erfolgreiches Theaterstück, in dem er, Dickens, selbst mit spielt, zu retten. Der Erzählstrang Dickens ist auch geprägt von einem Riesenfrust familiärer Art, denn Dickens Frau ist nach 10 Kindern in die Unförmigkeit abgedriftet, und vollkommen lebensunlustig. Dickens dagegen ist nach und nach vernarrt in eine junge Schauspielerin in seinem Ensemble und lebt auf. Zwischenzeitlich treibt Mathinna" ihren eigenen Untergang und stirbt völlig ausgemergelt und jung an Dreck, Prostitution und Hunger.
Das hört sich irgendwie durcheinander an, ist es auch. Trotzdem bleiben alles drei Ebenen, Sir John/Lady Jane; Charles Dickens / Mathinna sprachlich auf hohem Niveau und das Buch legt man nicht so einfach an die Seite. Es hat aber nicht das Potential von Nadolnys Entdeckung der Langsamkeit" denn die Selbstverleugnung alter Männer, die sich, ob nun platonisch oder real, in junges Gemüse verlieben, bleibt immer ein Thema
(Walser : Ein liebender Mann, etc) und es ist hier nicht so durchdringend getroffen.
Auch Lady Jane spielt eher eine nervende Rolle aber richtig Spaß macht es, gemeinsam mit Charles Dickens unterwegs zu sein. Seine Unsterblichkeit, sein Erfindungsreichtum sein schauspielerisches Talent, muss auch damals, vor über 150 Jahren, die Menschen in den Theatern Londons fasziniert haben.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Eine zeitlose Geschichte von poetischer Kraft, 4. September 2009
Der faszinierende Roman von Richard Flanagan spielt im Tasmanien und im London des 19. Jahrhunderts. Er erzählt die Geschichte des Aborigine-Mädchens Mathinna und schreibt gleichzeitig ein Epos über die Katastrophe der Kolonialisierung sowie eine Psychostudie über Macht und Begehren im menschlichen Leben.
Dabei gelingt dem Autor eine wunderbare Balance zwischen den einzelnen Erzählsträngen. Kollege Sten Nadolny urteilt: "Mathinna...ist eine Wucht von Roman...das ganze Buch eine schwere Wahrheit, aber ich las wie ein Rasender, fast süchtig nach Wahrheit und Traurigkeit". Zugegeben: Nadolny hat etwas übertrieben. Dennoch: Das Buch ist eine zeitlose Geschichte von großer poetischer Kraft und Sprachmächtigkeit.
Mathinna Flinders, eine der zentralen Figuren dieses Romans, kommt im Alter von sieben Jahren in den Haushalt des Polarforschers Sir John Franklin. Unfreiwillig. Aber Lady Franklin möchte an ihr und mit ihr experimentieren, inwieweit sich das Eingeborenenkind - natürlich aus purer Menschenfreundlichkeit "domestizieren" bzw. "kultivieren" lässt. Bald jedoch war die Lust am Experiment verflogen. Mathinna kommt in ein Waisenhaus und wird sich dort selbst überlassen. Mit unausdenklichen Folgen.
Auch Sir John scheitert und wird irgendwann aus Tasmanien abgerufen. Fortan widmet er sich wieder seinem eigentlichen Beruf als Polarforscher. Nach der Expedition auf der Suche nach der Nordwest-Passage gilt er als verschollen. Dafür gibt es Gerüchte, er habe sich mit seiner Mannschaft im Überlebenskampf des Kannibalismus schuldig gemacht. Ein ungeheuerlicher Vorwurf.
Ihn möchte Lady Franklin entkräften. Sie bedient sich dazu der Freundschaft und der Feder des Dichters Charles Darwin.
Dies alles in sich schlüssig in einen Roman zu integrieren - Richard Flanagan ist es hervorragend gelungen. Der Leser hat das Vergnügen, einen spannende Geschichte zu lesen und fühlt sich dabei blendend unterhalten.
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1 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
London und Tasmanien - verbunden durch Trauer, 29. August 2009
Was haben Tasmanien und London gemeinsam? In den Zeiten des englischen Imperialismus sind es Sklaverei, Ausbeutung und Großmachtstreben. In MATHINNA von Richard Flanagan zeigt uns der Autor wie ein junges Mädchen, unschuldig und voller Hoffnung in die englische Maschinerie der Sklaverei und Abhängigkeit gerät. Mathinna ist ein Aborigine Mädchen und wird Zeit ihres Lebens trotz Widerstand nicht mehr von den Fesseln Englands loskommen. Eine harte Geschichte, voller unwürdiger Umstände, Tränen und doch mit der Hoffnung eines Landes gesegnet, das so weit von uns im Nirgendwo liegt.
Die Geschichte ist hart, brutal und voller dunkler Abgründe. Es beginnt bereits mit der Versklavung der kleinen Mathinna, welche noch ganz kindlich, von hohem Gras, den Vögeln und der weite des Himmels träumt.
Sie kommt in eine adlige englische Familie und muss dort als Vorzeigeobjekt der kultivierten Begierden dienen. Doch schnell wird klar, Mathinna will nicht so wie es ihre Besitzer wollen und flugs sieht sie sich abgeschoben in ein Kinderheim.
Dort wohnt der Teufel, nämlich schwarze Aborigines, so zumindest glauben die Betreiber und Mathinna ist eine kleine Hexe, dies meinen sie auch zu wissen.
Es ist erschreckend mit anzuhören, wie christlicher Glaube und westliche Werte den Kindern eingetrichtert werden und viele von Ihnen die Prozedur nicht überleben.
Es ist schonungslos geschildert, wie Kinder geschlagen und bestraft werden, wie sie als Dreck der Erde bezeichnet und in Verließen gesperrt sich wieder finden - das solchen Kindern nur der Weg in den Alkohol bleibt - ist offensichtlich.
Obwohl man versucht die Mathinna frei zu bekommen, ist der Weg dieses Kindes vorgezeichnet. Alkoholismus, Prostitution und am Ende der Tod. Stranguliert liegt sie dar in einer Pfütze, die Augen weit offen, den Blick in die Ferne.
MATHINNA von Richard Flanagan sollte uns eine Tatsache vor Augen halten - der Mensch ist des Menschen größter Feind.
Der Roman ist schonungslos offen, sehr direkt, besticht jedoch durch eine grazile Art und Weise wenn er die Psyche der kleinen Mathinna trifft - ihr Tod kommt mir immer wieder ins Gedächtnis und die Schuld daran trifft nicht das kleine Mädchen.
Sehr empfehlenswert!
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