Neue Zürcher Zeitung
Kunst oder Kinderpornographie
Zg. 1912 wurde Egon Schiele «wegen Anfertigung unsittlicher Zeichnungen und Verführung Minderjähriger» in Neulengbach bei Wien in Untersuchungshaft genommen und wenig später vom Kreisgericht St. Pölten zu drei Tagen Arrest verurteilt. Die Hauptanschuldigung, er habe ein minderjähriges Mädchen verführt, erwies sich jedoch als unbegründet. Da aber Kinder bei ihren Besuchen in Schieles Atelier Aktstudien zu Gesicht bekamen, schien dem Gericht der Tatbestand der «Verbreitung unsittlicher Zeichnungen» gegeben. In der vorliegenden Publikation versucht Franz Wischin, Jurist und emeritierter Richter, von seiner Warte aus den Fall zu beleuchten. Er analysierte die Hintergründe des Prozesses und deckte dabei manche Fehler auf. So ist es ihm gelungen, erstmals Klarheit in diesen trüben Fall zu bringen. Gleichzeitig vermittelt er etwas vom Zeitgeist in der untergehenden Monarchie. Als Illustrationen wurden nicht nur Beispiele jener Werke ausgewählt, die zur Verhaftung Schieles geführt hatten, sondern auch solche, die den Maler in seiner tiefsten Erniedrigung als Häftling zeigen und die trostlose Umgebung der Gefängniszelle vor Augen führen.
Klappentext
Die "Affäre von Neulengbach", in deren Verlauf der österreichische Maler Egon Schiele nach dem Sittlichkeitsgesetz verurteilt wurde, scheidet die Geister bis heute. Mit diesem Buch meldet sich erstmals ein Jurist zu Wort und liefert neue, überraschende Erkenntnisse. Im April des Jahres 1912 wurde Egon Schiele in Neulengbach in Untersuchungshaft genommen und wenig später ins Kreisgericht nach St. Pölten überstellt. Die Hauptbeschuldigung, eine Minderjährige ent- und verführt zu haben, erwies sich als haltlos. Weil aber Kinder bei ihren Besuchen in Schieles Atelier seine Aktstudien zu Gesicht bekamen, schien dem Gericht der Tatbestand der "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen" gegeben; der Künstler wurde zu dreitägiger Kerkerhaft verurteilt. Die Hintergründe des Prozesses sowie die Frage, ob Schiele zu Recht oder zu Unrecht verurteilt wurde, sind bis heute ungeklärt - möglicherweise, da sich bislang vor allem Kunsthistoriker mit dem Thema auseinandergesetzt haben, während die juristische Komonente vernachlässigt blieb. Also machte sich der Rechtswissenschaftler und Schiele-Kenner Franz Wischin daran, den Fall auf interdisziplinäre Weise aufzurollen, und beleuchtete ihn gleichermaßen hinsichtlich seiner juristischen, historischen und soziologischen Implikationen. Dabei distanzierte er sich von einer allzu sensationsfreudigen Darstellung und gelangte zu Ergebnissen, die uns überdenken lassen und weiterleiten zu Fragen nach der Freiheit und den Grenzen der Kunst. Als Illustrationen wurden nicht nur Beispiele jener Bilder ausgewählt, die zur Verhaftung des Künstlers geführt haben, sondern auch Werke des Häftlings Egon Schiele - in denen er sich jenseits von Recht und Unrecht seinen Schmerz von der Seele malte.