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5.0 von 5 Sternen
Perspektiven eines Rollstuhlfahrers, 16. Mai 2002
Von Ein Kunde
Blick nach oben gerichtet, schmale lange Blätter einer Yukkapalme im rechten oberen Eck, zwei Schwerter des Deckenventilators wie Wegweiser in verschiedene Himmelsrichtungen zeigend. Eine Fensterfront durchquert den unteren Teil des Blickfeldes. Drei Stangen - blau, gelb, rot - scheinen durch das Bild zu schweben. Der Blick ist nicht ausgewählt, er eröffnet sich dem Sehenden zufällig durch einen Un-Fall und ist doch bewußt festgehalten - auf Film gebannt am 22.5.1996 um 17.35 Uhr, in der Wohnung Mariahilferstraße 89/36. So steht es unter dem Foto geschrieben, dem ersten von 312 Aufnahmen, die Martin Bruch in seinem Fotoband BRUCHLANDUNGEN zeigt. Martin Bruch bekommt 1990 die Diagnose Enzephalomyelitis Disseminata, besser bekannt als Multiple Sklerose, gestellt. Erstes Anzeichen dieser Erkrankung des Nervensystems ist, daß ihn schon die minimale Kante eines Kanaldeckels zu Fall zu bringen vermag. Durch die sich an der "Isolierschicht" der Nervenfasern, ähnlich elektrischer Kabel, bildenden Entzündungsherde können Informationen nicht mehr exakt weitergeleitet werden und so kommt es zu Funktionsstörungen, gleichsam Kurzschlüssen. Martin Bruch stürzt häufig - massiv in den Jahren 1996 bis 1998 - und hat es sich zur Angewohnheit gemacht, jeden Un-Fall, der gleichzeitig einen Not-Fall darstellt, fotografisch zu dokumentieren, Ort, Datum und Uhrzeit zu notieren. Anfangs fotografiert er mit einer Lomo, später tritt eine Kodak-Einwegkamera in Verwendung, robust genug, Stüzen schadlos zu trotzen und, da mit Blitz ausgestattet, Aufnahmen bei Nacht zu erlauben. Die Perspektive nach jeder Bruchlandung, alltäglich und außergewöhnlich zugleich, gilt es festzuhalten. Nahezu minuziös ist Martin Bruchs Weg zu verfolgen. Seine Sturzfotos stellen eine autobiographische Lebensabschnittsbeschreibung, ein eindringliches, visuelles Tagebuch dar. Italien, Klausen, Pizzeria Vogelweide am 3.8.1996, 21.18 Uhr. Wieder drückt Martin Bruch auf den Auslöser. Ein Mann und eine Frau sind zu sehen. Sie steckt mit nur einem Arm in ihrem Jackenärmel als sei sie ob der sich ihr bietenden Szene des gefallenen Fotografen in der Bewegung erstarrt. Betroffenheit im Mienenspiel. Jene, die Martin Bruch und sein Projekt nicht kennen, reagieren schockiert, treten oftmals aus dem Bild. Jene, die informiert sind um sein Tun, lachen unbefangen in die Kamera. Mitunter gewährt ihm der Ort seines unerwarteten Fallens nicht die Zeit abzudrücken. Oder aber, die stets aufgezogen vorbereitete Kamera macht, ausgelöst durch die Wucht des Sturzes in der Fototasche eine Aufnahme. Dann ist anstelle des obligatorischen Fotos eine schwarze Abbildung, ebenfalls unter exakter Angabe von Ort, Datum und Zeit, in seiem Buch zu sehen. Mit seinen Fotos eröffnet Martin Bruch den Blick auf Perspektiven, die sich uns normalerweise nie bieten. Er zeigt uns die "Sandlerperspektive" alltäglicher und jedem bekannter Orte. Mit seinen Fotos macht er darauf aufmerksam, daß trotz der Diagnose Multiple Sklerose und des Angewiesenseins auf den Rollstuhl kreatives Werk möglich ist und ermutigt damit zu Offenheit, Flexibilität und Kreativität, was ihm wiederum mit Optimismus, Ironie und Witz gelingt. Auf diese Ausblicke sollte man sich einlassen.
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