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9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Prall gefüllt mit Lebensweisheit, 16. April 2009
Der katholische Relegionsphilosoph Romano Guardini hat mich mit diesem nur 100 Seiten umfassenden Buch überrascht. Denn er hat es schon 1953 geschrieben, aber es ist alles andere als dogmatisch oder gar der damaligen Zeit entsprechend spießig. Dieses schmale Bändchen habe ich an einem Abend durchgelesen und dann erst gemerkt, dass man dafür sehr viel mehr Zeit braucht. Danach habe ich es sofort noch einmal abschnittweise durchgearbeitet, denn es ist brandaktuell und prall gefüllt mit Lebensweisheit. Das sage ich, obwohl oder vielleicht gerade deswegen, weil ich der katholischen Kirche nicht angehöre und ihr aufgrund ihrer Kirchenpolitik mit Kondomverbot und Aufnahme von Holocaust-Leugnern auch nicht angehören möchte.
Guardini sucht für jede Lebensphase die "Dominante der Wertfigur", also den Schwerpunkt; und es sind elf Phasen, in die er das menschliche Leben einteilt. Sie entsprechen seinen Kapitelüberschriften:
1. Das Leben im Mutterschoß, die Geburt und die Kindheit;
2. Die Krise der Reifung (damit meint er die Pubertät);
3. Der junge Mensch (also die Zeit der Adoleszenz);
4. Die Krise durch die Erfahrung (beim Übergang von der Adoleszenz zum expansiven Erwachsenenalter);
5. Der mündige Mensch (die Zeit der Dreißigerjahre)
6. Die Krise durch die Erfahrung der Grenze (Anfang der Vierzigerjahre);
7. Der ernüchterte Mensch;
8. Die Krise der Loslösung;
9. Der weise Mensch;
10. Das Greisenalter;
11. Der senile Mensch.
Für Guardini stellen die Lebensalter Grundformen des menschlichen Daseins dar, charakteristische Weisen, wie der Lebende auf dem Weg von der Geburt zum Tod Mensch ist. Weisen des Empfindens, der Einsicht, des Verhaltens zur Welt. Er betont: "Diese Bilder sind so stark charakterisiert, dass der Mensch im Gang seines Lebens nicht einfach aus dem einen in das andere hinübergleitet, sondern der Übergang jeweils eine Ablösung bedeutet, deren Vollzug schwierig bis zur Gefährdung werden kann..."
Das war für mich eine wichtige Erkenntnis: Es gibt keine glatten Lebensläufe, das ist eine Illusion! Man hat bei jedem Übergang von einer Lebensphase in die nächste mit einer Krise zu rechnen, die es zu bewältigen gilt, will man zu einem vollen Leben gelangen. Vor allem aber gefällt mir, dass das Buch hilft, sich zu vergegenwärtigen, dass und wie jede einzelne Lebensphase gelebt sein will bzw. dass sie auf eine bestimmte Art und Weise eine Anfrage des Lebens an mich darstellt, die zu beantworten ist. Auch die Verweigerung des persönlichen Wachstums stellt eine Antwort dar.
Und um Guardinis Weisheit zu dokumentieren, möchte ich noch eine Textprobe ins Netz stellen. Im Hinblick auf die Phase der Kindheit warnt er: "Die wirkliche Mutter, der es nicht auf Sentimentalitäten, sondern auf das personale Schicksal des Kindes ankommt, weiß sehr wohl, wie früh die Instinkte der Selbstsucht, der Rücksichtslosigkeit, der Grausamkeit einsetzen. Denken wir auch an die Feindschaft zwischen Geschwistern; oder an die zuweilen verblüffende Schlauheit und Verstellungskunst des Kindes. Das alles ist aber noch in den Lebenszusammenhang eingewoben. In dieser Hülle soll das Kind sich entwickeln können. Aber nicht, um ihr verhaftet zu bleiben, sondern um in ihre eigene individuelle Initiative hineinzugelangen. Dem stehen Hindernisse im Wege. Etwa die Neigung der Eltern - vor allem sehr "mütterlicher" Mütter oder autoritätssüchtiger Väter - es klein zu halten; ein Wunsch welchem ein eigentümlicher Erotismus mit einem Drang der Beherrschung zusammengehen. Andererseits aber auch die Bequemlichkeit des Kindes selbst; eine Nestliebe, welche die Anstrengung und den offenen Raum scheut. Aus solchen und ähnlichen Ursachen kommt die Gefahr der Infantilität: daß die kindliche Haltung in spätere Lebensphasen hinein dauert; ja zuweilen, heimlich genährt, bis ins Alter... Daraus erwächst dem Erzieher die Aufgabe, das Kind in die eigene Art und Initiative freizugeben; ja es zu ihr anzuregen, in sie hineinzugewöhnen."
Dieses Buch zu lesen ist ein Gewinn. Seit ich es besitze, lese ich es immer und immer wieder.
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