von Aris Fioretos
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von Christian Kracht
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Und so schleicht sich Knisch, der Icherzähler dieses Romans, einmal pro Woche in ein Hotelzimmer, wo ihn Dora erwartet, eine "Minette" (heute würden wir "Domina" sagen), die Männern behilflich ist, "sich in Lampen, Fußschemel, Pudel oder Schulmädchen zu verwandeln." Als es eines Tages im drückend heißen Jahrhundertsommer 1928 während Saschas Besuch an der Tür klingelt, weist Dora ihn an, sich in ihrem Schrank zu verstecken, bis der unwillkommene Besucher wieder verschwunden sei. Und so steht Sascha Knisch (mit nichts anderem bekleidet als einer Schleife um den Penis) im Schrank und wartet ungeduldig -- doch Dora kommt nicht, um ihn aus seinem Versteck zu befreien. Als Sascha nach Stunden nachschauen geht, liegt Dora tot am Boden -- offensichtlich ermordet von dem Besucher.
Natürlich gerät Sascha in Verdacht, den Mord begangen zu haben, und so beginnt er aus reinem Selbstschutz, nach dem Mörder zu suchen -- eine Suche, die ihn tief hinein in Doras Lebensgeschichte zieht. Seine Nachforschungen, die er mal mit, mal gegen die ermittelnden Polizeibeamten unternimmt, führen ihn immer wieder in die "Stiftung für Sexualforschung" des Medizinalrats Froehlich (unschwer zu dechiffrieren als das 1919 von Magnus Hirschfeld gegründete Institut für Sexualwissenschaft), wo alle Fäden zusammenzulaufen scheinen. Sascha sieht sich bald im Zentrum einer wilden Verschwörung, in der es um "Hygienepolitik" ebenso geht wie um die Herstellung pornografischen Materials, um einen erbitterten Wissenschaftsstreit ebenso wie um Erpressung und eben Mord.
Die Wahrheit über Sascha Knisch, ein meisterhafter, vielschichtiger und ungeheuer unterhaltsamer Roman, kommt als Krimi daher und ist doch keiner, da die Handlung um den Mord und seine Aufklärung nur Vehikel, nicht Zentrum der Geschichte ist; auch der historische Roman, der er zu sein vorgibt, ist er nicht wirklich, da den vielen historisch verbürgten Tatsachen immer wieder frei Erfundenes untergeschoben wird. Das von Fioretos überlegen geführte Spiel mit den Genres des historischen und des Kriminalromans auf der formalen Ebene spiegelt nur das, worum es eigentlich geht: Das Buch handelt von Verkleidungen -- von den Verkleidungen des Sexuellen ebenso wie von den Verkleidungen einer nach außen auf Eindeutigkeit und Normalität getrimmten Kultur. --Christoph Nettersheim
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