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Nox
 
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Nox (Gebundene Ausgabe)

von Thomas Hettche (Autor)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 140 Seiten
  • Verlag: Dumont Buchverlag; Auflage: 1., Aufl. (28. August 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3832178120
  • ISBN-13: 978-3832178123
  • Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 14,7 x 2,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 1.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 523.207 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

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    Nr. 9 in  Bücher > Belletristik > Romane & Erzählungen > Junge Literatur (deutschspr.) > Hettche, Thomas

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Lesezeichen

Das Atmen der Dinge, das Dröhnen des Sterbens

Thomas Hettches Roman «Nox»

Ist das der langersehnte Wende-Roman, das neue deutsche Wiedervereinigungsepos, 160 Seiten kurz, sieben Kapitel dünn, eine Nacht lang? Der Pornographieverdacht, der Thomas Hettches deutsch-deutschem Nachtstück vorauseilte, wird bei der Lektüre auf Anhieb nicht eben vereitelt; Hettche, an de Sade und Bataille geschult, geht mit den Tränen des Eros, mit Blut und Sperma und dem Skalpell nicht zimperlich um. Sein sezierender Blick, die todesverfallene Form des Begehrens sind, um es einmal altväterlich auszudrücken: starker Tobak.

Allein: obszön oder lüstern ist das Buch nicht. Die Erregung, die auf diesen Seiten vibriert, entspringt dem beschleunigten Puls der Geschichte. Dieser Text steht unter Strom. «Nox», Nacht, ist eine Phantasmagorie auf die Nacht, in der die Mauer fiel, düster illuminiert und gleichwohl lichterloh halluziniert. Ein Erzähler ist hier am Werk, der den Sirenengesang der Verführung beherrscht – suggestiv, kunstfertig und berechnend.

Die französische Theorie, die seinen letzten Erzählband «Inkubation» zu einem selbstreferentiellen Paradetext adelte, hat Hettche inzwischen abgeworfen oder auch seiner Prosa nahezu rückstandslos einverleibt. Auch wenn sich das nächtliche Palimpsest aus intertextuellen Verweisen noch immer als Steinbruch für germanistische Oberseminare anbietet – Hettches Artistik winkt nicht mehr mit dem poststrukturalistischen Zaunpfahl. Dem Sog seiner Sätze ist man sofort erlegen. Vorsicht also ist angesagt.

Topographie eines Krieges

Denn Hettches Prosa zielt auf den Schmerz. Die Wunde ist sein metaphorischer Tummelplatz, der offene Nerv sein Trampelpfad, die Haut «das Gelände einer Schlacht, die Topographie eines Krieges». Wie bei so manchen seiner jungen Generationsgenossen, bei Durs Grünbein, Marcel Bayer und Rainald Goetz, hat Dr. Benn massiv die Finger im Spiel. Der Anatomie-Atlas scheint für die heute Dreissigjährigen das vornehmste Poesiealbum zu sein; ihre «Schädelbasislektion» (Grünbein) haben sie offenbar schon in der Wiege gelernt. Das «Menschenfleisch» (Bayer) als die letzte Substanz der Erfahrung: Der leibhaftige Schnitt in die eigene Stirn ist da nur noch Vollzug.

Der Faszination für den verstümmelten und verwesenden Körper entspricht ein hochauflösliches Bewusstsein, das dem Bezug auf Identität und Person, Namen und Herkommen längst entsagt hat. Die Diagnose, die es sich selber stellt, heisst Unsterblichkeit. Denn in dem Mass, wie das individuelle Bewusstsein in Datenströmen verlöscht, werden wir selber «den Dingen gleich», des Namens entledigt, dem Tod entrissen. Die elektronischen Speicher, zu «Gedanken, die Maschinen sind», avanciert, vernichten die Zeit. Und das «Nichtvergessen verändert die Dinge. Nichts an Dingen vergeht mehr.» Der einzige Ort, an dem der Tod sich noch abspielt, wird der Körper in den Stunden seiner Verwesung sein. Von diesen Stunden erzählt «Nox».

Was hat das alles mit Berlin und der deutschen Geschichte zu tun? In welchen Wunden bohrt, welche symbolischen Schnitte vollführt Dr. Hettche an dem geteilten Körper der Stadt? Der deutsche Phantomschmerz wird apostrophiert als Teil einer «alten Geschichte, die sich wieder ereignet». Doch das Skalpell führt der Anatom der historischen Stunde nach den Regeln einer zeitgenössischen Kunst: short cuts.

Nox, das ist die Nacht, in der ein Mord geschieht, in der eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Namen die taumelnde Stadt durchstreift, in der die «Narbe», die Deutschland teilte, «wie schlecht verheiltes Gewebe» aufbricht und sadomasochistisch veranlagte Leute aus Ost und West die Vereinigung unter der Gürtellinie vorantreiben. Das ist die Nacht, in der Saturn seinen höchsten Stand erreicht hat, in der die «geistige kreative Elite des Landes» bekifft und besoffen auf einem Schiff den Landwehrkanal Richtung Osten hinabtreibt, in der ein «Geräuschemacher» den Ton angibt und ein sprechender Grenzhund den Todesstreifen durchquert.

Nox, das ist die Nacht, in der Raum und Zeit ausser Kraft gesetzt sind, wo der Erzähler sein Personal in der Ostberliner Charité zusammenführt und mit einer surrealen Folterséance in Dr. Virchows Monstrositätenkabinett das «Theater der Anatomie» und der Grausamkeit aufführen lässt. Eine Nacht, in der «der Schmerz die Stadt zerreisst» und eine junge Frau die Kehle des Erzählers mit einem Messer durchtrennt. «Hic nox, hic salta.» Der geschichtliche Augenblick vollzieht sich als Mord. Das klingt wüst und pathetisch und wäre es auch, hätte Hettche für seine makabre Nocturne nicht einen betörenden Sound und einen listigen Kunstgriff gefunden. «The I in the book cannot die in the book», beschied noch Nabokov. Diese Zeiten sind längst vorbei. Hettches Ich-Erzähler durcheilt die Nacht mit dem kollektiv erweiterten Bewusstsein eines Toten, der zugleich seinen eigenen Verfallsprozess protokolliert. Die aufgeschnittene Gurgel wird zum Einfalltor für die in kupfernen Drähten vibrierende «zitternde Aufregung» der Stadt.

«Etwas wie das Atmen der Dinge hörte ich, als das Dröhnen des Sterbens, mit dem der Tod meinen Körper geschlagen hatte, verebbt war und die Stille kein Atemzug mehr störte, kein Herzschlag und kein Zucken der Wimpern. Nur wenn man tot ist, hört man, wie in einer Stadt alles die Steine zerfrisst. Nun den Dingen gleich, öffnete sich die Stadt in meinen Kopf.»

Als Toter feiert der allwissende Erzähler seine postmoderne Auferstehung. Nun Gott und den Dingen gleich, ist der Dichter Krösus auf der Überholspur der Datenautobahnen; sie münden nämlich direkt in seinen «offenen» Kopf: «Ich wusste, an den Aktienmärkten war es zu einer deutlichen Erholung gekommen. Diskont- und Lombardsatz weiterhin unverändert. Im Ostteil der Stadt berief die SED zum viertenmal in ihrer Geschichte eine Parteikonferenz ein, und weit im Süden, an der Germaniastrasse, erlitt ein Mädchen schwere innere Verletzungen, als es von einem Lastwagen erfasst wurde.»

Was hier als eine Art germanische Parallelaktion im Medienzeitalter zur Aufführung kommt, wurzelt in einer «alten Geschichte», «Hundejahre» entfernt. Ihre vorletzte Wiederauflage hat sie, wenn der Anschein nicht trügt, in einem deutsch-deutschen Roman dieses Namens von Günther Grass erlebt. Wenigstens entstammt ihm der Herr über Virchows Abnormitätensammlung, Professor Matern, nebst einem Hund, der, bei Grass Pluto geheissen und als ein Abkömmling von Hitlers Schäferhund Harras mit geschichtlichen Weihen versehen, bei Hettche das Sprechen gelernt hat.

Aus der Hundetotale

Was spricht ein deutscher Grenzhund in historischer Stunde? Mit einem Jahrtausende einkassierenden Zoom aus der «Hundetotale» (um eine Vokabel von Grass zu zitieren) wird die Uhr auf die mythisch-mediale Zeit eingestellt. Plutos Enkel erzählt den platonischen Mythos von der doppelgeschlechtlichen Kugelgestalt des Menschen, der, von den Göttern dereinst aus Neid in zwei Teile gehauen, sich seither nach seiner andern Hälfte verzehrt: Seine «wahnsinnige Sehnsucht verwandelte und linderte sich in das, was ihr Liebe nennt. Den nicht endenden Versuch, die Wunde zu heilen, sagte der Hund. Dann schwieg er.»

Die deutsche Vereinigung als mythische Heilung und heilige Nacht voll dunkler Bedeutung: das ist, wie «die im Schosse der Jungfrau geronnenen Gedanken Gottes» und manches andere in diesem Buch, höherer Blödsinn – grundiert vom Rauschen der Datenautobahnen. Gespickt mit erlesenen Referenzen, literarischen Topoi und überlebensgrossen Kastrations- und Kopulationsallegorien, avanciert die historische Stunde so zu einem Megagleichnis des Schmerzes. «Nach dieser Nacht wird nichts mehr so sein wie zuvor.»

Mal als durchschnittene Gurgel dekorativ auf der Sessellehne drapiert, mal als schlecht vernarbtes Geschlechtsteil in gleichwohl ungebremster Aktion, gleicht Hettches städtischer Phantomkörper freilich eher dem symbolischen Exerzierplatz einer kollektiven Perversion. «Erzähl mir vom Schmerz»: Die Aufforderung, die von der jungen Mörderin an eine sexuelle Zufallsbekanntschaft ergeht, darf als Motto dieser Berliner Walpurgisnacht gelten.

Man kann das, alles, zugegeben, auch ziemlich verquast finden. Klar, «immer ergibt sich, was man Sinn nennt» – zumal wenn man Platons Mythos vom Kugelwesen für die deutsche Vereinigungssehnsucht bemüht und mit biblischem Furor die Macht des Namens beschwört, wenn Kafkas Strafkolonie ihre Spuren in die bleiche Haut eines Juden einschreibt und der tote Erzähler die Börsenkurse rekapituliert wie weiland Musil im «Mann ohne Eigenschaften» die Temperatur über Mitteleuropa.

So ist der literarische Resonanzraum mitunter etwas überinstrumentiert. Hettche hat ihn allerdings nicht bloss als dekoratives Sternenzelt über seine deutsche Nacht gespannt, sondern dem Erzählatem anverwandelt. Und er beherrscht die Partitur des Erzählens vom hohen Ton bis zum harten Drive so bravourös, dass man ihm manche Verblasenheit nachsieht. Als literarisches Nachspiel zu dem, was man «Wende» nennt, sucht dieser Text bis heute seinesgleichen.

Andrea Köhler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



Pressestimmen

"Als literarisches Nachspiel zu dem, was man 'Wende' nennt, sucht dieser Text bis heute seinesgleichen." (Neue Zürcher Zeitung)

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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen Bitte nicht mit dem Kopf schreiben!, 1. Januar 2007
Diese Rezension stammt von: Nox (Broschiert)
Angeblich ist das ein Wendezeit-Roman. Ich kann mich aber des
Verdachts nicht erwehren, dass der 9. November 1999 als Tag der
Handlung nur gewählt wurde, damit über den zeitgeschichtlichen Rahmen
ein Bedeutungskontext hineininterpretiert werden kann, den das Buch in
Wahrheit gar nicht hat.

Es muss irgendwo in Deutschland eine Schreibschule geben, die darauf
besteht, dass Detailgenauigkeit, Faktenreichtum und Akribie bei der
Recherche genügen, um einen guten Roman zu schreiben. Sie genügen
nicht! Und es genügt auch nicht, eine Folge drastischer Szenen in
einen einzigen Tag zu pressen, um atmosphärische Dichte zu
erzeugen. Das hat früher bei Wolfgang Koeppens "Tauben im Gras" nicht
richtig hingehauen, und es funktioniert bei Hettche im neuen
Jahrtausend ebenfalls nicht.


Also gut: Die Mauer ist offen, man kann sich auf den Rücksitz eines
Trabi setzen, dort koitieren und gleichzeitig über die Grenze
fahren. Man kann sich Zigaretten auf der Haut ausdrücken lassen und
dabei an die Heilung von Wunden denken, weil die Grenze ja auch so was
wie eine Wunde gewesen ist. Na und? Da wird dick aufgetragen, und weil
eben doch kein rechter Tiefsinn aufkommen möchte, immer dicker und
dicker. Es klaffen die Wunden, es eskalieren die Exzesse. Das Ganze
ist weder glaubwürdig, noch überzeugend.


Natürlich hat sich da wieder einer extrem viel Mühe gemacht, hat seine
ganze Sprachgewalt bemüht, hat genau recherchiert, an den Sätzen
gefeilt. Er kann schreiben, der Hettche, und er kann denken, nur
kriegt er leider beides nicht zusammen. Über der Eleganz seiner Sätze
hat er die einfachsten Fragen vergessen: Warum das alles? Warum die
Maueröffnung mit einer klaffenden Wunde vergleichen, und nicht mit
einer heilenden? Das Gegenteil wäre doch näher gelegen, oder? Bestimmt
hat Hettche darauf eine kluge Antwort, und vielleicht steht sie sogar
im Text und ich habe sie nicht gefunden. Sie würde mich nicht
überzeugen, kännte ich sie, denn das Buch als solches überzeugt mich
einfach nicht.

Seit Joyce' Ulysses gibt es immer wieder Autoren, die sich der
Herausforderung stellen, die darin besteht, die Handlung eines Romans
auf einen einzigen Tag zu konzentrieren. Der schon erwähnte Koeppen
hat das vor Jahrzehnten getan, und es ist intellektualisierendes
Epigonentum dabei herausgekommen. Zeitschmerz in feinstem
Romandeutsch. Genau daran ist auch Hettche gescheitert: Am seinem
klugen Kopf, an seinem literarischen Feinsinn, mit dem er seine wilden
SM-Szenen nicht adelt, sondern ihnen das Leben entzieht. Sie sind
nämlich nicht lebendig, sondern papieren. Das bisschen Glaubwürdigkeit
ist im Bedeutungswust und im Faktenwahn verloren gegangen.


Ich wünsche mir wirklich, Hettche hätte ein wenig schlechter
recherchiert und seine Sätze etwas gröber gelassen. Dann hätte er
vielleicht mal Zeit und Muße gehabt, einen Schritt zurückzutreten und
seinen Text platt und glatt gegen die Wirklichkeit zu halten. Er wäre
dann unter Umständen sogar auf die Idee gekommen, die Lupe mal
wegzulegen und mit seinen gesunden Augen hinzusehen. Dann hätte er
sich gesagt: "Schreib doch bitte entweder eine SM-Geschichte, oder
einen Wenderoman. Aber nicht beides gleichzeitig, das kriegst du
nämlich nicht zusammen. Du nicht!"
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1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen Vom Rausch einer Nacht, 22. Februar 2005
Diese Rezension stammt von: Nox (Broschiert)
„Nichts, dachte sie, wird so bleiben, wie es war." - Diese Worte der weiblichen Protagonistin des Textes fassen alle Ereignisse zusammen, die sich in „Nox" zutragen. Die Geschichte einer Nacht erzählt von einem Mord, der Identitätssuche einer Mörderin, dem Mauerfall sowie dem kollektiven und individuellen Taumel der Nacht, in der alles anders wurde.

Ganz anders ist auch der ganze Text: Ein Ich-Erzähler, der schon nach dem ersten Kapitel stirbt; eine wechselnde Erzählperspektive, die sich zwischenzeitig einem Hund an die Fersen heftet; rauschhaft-perverse, fast irreale Szenen. Kurzum: Hettche ist es mit diesem Text gelungen, etwas Neues zu kreieren, das den Leser teils fesselt, teils verstört, teils mitreißt.

Gekonnt spielt er mit dem Motiv des Schmerzes, der den ganzen Plot zu einer Einheit verschmelzen lässt: Durch die geteilte Stadt Berlin zieht sich eine Narbe, die weibliche Protagonistin leidet darunter, nicht zu wissen, wer sie ist, der Ich-Erzähler empfindet permanenten Schmerz in seinem Todeskampf und sogar Nebencharaktere wie David, auf dessen Rücken und Po Schriftzüge eingebrannt sind und dessen Eichel durch einen Schnitt vernarbt ist, sind vom Schmerz gezeichnet. Daneben verbindet auch der Rausch - aus verschiedensten Gründen befinden sich alle Menschen in einem Taumel der Nacht.

Obwohl der Autor sein Handwerk meisterhaft beherrscht, weiß der Text gerade gegen Ende nicht mehr zu überzeugen. Zu surreal, zu paradox präsentiert sich dem Leser das „Theater der Anatomie". Was Hesse mit dem „magischen Theater" des „Steppenwolf" schaffte - seinem Roman im metaphorischen Bereich ein furioses Ende zu setzen - , gelingt Hettche in meinen Augen nicht.

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