Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Im Nichts stehen gelassen, 18. März 2004
Das Erdbeben von Kobe ist Lichtjahre entfernt, fragmenthaft taucht es in Gesprächen oder Fernsehbildern im Hintergrund auf. Es bildet nicht die Kulisse, es setzt nur den zeitlichen Rahmen für die sechs Kurzgeschichten in Haruki Murakamis Erzählband "Nach dem Beben".Merkwürdige Dinge passieren in diesen hinreißend eigenwilligen Geschichten, aber auch ganz gewöhnliche, stinknormale. Komische Käuze, skurrile Eigenbrötler, innerlich leere Menschen, deren einzige Sehnsüchte Schlaf und der Tod sind, wandeln durch befremdend unwirkliche Szenerien und nehmen diese wie selbstverständlich, ohne die kleinste Verwunderung, als etwas Alltägliches wahr. Aber es gibt auch viele berührende, herzerwärmende Momente in diesem Buch. In der wunderschönen Liebesgeschichte "Honigkuchen" erfindet ein junger Mann Märchen über Honigbären für ein kleines Mädchen, damit es endlich einschlafen kann. Oder in "Thailand", wo eine Ärztin ihre traumatische Vergangenheit abzuschütteln versucht, indem sie ihrem Geliebten von einst den Tod in einem einstürzenden Gebäude wünscht. Um Schlaf und die Sehnsucht nach tiefem Schlaf geht es oft in Murakamis Geschichten, manchmal scheinen Realität und (Tag)träume ineinander überzugehen und zu verschmelzen. In der Erzählung "Alle Kinder Gottes tanzen" verfolgt ein junger Verlagsangestellter seinen vermeintlichen Vater, den er an seinem abgebissenen Ohrläppchen zu erkennen glaubt, durch das nachtschwarze Tokio und findet sich irgendwann auf einem riesigen menschenleeren Sportplatz wieder - alleine in einer trostlosen, surrealen Umgebung. Doch anstatt seine Gefühle und Gedankengänge dem Leser zu offenbaren, beginnt er zu tanzen, und er tanzt und tanzt in der Dunkelheit bis zum Ende der Geschichte. Und so wie dem Protagonisten ergeht es auch Haruki Murakamis Leser manchmal: in dessen brillanter Erzählkunst gefangen wird er durch abenteuerliche Begegnungen, haarsträubende Handlungen und absonderliche Begebenheiten geschleust, immer tiefer wird er in den Sog seiner fantastischen Geschichten gezogen - und dann, ohne Vorwarnung, plötzlich ohne Erklärung im Nichts verstört stehen gelassen.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein großes Werk aus sechs kleinen, 12. September 2004
„Aber die Kurzgeschichte gerät immer mehr aus der Mode, wie der bedauernswerte Rechenschieber." Das jedenfalls fürchtet einer der Helden in Murakamis Kurzgeschichten, wir können nur hoffen, dass er damit nicht recht behält - wer bedauert schon einen Rechenschieber? Doch wie auch immer: ‚Nach dem Beben' halte ich für eines der besten Bücher von Murakami - und für eines der besten auf dem Gebiet der Kurzgeschichte! Hier wird in erstaunlichen Nachwirkungen und in großer Entfernung vom Zentrum dem Nachbeben in den Gefühlen unterschiedlicher Menschen nachgespürt. Das eigentliche Beben in Kobe (von dem vergleichsweise wenig die Rede ist) hält als Auslöser die langen Fäden zusammen und fasst so die Sammlung kurzer Geschichten zu einer großartigen neuen Form zusammen! Das Beben hat nicht nachgelassen. Es hat nicht nur Bauwerke zerstört - auch Übereinkünfte, Zusammenhänge, Sinngebungen. Es wirkte sich bis weit in die Peripherie aus und zielte direkt auf das Innerste der Menschen. Hier eine kleine Kostprobe, die ein wenig von der Einsamkeit der Kreaturen erzählt. Und wie so oft geht es auch hier in einfachen Sätzen um tiefe Fragen des Lebens. Hier erzählt also der thailändische Chauffeur namens Mimit der japanischen Ärztin Satsuki von seinem ehemaligen Chef, der ursprünglich aus dem Norden - aus Norwegen nämlich - kam: „Einmal hat er mir von den Eisbären erzählt - was für einzelgängerische Tiere sie sind. Einmal im Jahr paaren sie sich. Nur einmal im Jahr. So etwas wie eheliche Bindungen existieren bei ihnen nicht. Ein Eisbär und eine Eisbärin begegnen sich zufällig in der Weite des gefrorenen Landes und paaren sich. Das dauert nicht lange. Nach dem Akt rennt das Männchen vor dem Weibchen davon, als hätte es vor etwas Angst. Es ergreift regelrecht die Flucht. Es rennt davon, wortwörtlich ohne sich noch einmal umzuschauen. Den Rest des Jahres lebt es in tiefer Einsamkeit. Eisbären kennen keine Verständigung, keine Herzensbildung. Jedenfalls hat mir das mein Chef erzählt."/ „Wie sonderbar", sagte Satsuki./ „Ja", sagte Nimit mit ernstem Gesicht. „Sehr sonderbar. Ich weiß noch, dass ich ihn gefragt habe, wofür denn die Eisbären dann eigentlich leben. Und er antwortete mir mit einem wissenden Lächeln: „Und wir, Nimit, wofür leben wir?'"
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7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Nach dem Beben, nach dem Wirtschaftsboom, in der Krise, 18. Februar 2006
„Nach dem Beben“ enthält sechs Kurzgeschichten von Haruki Murakami. Fünf der Geschichten haben einen mal größeren, oft aber nur geringen Bezug zu dem Erdbeben von 1995 in Kobe. Die letzte Geschichte „Honigkuchen“ hat gar keine Berührungspunkte zur Umweltkatastrophe. Sie handelt von der Dreiecksbeziehung einer Gruppe Literaturstudenten. Die Hauptfigur müht sich jahrelang ab, um Erfolge als Schriftsteller feiern zu können, aber es gelingt ihm nicht, über durchschnittliche Werke hinauszukommen. Das gilt auch für dieses Buch! Alle Geschichten sind gekonnt geschrieben, Murakami schafft es die aufgebaute Spannung bis zum Schluß aufrechtzuerhalten. Die Lektüre ist kurzweilig und die Pointen, etwa von „Ufo in Kushiro“, sind überraschend und regen zum Nachdenken an. Enttäuschend ist, daß die Geschichten nichts typisch japanisches haben. Sicherlich, sie spielen fast alle in Japan (außer „Thailand“) und sie handeln von Japanern, aber es könnten genau so gut US-Amerikaner oder Europäer sein. Murakami hat längere Zeit in den USA und Europa gelebt, er beschäftigt sich intensiv mit westlicher Literatur, übersetzte Irving und Capote ins Japanische und zitiert in diesem Buch gerne Hemingway, Dostojewski und andere. Die jugendliche Heldin in „Alle Kinder Gottes tanzen“, für mich der schönste Text des Buchs, lebt mit einem Möchtegern-Rockstar, der seiner Lieblingsband Pearl Jam nacheifert. Es ist sehr leicht, einen Bezug zu diesen Figuren herzustellen, weil sie eben so gänzlich westlich sind: gelangweilt vom Reichtum und als sie die Katastrophe aus ihrem geordneten Alltag herausreißt, stehen sie vor einer schweren Sinnkrise. Das Erbeben ist in diesem Buch offensichtlich eine Metapher für eine unerwartete Katastrophe, nach der sich das bisherige Leben schlagartig ändern kann. Ein universelles Thema, deshalb ist dieses Buch wohl auch nicht die richtige Wahl für Leser, die etwas typisch japanisches suchen. Obgleich die, an Kafkas „Verwandlung“ erinnernde Story „Frosch rettet Tokyo“ auch aus einem Manga stammen könnte.
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