Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Die Zeit, 09.01.2003
Der "Bericht einer Entfremdung" ist dieses Buch, schreibt Rezensentin Ursula März, die ihr Lob mit einer Hymne an den Stil dieser Autorin verbindet. Ohne ihn nämlich wäre dieser "wie üblich kurze Roman" nur die "Geschichte eines traurigen Waisenschicksals" aus dem vergangenen Jahrhundert. Mit ihm, entnehmen wir der Schilderung der Rezensentin, ist er ein Ereignis. Als Besonderheit von Fleur Jaeggys Stil beschreibt Ursula März dessen "spezielle Kälte", die ihrer Ansicht nach auf "einer Art Verweigerung" beruht, in dem sie einen "Ausdruck des Widerstandes gegen das Selbstverständliche" erkennt. Während also die Reisegruppe auf dem titelgebenden Passagierschiff "Proleterka" einer Gespensterversammlung gleiche, haben für die Rezensentin die Fantasien der 15-jährigen Protagonisten "erstaunliche Präsenz". Auch das Ich der Icherzählerin findet die Rezensentin nicht selbstverständlich. Sie wechsele von sich sprechend in die dritte Person oder nenne sich "Johannes' Tochter". Die Sätze selbst findet die Rezensentin kurz und spröde. "Sie erklären und begründen nicht, sie machen Feststellungen, deren Inhalte bisweilen so entfernt sind voneinander, dass die Auslassungen mitklingen."
© Perlentaucher Medien GmbH
Kurzbeschreibung
Proleterka ist der Name eines Schiffes. Groß, stahlgrau und meereserprobt, auf dem Schornstein einen verwitterten roten Stern, liegt es vor Venedig und wartet darauf, eine kleine Gruppe deutschsprachiger Touristen an Bord zu nehmen. Die Reise geht nach Griechenland. Ein älterer, leicht hinkender Mann und seine noch nicht ganz sechzehnjährige Tochter steigen als Letzte an Bord. Zwischen Vater und Tochter herrschen vollständige Fremdheit und zugleich eine unheimliche Verbundenheit, deren Ursprung in eine Zeit weit vor ihrer beider Existenzen zurückzureichen scheint. Vierzehn Tage lang hat die Tochter Zeit, diesen Fremden mit den eisblauen Augen, ihren Vater, kennen zu lernen. Vierzehn Tage lang hat sie Zeit, außerhalb der sterilen Welt des Mädchenpensionats und unerreichbar für die unerbittlichen Befehle einer ihr ebenfalls fremden Mutter, Erfahrungen zu machen, zu leben. Die klaustrophobische Abgeschlossenheit des Schiffes mit seinen engen Kajüten wird zum Ort einer gierigen, wütenden Entdeckungslust auf das, was man Leben nennt. Während die Initiation Meile um Meile fortschreitet, reist die Erinnerung in die gegenläufige Richtung und fördert die stummen, abgedunkelten Räume jener einsamen Kindheit zu Tage, die der Leser bereits aus Jaeggys Seligen Jahren der Züchtigung kennt. Mit der ihr eigenen maßvollen Unbarmherzigkeit verdichtet Fleur Jaeggy diese Schiffsreise zu einem beklemmenden Familienroman, geschrieben in einer Sprache, die nichts von ihrer Schärfe eingebüßt, aber eine unergründliche Zartheit hinzugewonnen hat.