Neue Zürcher Zeitung
Megaloman Israel
Rosenfields Freud
Das Pendant zur Science-Fiction ist die «Fictitious Science». Wolfgang Hildesheimers «Marbot» ist auf ihrem Gebiet wohl das geglückteste Beispiel einer simulierten Wissenschaftlichkeit, die eine imaginäre Biographie rekonstruiert. Die postmoderne Wissenschaftsphilosophie des Als-ob steht im Hintergrund: Wenn sich die Wissenschaft in Diskurs und Konstruktion verwandelt, dann spielt die Konstruktion schlüssigerweise im Gegenzug die Wissenschaft. Irgend so etwas muss sich auch Israel Rosenfield, Professor für Geschichte an der City University of New York, gedacht haben, als er die fürwahr komplexe Struktur seines Romans «Freuds Megalomanie» austüftelte. Freuds war er wie auch sonst nicht wenige überdrüssig. Zugleich konnte ihm das populäre Freud-Bashing zumal von der Gehirnforscher-Seite nicht ganz gefallen. Welch ein Glücksfall, dass ihm unter diesen Umständen, die im schöpferischen Sinn «anders» zu nennen ein allzu bescheidenes Bonmot wäre, ein Gehirnforscher namens Albert J. Stewart einfiel, dem eine bisher noch nicht bekannte uneheliche Enkelin Freuds namens Bernadette Schilder das letzte, bis dato völlig unbekannte Manuskript Freuds übergeben hatte: ein «Opus ultimum», kurz vor Freuds Tod im Exil entstanden, das unter dem Titel «Megalomanie» eine vollständige Revision der psychoanalytischen Theorie bietet. Nicht genug damit, dass man diesen Text, der Freud um den Preis rettet, dass dieser an sich selber zum Renegaten wird, jetzt in Rosenfields Roman lesen kann. Es fehlt auch nicht an weiteren hochkomplexen Komplikationen, angefangen mit einer neuen Geschichte des Eiffelturms, die als «babylonische» auf das Plausibelste zum Thema «Megalomanie» passt, beendet mit einem Gespräch zwischen Anna Freud und dem Spieltheoretiker und Mathematiker John(ny) von Neumann, in dem auch bei der getreuen «Anna- Antigone» endlich der revisionistische Groschen fällt. Wer nun aber befürchtet, bei so viel Aufwand müsse der Berg auch mehr als eine Maus gebären, sieht sich rundum entlastet. Denn die ganze volltönende «Megalomanie» entpuppt sich bei näherem Zusehen doch als eine eher kleinwüchsige Sache. Dem Leser, der sie freilich unter dem schlichteren Namen des Grössenwahns kennt, wird sie nicht ganz so unerhört scheinen wie dem alten konvertierten Freud und seinem hirnforschenden Retter, dessen synkretistische Phantasie hier offensichtlich Freud einen «Adler» untergeschoben hat. Dass aber das ganze Seelenleben mit der Megalomanie auf der Selbsttäuschung basiert sei, das hat der Leser zu seiner nicht geringen Beruhigung schon lange vor Freuds «Opus ultimum» aus den Genealogien seines verschwiegenen Lehrers Friedrich Nietzsche erfahren, den als unehelichen Urvater aller Konstruktionen in die Romankonstruktion einzuführen der Autor vergessen hat. Doch eben so gehorcht er dem Urgesetz aller Ästhetik: dass ihre Formen das sein müssen, was ihre Inhalte besagen in diesem Fall also «megaloman». Ludger Lütkehaus
Kurzbeschreibung
Eine geheimnisvolle junge Frau, die von sich behauptet, Freuds Enkelin zu sein, übergibt dem Gehirnforscher Albert Stewart das letzte, lange verschollene Manuskript Sigmund Freuds mit dem Titel Megalomanie zur Veröffentlichung. Das Manuskript ist sensationellen, wenn nicht gar brisanten Inhalts: Freud reflektiert darin über sein Lebenswerk und gelangt zu dem überraschenden Schluss, dass er mit seiner bisherigen Theorie auf dem Holzweg war ... Er entwirft eine verführerische neue Theorie menschlichen Verhaltens, die da lautet: Nicht die Triebe sind es, die uns beherrschen, sondern unsere grenzenlose Fähigkeit zur Selbsttäuschung (vor der auch Freud selbst nicht gefeit ist) und der damit verbundene Grössenwahn. Israel Rosenfields Roman ist Hommage und radikale "Manöverkritik" in einem: Er trägt die Ikone Freud zu Grabe, lässt den Menschen Freud auferstehen und entlarvt nebenbei die Naivität von Freuds Schülern ebenso wie die grössenwahnsinnigen Neigungen seiner Kritiker. Mit seiner raffinierten Mischung aus historischen Fakten und visionärer Fiktion stellt Rosenfield auf spielerisch-provokante Weise die anhaltende Freud-Debatte in Frage. Freuds Megalomanie ist ein Produkt reinster Fantasie, in dem ein fiktiver Freud sich selbst neu erfinden darf und - seltsam genug - erst dadurch in der Lage ist, Anspruch auf seinen unbestrittenen Platz in der Geschichte zu erheben.