Lespress-Rezension
Die Schriftstellerin Ali sitzt eine ganze Nacht an ihrem Computer und schickt Geschichten ins Netz, in der Hoffnung auf eine Antwort von ihrer Ex-Geliebten. Immer wieder kreuzen sich virtuelle, fiktionale und reale Welt, neue Geschichten entstehen. - Wieder einmal erweist sich Jeanette Winterson als eine der besten VertreterInnen zeitgenössischer Literatur. Spielerisch und gekonnt verknüpft sie ihr naturwissenschaftliches und literarisches Wissen. "Früher war es so, dass das Wirkliche und das Erfundene Parallelen waren, die sich niemals berührten. Dann entdeckten wir, dass der Weltraum gekrümmt ist, und in einem gekrümmten Weltraum berühren sich parallel verlaufende Linien immer. Das Denken ist ein gekrümmter Weltraum. Das, was wir erleben, das, was wir erfinden, läuft nebeneinanderher, Spur neben Spur, dann geht es ineinander über, der Bremshebel gelöst. Atom und Traum." Das Ergebnis dieser Reise durch Raum und Zeit ist eine fulminante Liebeserklärung im n-dimensionalen Raum, transponiert auf ein Betriebssystem und zudem entsprechend in Kapitel wie "Datei öffnen", "Suche", "Symbolleiste" oder "Papierkorb ausleeren" unterteilt. Schlussendlich erreicht Ali zwar nicht das ursprünglich anvisierte Ziel (also die Rückkehr der Verflossenen), dafür aber als Autorin Ali die Gewissheit, dass die in dieser Nacht entstandene Geschichte mehr Kraft hat als das sie auslösende Gefühl. Ein Powerbook im besten Sinne des Wortes.
Ulrike Anhamm
Kurzbeschreibung
Ein Roman über die Liebe in den Zeiten des Chat. Mit der ihr eigenen kraftvollen Anmut bewegt sich Jeanette Winterson lustvoll durch den virtuellen Kosmos der unendlichen Möglichkeiten. Vor dem Hintergrund der Erkenntnis, "dass die Trennwand zwischen echt und erfunden so dünn ist wie die Wand eines billigen Hotelzimmers" besingt sie den Wert rückhaltloser Liebe.
Eine junge Schriftstellerin sitzt an ihrem Computer. Unter dem Namen Ali sendet sie Geschichten hinaus in die Weite der virtuellen Welt und lauert als Spinne im Netz auf elektronische Beute. Sie wartet auf E-Mails ihrer Geliebten, von der sie in der realen Welt für die Wirklichkeit einer Ehe verlassen wurde. Schreibend durchstreift sie den Kosmos der unendlichen Möglichkeiten, nutzt ihn als frei verfügbare Requisitenkammer, in der sie sich bedienen kann, um die Geliebte zum Glück zu verführen. Sie verspricht ihr: "Freiheit nur für eine Nacht". So wird Ali zur Scheherazade, die in einer einzigen Nacht versucht, schreibend den tragischen Ausgang ihrer Liebesgeschichte, und mehr noch, den Lauf der Welt zu verändern. Sie ruft die großen Liebenden in der abendländischen Kultur als Kronzeugen der eigenen Leidenschaft auf, erzählt noch einmal die Geschichte von Lancelot und Guinevere, von Paolo und Francesca. Mit der poetischen Inbrunst, die Wintersons Sprache auszeichnet, beschwört Ali die eigene und die überlieferten Liebestragödien, um ihnen eine andere, glückliche Wendung zu verleihen, und wird doch jedes Mal vor der Macht der festgeschriebenen Geschichte kapitulieren. Als Liebende muss die Erzählerin diese Enttäuschung hinnehmen, als Schriftstellerin aber macht sie eine beglückende Entdeckung: In der sprachlichen Beschwörung selbst verleiht sie ihrer Liebe Ewigkeit und Gegenwart. In ihrem neuen Roman vollzieht Jeanette Winterson ein Virtuosenstück, aus der Unverbindlichkeit der Cyberworld fördert sie mit alchimistischer Gabe zu Tage, was Raum, Zeit und Identität überwinden und dadurch Dauer erlangen kann.