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In dieser Welt und anderswo
 
 

In dieser Welt und anderswo (Gebundene Ausgabe)

von Jeanette Winterson (Autor)
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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Luftsprünge im grünen Quadrat

Jeanette Wintersons Erzählungen

Sie gilt als hoch begabt und schwierig, egomanisch und experimentierfreudig, originell und doch anfällig für literarische Moden. Sie hat sich aus ärmlichen und streng religiösen Familienverhältnissen auf den felsigen Hochsitz einer modernen Sappho – dies jedenfalls eine ihrer selbstgewählten literarischen Masken – geschwungen. Jeanette Winterson preist die lesbische Liebe; aber eine Journalistin, welche sie in ihrem Heim aufsucht, merkt mit deutlichem Ressentiment an, die Schriftstellerin «verdiene genug, um eine Anzahl ergebener Frauen dafür zu bezahlen, dass sie sich ihrer häuslichen und administrativen Bedürfnisse annehmen». Wie zwei ihrer Romane – «Orangen sind nicht die einzige Frucht» und «Das Geschlecht der Kirsche» – Früchte im Titel führen, so ist die britische Autorin selbst zu einem Zankapfel im Literaturbetrieb geworden.

Das hat, trotz Jeanette Wintersons eigenwilliger Persönlichkeit, nicht ausschliesslich mit der oft eingeklagten Annäherung der Kritik an einen Feature-Journalismus zu tun, der die Leser mehr mit saftigen Brocken aus dem Privatleben der Autoren denn mit literarischen Meriten ködert. Ihr Werk allein befördert einen in ein Wechselbad aus Anerkennung und Irritation: umso mehr, als es gerade Ambition und Experimentierlust sind – die eigentlichen Grundbedingungen also für Originalität und künstlerische Entwicklungsfähigkeit –, welche diese Schriftstellerin ins Leere oder umgekehrt an eigene Grenzen führen können. Ersteres etwa im Falle ihres letzten Romans, «Das Schwesteruniversum», der mit seinen Exkursen in die Quantenphysik eher einer Modeströmung denn intellektueller Notwendigkeit verpflichtet schien; Letzteres insbesondere in dem Bereich, den die kürzlich erschienene deutsche Ausgabe von Jeanette Wintersons Erzählungen als «Die Poesie des Sex» umreisst.

Plakatives, Doppelbödiges

Die siebzehn im Band versammelten Texte sind – darüber hätte das in der deutschen Ausgabe weggelassene Nachwort der Autorin Auskunft gegeben – im Verlauf von zwölf Jahren entstanden. In «Orion» etwa, der krud ausgemalten mythischen Urszene für die tödliche Konfrontation weiblicher Emanzipationswünsche mit männlichen Machtansprüchen, begegnet man einer fast unverändert aus «Das Geschlecht der Kirsche» (1989) übernommenen Episode, während «Die Poesie des Sex» wohl im Umfeld von «Kunst und Lügen» (1994) anzusiedeln wäre. Dass diese mit aggressivem Pinselstrich hingeworfenen feministischen Manifeste im Wechsel mit drei etwas farblosen Texten den Band eröffnen, ist zu bedauern; wenn auch die expressionistisch-flamboyante Prosa von «Die Poesie des Sex» so gut wie die sehr private Vignette «Der 24-Stunden-Hund» durchaus einen Platz im tour d'horizon durch Welt und Werk dieser Autorin beanspruchen dürfen, so hätte doch eine andere Textfolge den Blick früher für die Weiten und Tiefen des Ausblicks geöffnet.

So jedoch erwarten den Leser erst nach gut 70 Seiten die feinen Illuminationen von «Das Leben der Heiligen»: drei jüdisch-orthodoxe Kolonialwarenhändler, im Dämmer des Ladens still verzückt über dem Wunder der neu erworbenen Nudelmaschine; und ihre Kundin, deren umständliche Einkäufe ein heimliches Ritual der Sühne und der Erinnerung sind. In «Das Verschwinden I + II» tappt man durch doppelbödig zwischen Traum und böser Wirklichkeit angelegte Szenarien: einmal in Begleitung eines professionellen Träumers, der die ausgewrungenen Seelen einer schlaflosen Leistungsgesellschaft alimentieren soll – wobei seine Traumgespinste, wo sie sich etwa allzu grau präsentieren, von der öffentlichen Hand flink mit gefälligem Kolorit nachbehandelt werden; dann im Kielwasser eines Schlossherrn, der im Sommer nach gutem englischem Brauch die Tore seiner Residenz zahlenden Gästen öffnet, im Winter aber einsam zwischen staubigen Möbeln, verhüllten Bildern und aus den Rahmen kippenden Türen nach den leisen Stimmen der Toten im Nebenzimmer horcht. Spätestens in «Newton» jedoch wird man dankbar an den Schauder zwischen jenen kühlen Mauern zurückdenken: Denn in der Kleinstadt, die sich mit dem Namen des Wissenschafters schmückt, geht man sieghaft gegen Vergänglichkeit und Tod vor, indem man den Garten mit Plasticflor bestückt und die hingeschiedenen Lieben, kunstvoll präpariert, im synthetischen Eden abstellt.

Solch futuristische Exkursionen erfreuen durch ihren so leichten wie treffend bösen Witz; und die Ankunft «Am Wendepunkt der Erde», wo sich auf vier Inseln die Elemente manifestieren, markiert dann eine Art Aussenposten von Wintersons lebhafter Imaginationskraft. Man mag sich angesichts dieser lyrisch-phantastischen Skizzen zurückerinnern an «In dieser Welt und anderswo»: Dort findet sich eine mit irdischen Gütern wenig gesegnete Familie jeden Samstag zu einer lediglich von der Suggestivkraft der Sprache gelenkten Phantasiereise im kahlen Wohnzimmer zusammen. Mit doppeltem Recht ist der ganze Band nach dieser Erzählung benannt: einmal, weil die Bewegung nach «Anderswo» – Aufbruch, Reise, der jähe Sturz durch Bruchstellen der Realität – den Verlauf der meisten Texte bestimmt; dann aber auch, weil in der Titelgeschichte die Frage nach dem Impetus hinter dieser Bewegung gestellt wird.

Angst vor der Enge

Zu sagen, dass es dabei um die Suche nach sich selbst geht oder darum, «wie man leben soll», heisst zu weit und zu kurz greifen; denn der Text – und darin liegt seine Qualität – reisst diese Fragen an im Bewusstsein, dass sie so unausweichlich wie unbeantwortbar sind. Der ganze ungeheuerliche Abenteuergeist, den die Erzählsammlung entfaltet, erstarrt hier zur bunten Tapete hinter dem Individuum, das das edle Ziel der Selbsterkenntnis nicht als Bereicherung, sondern als endgültiges Niedergehen von Schranken antizipiert: «Ich habe keine Angst vor dem, was ich bin. Ich habe Angst, dass ich sehen werde, was ich nicht bin.»

Wo die Titelerzählung ihrem Protagonisten zumindest noch Raum offen hält, dieser Einsicht – je nach Lesart – nachzugehen oder zu entfliehen, da ist der Ich-Erzähler von «Das grüne Quadrat» unrettbar befangen zwischen der Enge des Eigenheims und dem frostig leeren Stadtpark, zwischen dem Lärm des Januar-Ausverkaufs und dem insistenten Schweigen, in dem seine Versuche der Erinnerung oder Selbstbefragung enden. Er sieht sich verdammt zum Leben in einem aseptischen Schein-Paradies, wo der Überfluss verlässlich via die prall gestopften Supermarktregale zu- und durch die Kanalisation wieder abgeführt wird – und dabei gleich das Leben mit sich nimmt.

Mit verzweifelt-todesmutiger Ironie definiert Wintersons Protagonist den Moment der Einsicht in den eigenen Selbstverlust als neue Lebensgrundlage: Er markiert den Tag mit einem grünen Quadrat in der Agenda. «Heute war wichtig», heisst es; und später: «so werde ich jeden Tag ein grünes Quadrat finden müssen, in dem ich mich bewegen kann». Ob dieser imaginäre Freiraum mit seinem Mass von schätzungsweise knapp einem Quadratzentimeter genügt? Das sei – immerhin im Echoraum eines Buches, das aus der Imagination Welten zu schaffen sucht – dem Urteil der Leser überlassen.

Angela Schader

Jeanette Winterson liest heute im Literaturhaus der Museumsgesellschaft Zürich aus ihren Erzählungen; vorgestellt wird sie von Elisabeth Bronfen (Limmatquai 62, 20 Uhr).



Perlentaucher.de

Pressenotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 30.03.2000
Winterson probiert mit diesen Erzählungen "hörbar Haltungen und Tonarten aus", meint Margrit Irgang in ihrer Besprechung. Irgang ist so fasziniert von den Geschichten, dass sie der Nacherzählung großen Raum gibt: Immer seien die Figuren von der Sehnsucht nach dem wahren Leben erfüllt, so dass sie in ihrem von Kompromissen gezeichneten Alltag schmerzlich vermissten. Sie lobt die "aufs Äußerste" reduzierte Sprache und die "Virtuosität", mit der Winterson ihre Figuren zeichnet.

© Perlentaucher Medien GmbH

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