Kurzbeschreibung
Burtons Riesenwerk handelt von einem Leiden, das jeder kennt. Die moderne Medizin möchte es auf den klinischen Begriff der Depression reduzieren, aber damit ist es nicht getan. Denn die Melancholie ist von der condition humaine nicht zu trennen; nur dem Stumpfsinnigen ist sie unbekannt.
Der Autor dieses Buches spricht zu uns aus einer Distanz von mehr als dreihundert Jahren; doch es fällt uns nicht schwer, unsere eigenen Erfahrungen in den seinigen wiederzuerkennen. Seine lebenslange Schwermut äußert sich empört, aber nicht verbittert, illusionslos, aber im Gesprächston eines Menschen, dem man vertrauen kann. Was er uns hinterlassen hat, ist keine medizinische Abhandlung, sondern ein Weltpanorama, in dem von Liebe und Religion, Wahn und Sex, Politik und Krieg ebenso die Rede ist wie von der "schwarzen Galle".
Burton ist ein glänzender Erzähler und ein scharfsinniger Psychologe. Paradoxerweise ist sein Werk zu einem Unterhaltungsschlager der englischen Literatur geworden. Noch im Jahre 2001 hat ein Kritiker behauptet, es sei "the book to end all books". Es ist höchste Zeit, dem deutschen Publikum diesen Text wieder zugänglich zu machen.
Ulrich Horstmann, selbst ein Melancholiker von hohen Graden, hat aus den 1400 Seiten des Originals einen philologisch getreuen Extrakt gezogen und einen klugen Essay beigesteuert.
Auszug aus Die Anatomie der Schwermut von Robert Burton. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich hänge den Gedanken nach
und träume ohne Ungemach
von Schlössern,
die in Luft gebaut,
ganz sorgenfrei, kein Angstbild graut,
nur rosarote
Phantasien
im Fluß der Zeit vorüberziehn.
Anderes
Glück vergällt mir die
süßeste Lust: Melancholie.
Ganz einsam wälz' ich ohne Ruh
und flüstere mir die Beichte zu,
von
Grübelei tyrannisiert
hat Furcht, hat Gram mich aufgespürt,
ich springe
auf, ich halte ein,
Minuten wollen Stunden
sein.
Anderes Leid - Gold gegen
die
schmerzvollste Last: Melancholie.
Ich treibe mit mir Schabernack,
es spielt im Kopf wie'n Dudelsack,
am
Bächlein in dem grünen Wald
nehm' ich Einsiedler Aufenthalt,
und tausend
Freuden tanzen fein
im Seelenfrieden
Ringelreihn.
Anderes Glück vergällt mir
die
süßeste Lust: Melancholie.
Auf Schritt und Tritt, an jedem Ort
seufzt, stöhnt und klagt es
immerfort,
ob düstrer Hain, ob Zimmergruft,
es toben Furien durch die
Luft,
und tausend Nöte im Verein
kesseln mir Herz und Seele
ein.
Anderes Leid - Gold gegen
die
sauerste Last: Melancholie.
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