Neue Zürcher Zeitung
Schwarzrote Rosen
c. hr. «Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten», lautet das Motto der Reihe «Die Andere Bibliothek», die seit 1985 von Hans Magnus Enzensberger herausgegeben und von Franz Greno gestaltet wird. In der «Anderen Bibliothek» erscheinen Bücher zu den unterschiedlichsten Themen und ohne Rücksicht auf die branchenübliche Trennung zwischen Sachbuch und Literatur. Der vorliegende 184. Band ist dem schwedischen Autor Hjalmar Söderberg (18691941) gewidmet. Söderbergs pointenhaft zugespitzte «Historietten» (1898), seine in verschiedenen Sammlungen veröffentlichten Erzählungen es wurde eine Auswahl von insgesamt zwölf Prosastücken getroffen und der symbolistische Roman «Doktor Glas» (1905) sind allemal eine Lektüre wert. Man taucht ein in die Welt der Jahrhundertwende, als Stockholmer Bürger noch Zeit hatten, morgens auszureiten und mit weiblichen Bekannten «ein paar muntere Worte» zu wechseln, als von Verehrern geschenkte Veilchenbuketts am Décolleté befestigt wurden und als Dienstmädchen für einige Monate aufs Land geschickt wurden, um das «Malheur», das ihnen widerfahren war, zu vertuschen. Um die Liebe kreisen fast alle im Band versammelten Texte. Söderberg zeigt sie nicht von der sinnlichen, lebensbejahenden, sondern von der problembehafteten Seite, deren psychologische und soziale Ursachen er scharfsinnig analysiert und deren moralische Bedingungen er auslotet. So etwa hat Doktor Glas im gleichnamigen Roman vergeblich den moralischen Kampf ausgefochten, ob er der Frau, die er liebt, zu ihrem Glück verhelfen kann, indem er sie von ihrem widerwärtigen Gatten befreit. Er begeht den Mord, doch die Frau wird allem Anschein nach nicht glücklicher. Fruchtlos ist der Versuch, den Lauf des Schicksals mit seinem Willen zu beeinflussen. Söderbergs Welt ist illusionslos und düster wie der Strauss schwarzrote Rosen, den Doktor Glas von der geliebten Frau im Traum erhält, aber seine Werke sind es nicht. Söderberg, der nach dem Abbruch des Studiums zunächst als Journalist arbeitete, Maupassant und Anatole France übersetzte und sich den Dänen Herman Bang zum Vorbild nahm den literarischen Impressionisten par excellence , schreibt mit analytischer, oft ironischer Distanz, und seine Fähigkeit, das Geschehen zu verdichten und in klarste, durchsichtigste Prosa zu verwandeln, ist in seiner Zeit unübertroffen.
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 23.09.2000
Um die Liebe kreisten fast alle hier versammelten Texte, läßt uns der Kritiker mit dem Kürzel "c. hr." wissen. Und präzisiert: nicht um die "sinnliche, lebensbejahende, sondern die problembehaftete Seite", deren Ursachen in den Erzählungen scharfsinnig analysiert würden. Der Rezensent taucht kurz in die Stockholmer Welt um 1900 ein, als dortige Bürger "noch Zeit hatten, morgens auszureiten und mit weiblichen Bekannten ein paar muntere Worte zu wechseln" und "von Verehrern geschenkte Veilchenbuketts am Dekolleté befestigt wurden". Doch vermisst man in diesen kurzen Impressionen des Rezensenten schmerzlich die beschriebene scharfsinnige Analyse Söderbergs. "Illusionslos und düster", findet der Rezensent, sei Söderbergs Welt und wir finden, Stockholmer Bürger um 1900 müßte man sein.
© Perlentaucher Medien GmbH