Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert versetzte der Historienmalerei den vermeintlichen Todesstoß. Noch
Henri Matisse bemerkte, dass für "Ereignisse aus der Geschichte" das dokumentarische Medium viel geeigneter sei. Das frühe 20. Jahrhundert mit seiner Kriegspropaganda und seinen Diktaturen brachte jedoch die Erkenntnis von der Korrumpierbarkeit und Manipulierbarkeit der Lichtbildnerei: Nach dem Zweiten Weltkrieg haben dies wiederum deutsche Künstler wie
Sigmar Polke,
Gerhard Richter und Anselm Kiefer aufgezeigt -- und eine Art fotografiegestützter Historienmalerei nach der Historienmalerei etabliert.
Für Polke, Richter und Kiefer stand dabei immer auch die Konfrontation mit dem Nationalsozialismus im Vordergrund -- wobei sich Kiefer durch seine Auseinandersetzung mit der heiklen Verflechtung von Geschichte und Mythos einen Bildgegenstand wählte, der durch seine ideologisch braune Besetzung besonders in Verruf geraten war. Innerhalb der Kunstkritik hat es Kiefer deshalb (anders als beim Publikum) immer besonders schwer gehabt. Wie vielschichtig sich der Künstler seinem Thema aber nähert, zeigt der Ausstellungskatalog Die sieben HimmelsPaläste 1973 2001, der die Arbeiten Kiefers in vier Werkgruppen teilt: die berühmten "Dachbodenbilder"; die "steinernen Hallen" von 1983, die wegen ihres Bezugs zur NS-Architektur -- und trotz ihres mehr als deutlichen Verweises auf Celans "Todesfuge" und seine jüdische Heldin Sulamith -- besonders angegriffen wurden; die gigantischen "Lehmarchitekturen" (das Gemälde einer Pyramide im Eingangsbereich der Basler Fondation Beyeler umspannte neun mal fünf Meter); und die "Sternenbilder", auf denen sich die architektonische Kunst in einer Verquickung von Nasa-Dokumentarfotos und fiktivem Sternengestöber ins Kosmische weitet.
Wer die ganze Bandbreite von Kiefers Schaffen betrachten will, der muss zum Atelier des Künstlers nahe der französischen Cévennen reisen, wo ein riesiges Installationsareal aus "Himmelspalästen", Hangars, unterirdischen Grabkammern und Glasgebäuden entsteht. Wer sich dies nicht leisten kann, dem wird Die sieben HimmelsPaläste als schöner Überblick sicher reichen. --Thomas Köster
Kurzbeschreibung
Die Monografie zeichnet die künstlerische Entwicklung Anselm Kiefers anhand von vier Werkblöcken nach, die zentrale Linien in Kiefers vielschichtigem Gesamtwerk aufzeigen: Am Anfang stehen, Arbeiten aus den frühen siebziger Jahren, die so genannten »Dachboden-Bilder«. Ein zweiter Block, überschrieben »Steinerne Hallen«, präsentiert die viel diskutierten «Denkmäler für den unbekannten Maler« aus der ersten Hälfte der achtziger Jahre. Archaisch wirkende Lehmarchitekturen, die Kiefer in den neunziger Jahren geschaffen hat, bilden den nächsten Schwerpunkt. Die »Kosmos- und Sternenbilder« von 1995 bis 2001 stellen einen weiteren Höhepunkt dar. Diese vier Stationen zeichnen den Weg von den intimen »Dachboden-Bildern« zur unendlichen Weite des Universums nach, gewissermaßen die Bewegung vom Mikro- zum Makrokosmos, um mit den monumentalen »Sonnenblumen-Bildern« auf die Erde zurückzukehren. Gleichsam als 5. Station dokumentieren ein Essay des Schriftstellers Christoph Ransmayr und Fotografien von Thomas Flechtner die Glasbauten, unterirdischen Ganganlagen und Installationen, die seit 1993 auf Kiefers Ateliergelände in Barjac entstehen.
Ausstellung: Fondation Beyeler, Riehen/Basel 28.10.2001-17.2.2002