Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Dafür muss man die Vargas lieben!, 18. Dezember 2009
Joss Le Guern ist mit Leib und Seele Seemann. Doch seit er einen korrupten Schiffseigner fast umgebracht hat, bekommt er keine Anstellung mehr. Er verlegt sich auf den Beruf des Ausrufers. Wie sein Urgroßvater stellt er sich mehrmals täglich mitten in Paris auf einen öffentlichen Platz und verliest Annoncen und Mitteilungen, die ihm Kunden anonym in eine Urne gesteckt haben. Zwar sortiert er täglich einige Meldungen, die er unter "unsagbar" einordnet, aus, doch zu seiner eigenen Überraschung sichert ihm diese anachronistische Tätigkeit ein gutes Auskommen. Eine feste Stammkundschaft des Viertels rund um die Ecke Edgar-Quinet-Delambre folgt mehr oder minder interessiert seiner Lesung. Seit kurzem sind auch "Spezielle" darunter. Dies sind kryptische, nahezu unverständliche Texte, die irgendjemand für so wichtig erachtet, dass er den doppelten Tarif - immerhin zehn Franc - beilegt. Vor allem der alternde Lehrer und "Lebensberater" Hervé Ducouedic ist sehr an diesen "Speziellen" interessiert, ahnt er doch, dass diese Texte einen düsteren, bösartigen Zweck verfolgen.
Als Ducouedic sich entschließt, diese Meldungen dem Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg vorzulegen, sieht dieser das zu seiner Überraschung genauso. Der Kommissar holt sich Hilfe bei Marc Vandoosler, einem anerkannten Mediävisten. Der kommt schnell dahinter, dass der Unbekannte mit seinen Texten eine Pest in Paris ankündigt. Adamsberg, gesegnet mit einem fotografischen Gedächtnis, erinnert sich sofort an eine nervöse Frau, die ihm von spiegelverkehrten Vieren erzählt hat, die auf zahlreichen Türen in verschiedenen Pariser Vierteln aufgetaucht sind. Diese Vieren, so erklärt Vandoosler, sind im Mittelalter als Schutz vor der Pest auf die Türen gemalt worden. Der scheinbar Verrückte kündigt also nicht nur die Pest an, er bietet gleichzeitig auch seinen Schutz an. Es handelt sich demnach nicht nur um einen so genannten Pestverkünder, sondern sogar um einen "Meister der Pest".
Als die ersten zwei Leichen mit geschwärzten Hautstellen in Paris gefunden werden, scheint eine Massenpanik unausweichlich. Doch warum, so fragt sich Adamsberg, sind die "Pestopfer" erwürgt worden und die Rattenflöhe, die bei ihnen gefunden werden, frei von dem Pesterreger?
Die Französin Fred Vargas legt mit "Fliehe weit und schnell" einen wohl durchdachten, sauber konstruierten Kriminalroman vor, der absolut einmalig ist. Nicht nur sprachlich spielt er auf einem ganz anderen Niveau wie beispielsweise so bekannte Bestseller wie "Lauf, Jane, lauf" oder "Cupido", er spielt auch auf faszinierende Weise mit den oft verwendeten Themen "Massenmord", "Panik" und "Psychotischer Täter".
Vargas, deren Sätze herrlich komplex, wundervoll gedrechselt und ausgesprochen variantenreich sind, vermeidet dabei allzu viel Brutalität, schockierende Szenen und Ekel-Passagen, wie sie inzwischen in jedem zweiten Kriminalroman zum guten Ton zu gehören scheinen. Nein, sie konzentriert sich ganz auf die zahlreichen Charaktere, die sie in die Geschichte einbaut. Dabei sind es gerade die verschrobenen, absonderlichen, merkwürdigen Menschen, denen sie sich widmet. Ihre Charaktere wirken echt, es sind unverbrauchte, fernab jeden Klischees sehr facettiert ausgearbeitete Originale, allen voran der seltsame, intuitiv vorgehende Kommissar Adamsberg. Aber auch der Täter wird sehr genau in Augenschein genommen. Seine Motive, seine psychische Gestimmtheit und sein Umfeld werden auf das Genaueste dokumentiert. Fast glaubt man gelegentlich, einen Polizeibericht zu lesen, so minutiös geht Vargas in ihrer Beschreibung der Geschehnisse vor.
Dabei vermeidet sie durch die genaue Betrachtung jedes einzelnen Menschen, den sie in ihr Panoptikum aufnimmt, jedwede Langeweile. Auch wenn die eigentliche Kriminalhandlung erst nach etwa der Hälfte der Zeit in Gang kommt, folgt man dieser Autorin doch fasziniert in die Abgründe der menschlichen Seele.
Ganz besonders wichtig war es in Hinsicht auf die sehr komplexe Handlung, die Unmenge an handelnden Charakteren und die schwierige Tätersuche, den Sprecher auszusuchen. Hier hat der Verlag sich für die arrivierte Schauspielerin Suzanne von Borsody entschieden. Und wie diese Ausnahme-Sprecherin den Romantext interpretiert, vorträgt und lebendig werden lässt, ist ein einziges Vergnügen. Ihr gelingt es spielend, die zahlreichen Fallstricke der Vorlage zu meistern und einen Spannungsbogen zu erzeugen, der bis zum Schluss hält. Sie vermag es auch im ersten Teil, der sehr betulich und fast ausufernd nach und nach Dutzende von Personen in die Geschichte einbaut, das Interesse wach zu halten und die unterschwellige Bedrohung, die den scheinbar ereignislosen Geschehnissen zugrunde liegt, spürbar werden zu lassen.
"Fliehe weit und schnell" ist ein spannender, sehr absonderlicher Kriminalroman, der nicht zuletzt dank Sprecherin Suzanne von Borsody zu einem absoluten Hörgenuss gerät. Diesen Roman muss man einfach gehört haben.
Stefan Erlemann
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13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Pest in Paris, 3. Oktober 2007
Joss LeGuern ist Ausrufer in Paris: Für 5 Francs das Stück verliest er öffentlich Nachrichten, wie man sie in Kleinanzeigen in Zeitungen entdeckt. Seit einigen Wochen finden sich darunter bedrohliche Botschaften in einer alten Sprache. Zur gleichen Zeit werden Wohnungstüren am anderen Ende der Stadt mit umgekehrten 4ern bemalt; hinter nicht markierten Türen findet man eine Leiche, von Flohbissen übersät und schwarz gefärbt. Kommissar Adamsberg muss schnell den Täter ermitteln, bevor Panik ausbricht, denn sowohl Joss' Nachrichten als auch die 4er weisen auf eine Pestepidemie hin.
Fred Vargas' Paris ist keine Metrolpole, in der Autos Stoßstange an Stoßstange die Straßen verstopfen, Leute mit Taschen und Tüten bepackt umherhetzen und an jeder Ecke Touristen Stadtpläne studieren. Es ist eine Art Miniaturkosmos im Format einer Kleinstadt, in der merkwürdige Typen absonderliche Dinge tun und Tür an Tür mit Gelehrten leben, die über ganz spezielles Wissen verfügen. Man kann in einer Frühstückspension wohnen, im Bistro gegenüber mittagessen und überleben ohne floriende Geschäfte. Dass in diesem Paris keine simplen Verbrechen geschehen, versteht sich von selbst. Ebenso einleuchtend, dass Überlegungen zur Aufklärung nur den intuitiv arbeitenden und verschlungenen Gedankengängen eines Kommissars wie Adamsberg während seiner Spaziergänge und seines Herumsitzens und Trinkens im Bistro entspringen können. Immer dann, wenn Adamsberg an die Grenzen seiner Gedanken stößt, ist einer da, dessen Wissen weiterhilft (oder der einen kennt, der mehr weiß). Gekrönt wird das Ganze von einer Lösung, die passend verschlungen-verworren-komliziert ist.
Ein Serienmörder mit alten Handschriften im Gepäck: Ob man eine Hintergrundidee kennt oder nicht, spielt keine Rolle; bei Vargas wirkt sie so frisch und unverbraucht, als hätte diese Autorin sie erfunden.
Und wie nebenbei hat man, während man nichts anderes macht als in einem Krimi zu schmökern, ein paar leeren Felder in seinem Geschichtswissen gefüllt und einige Irrtümer über die Pestkrankheit korrigiert.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Es gibt Orte, an denen weht der Geist..., 19. August 2007
... wie an der Ecke Edgar-Quinet-Delambre, wo sich Anwohner und Marktgänger tummeln, um im Vorbeigehen den Nachrichten des Ausrufers Joss Le Guerns zu lauschen ...
Alltag in Paris, ein Haufen kurioser Charaktere - zumal in einem Hotel wohnhaft, zumal Mitglieder und Vorgesetzten der hiesigen Kriminalpolizei - und Vieren, die auf Wohnungstüren gemalt ebenso Verwirrung stiften, wie die seltsamen Mitteilungen, die Joss der Ausrufer täglich seinem Publikum mitteilt, welche schließlich den ersten Pest-Toten mit sich bringen.
Ein Kriminalroman, der die Fähigkeit besitzt, Spannung zu schüren, obwohl der erste Mord über einhundert Seiten auf sich warten lässt, der den Eindruck vermittelt, Gerüche wahrnehmen zu können, der eine Waffe zieht, die uns Mittelalter wittern lässt - die Pest!
Gut strukturierter Wahnsinn, interessante Hintergründe über die großen Epidemien, sanftmütige Mystik - ohne Frage. Ein schließlich überraschender Mörder ohne überraschendes Motiv - dennoch ein sehr schwungvolles Krimierlebnis!
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