Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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36 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Umfassend und einsichtsreich, 5. Dezember 2004
Von Ein Kunde
Quer zu den gängigen Klischees, die Religionskritiker als Erklärung für das seltsame Gebaren ihrer religiösen Mitmenschen heranziehen, aber auch ebenso quer zu den gängigen Klischees der Theologen bringt der Religionsphilosoph Pascal Boyer hier eine fundierte, umfassende Übersicht zum Problem der Religion.Was macht Religion aus? Woher kommt sie? Welchem Zweck dient sie? Weshalb sind bestimmte Vorstellungen in aller Welt verbreitet, andere sehr häufig? Warum werden religiöse Erklärungen von ihren Anhängern so selten hinterfragt, warum stören sie die für Außenstehende so offenkundigen Widersprüche nicht? Warum setzen sich bestimmte religiöse Vorstellungen durch, andere nicht? Gibt es grundlegende Unterschiede zwischen religiösen und areligiösen Menschen - und wenn ja, warum verhalten sich beide Gruppen im Alltag so ausgesprochen ähnlich? Boyer argumentiert vor einem breiten (neuro-)psychologischen und anthropologischen Hintergrund. Will heißen: Er geht von dem aus, was wir über das Denken des Menschen im allgemeinen wissen, auch darüber, wie sich das Gehirn im Laufe der Evolution entwickelt hat, und er verengt seine Sicht nicht auf das Christentum und seine nähesten Verwandten. So streicht er heraus, dass religiöses nicht allgemein vom sonstigen menschlichen Verhalten abgegrenzt werden kann. Dass Religion mehr mit Ritualen, Handlungen und situationsbedingten Richtlinien zu tun hat als mit einer konkreten, systematisch aufgebauten und "geglaubten" Lehre. Boyer zeigt, dass sich religiöse Erklärungsmuster und Denkweisen "ganz natürlich" ergeben, wenn sich ein Denkorgan wie unser Gehirn als Anpassung an unsere Überlebens-Bedürfnisse entwickelt. Kritisches, reflektiertes, die eigenen Voraussetzungen und Annahmen systematisch hinterfragendes, kurz: wissenschaftliches Denken sei dagegen etwas, was unserem Gehirn nur mit Mühe beizubringen sei. Pascal Boyer geht detailliert die gängigen Vorstellungen über Religion, ihre Ursachen und ihre Funktionen durch, verbindet sie mit dem Stand der Psychologie und insbesondere der Hirnforschung und erklärt damit ein vielschichtiges Phänomen. Zahlreiche liebgewonnene Vorstellungen von Gläubigen wie Ungläubigen bleiben dabei auf der Strecke. Der Autor neigt etwas zur Pedanterie und zur Wiederholung, etwas Straffung und ein systematischerer Aufbau hätten dem Buch gutgetan. Vorkenntnisse in Spiel- und Entscheidungstheorie sowie in den Erkenntnissen der Hirnforschung sind zu empfehlen. Trotzdem: Wer wirklich wissen will, wie der Mensch sich seine Götter geschaffen hat, warum und warum auf diese Art und Weise, und dabei nicht mit Theologen-Mystik oder Poppsychologie abgespeist, sondern mit Fakten informiert werden will, ist mit Boyers Buch bestens bedient. Mehr Aha-Erlebnisse zum Thema bietet kaum ein anderes.
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44 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Viel Wissen und wenig Spekulatives, 23. September 2004
Seit gut 16 Jahren, seit der Geburt meiner schwerst behinderten Tochter, beschäftige ich mich mit Hirnforschung. Nicht um all die lateinischen und griechischen Fachbegriffe vor Publikum aufsagen oder im Operationssaal nach den richtigen Instrumenten rufen zu können, sondern einfach um das Wunder in unseren Köpfen besser zu begreifen. Obwohl dies in vielen Bereichen gelang, blieben zwei wichtige Frage bis vor kurzem völlig offen: Weshalb glauben wir an Götter, Ahnen und Helden mit übermenschlichen Eigenschaften? Wie geht es weiter nach dem Tod? Das letzte Fragezeichen wuchs nach dem Tod meiner Tochter bis ins Unendliche. Was ist, wenn die Neurologen Recht haben? Wie kann ich mit dem gesammelten Wissen der letzten Jahre umgehen? Pascal Boyer hat keinen Ratgeber für Suchende geschrieben. Aber genau deshalb eignet er sich hervorragend dazu. Also was hat er gemacht, was will er? Der französische Professor, der heute in Amerika lehrt, ist kein Naturwissenschaftler und daher auch kein Hirnforscher. Er ist Anthropologe, Religionswissenschaftler und Linguist. Kulturwissenschaftler mit ausgeprägter Neugier an Erkenntnissen über das Gehirn. Vor allem sein immenses ethnologisches Wissen füllt eine wichtige Lücke, ohne deren Schliessung sich viele Fragen der Neurologie nicht klären lassen. Denn von Grundstrukturen im Gehirn lässt sich nur sprechen, wenn wir sie bei allen Menschen finden. Wo andere wild spekulieren und universelle Gesetze postulieren, vergleicht Boyer wissenschaftliche Thesen mit den Beobachtungen seiner ethnologischen Kollegen, wägt ab, stimmt zu, widerspricht. Daher war die Lektüre der 400 Seiten für mich so wohltuend. The century of the brain, Hirn ist Mode. Geschlechterunterschiede, historische Ereignisse, individuelle Vorlieben und Perversitäten, Börsenflops und Filmerfolge, alles wird inzwischen mit Neuronen, limbischen System und verschiedenen Hirnhälften erklärt. Auch die Religion. Boyer erzählt mögliche Geschichten, was sich im Kopf abspielen könnte, wenn wir an Dinge glauben, die wir nicht im Warenhaus kaufen können. Wer von vulgärpsychologischem Rauschen die Ohren voll hat und sich für mögliche Antworten auf existentielle Fragen interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Ohne Fachchinesisch, ohne Hirnschnittbilder und ohne Besserwisserei begründet Boyer Seite für Seite, weshalb der Buchtitel weit mehr ist als billige Provokation. Ich bin nach der Lektüre wieder einen Schritt weiter auf meiner Suche. Was kann ich von einem Buch noch mehr verlangen? Höchstens eine geschliffenere Übersetzung? Aber vielleicht habe ich unbewusst überreagiert, dass der Originaltext zuerst ins Amerikanische übersetzt wurde und von dort wiederum ins Deutsche. Ich hätte gewisse Satzkonstruktionen zwar vermieden, möchte aber wegen der wenigen sprachlichen Stolpersteine niemanden vom Kauf und der Lektüre dieses hervorragenden Buches abhalten. Schliesslich sind Inhalt, Aufbau und Beweisführung so brillant, dass ich die Eigenheiten dieser Doppelübersetzung schnell verinnerlichte und sogar abwechslungsreich fand. Wer künftig über Religion und Neurologie schreibt oder von der Wissenschaft Antworten auf Fragen des eigenen Glaubens erhalten möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei.
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15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Über den Versuch, einem unwirklichen Nichts, Wohnstatt und Namen zu geben., 12. Mai 2009
"Die Menschen leugnen mit ebenso wenig Gefühl das göttliche Dasein, als die meisten es annehmen. [...] Man kann zwanzig Jahre lang die Unsterblichkeit der Seele glauben -- erst im 21., in einer großen Minute, erstaunt man über den reichen Inhalt dieses Glaubens, über die Wärme dieser Naphtaquelle." (Jean Paul)
"Wenn der Ontologe zu religionsnah operiert, so der Analytiker zu religionsfern. Zwei unbrauchbare Lösungen geben nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine Vermittlung." (Niklas Luhmann)
Wenn man nun soziologisch (Dürkheim) oder phänomenologisch (Otto) weiterdenkt, kommt man zu einer Moral und Religion in einer Gesellschaft, die sich selbst als Transzendenz anbietet, da sie der nunmehr umstrittene Gott nicht bieten kann. Der Weg zum eigenen Gott ist damit frei oder anders ausgedrückt: "Der Mensch schuf Gott". Und nach seinem Großhirn schuf er IHN. So wie der Mensch das Atmen nicht einstellt, weil die Luft zu unrein ist, wird er das Denken nicht einstellen, um sich dem "Großen Anderen" (Sloterdijk) zu entziehen. So wie allenthalben behauptet wird, das 21. JH ist das JH der Religionen, so kann der Mensch entscheiden, ob es friedlich ist, wie U. Beck (Der eigene Gott) es bereits deutlich machte.
Nun kommt ein sanfter Atheist daher, ein Professor für das kollektive Gedächtnis und gibt evolutionsbiologische Erklärungen für den Grund und das Muss von Religionen. Ganz anders als der militante Gottesgegner Dawkins (Der Gotteswahn) zieht Boyer zu Felde. Es geht ihm nicht um Beweis oder Widerspruch, nicht um semantische Feinheiten (Spaemann) von Gegenwart und Zukunft, sondern es geht ihm um die Entstehung religiöser Ideen, um deren Funktion und deren Folgen. Wenn nun die abendländische Religion sich gründet auf ein Gut und Böse, bleibt die Frage, warum die Kultur in Kamerun diese Unterscheidung nicht kennt. Kann eine Religion ohne Theodizee überhaupt eine Religion sein? Nun muss man, um einen Weg zu finden, sich der theological correctness unterwerfen, d.h. unterscheiden lernen, zwischen den Gesetzen der Buchreligionen und den Brauchtümer und Ritualen, eben zwischen Theorie und Praxis. Für Boyer gibt es daher ein ganzes Bündel von Faktoren, die den Menschen zum Glauben, zur Religion prädestinieren. Nimmt die Argumentation nun diese Wendung, ist man bei den sozial-psychologischen Aspekten, gar pragmatischen und eben aus der Sicht von Boyer evolutionsbiologischen Gründen. Der Mensch und die Suche nach dem tiefen Sinn, der ersten Ursache, ist eine Folge des kausalen Denkens. Dass etwas ohne Grund geschehe, ist höchst suspekt, dass die Natur sich verändert, ist Evolution oder eine Folge der Schöpfung. Und wo Schöpfung, da ein Schöpfer.
Boyer macht eine Reihe von Glaubensmodulen aus, die uns ständig begleiten. So wie in Mircea Eliades "Kosmos und Geschichte" oder "Das Heilige und das Profane" aufgezeigt, sind Ritual und Wiederkehr Basis einer "mentalen Rezeptur". Für Boyer ist klar, dass Religion mit Sinn und Bedeutung zu tun hat, dass Korrelationen in Bild gebenden Verfahren sich zeigen lassen, dass aber letztendlich etwas Höheres (Gott) nicht zu beweisen ist. Wäre er es, so folge ich Karl Jaspers, kann man sagen, es gäbe keinen Gott. Dass aber Effekte des Glaubens oder Glaubensmodule sichtbar werden, weiß die Neurologie und die Psychologie zu zeigen und als mentale Phänomene zu erklären. Boyer zeigt sich jedoch höchst irritiert von den Ausprägungen des "militanten Atheismus". Wer Religion, bzw. religiöse Menschen als Hirngeschädigte bezeichnet, kann nur mit Lösungen kommen, wie einer erneuten Gehirnwäsche. Diese Art der Argumentation a la Dawkins zeigt einfach nur, dass der gesamtheitliche Ansatz fehlt und die Utopie des Atheismus die Kausalitäten jeden einzelnen Schrittes einer Argumentationskette instrumentalisiert zur Meinung. Ist Religion und Glaube eine normale Funktion der Evolution, und das lehrt doch die Evolutionsbiologie wie die Evolutionspsychologie, können sie nicht falsch sein. Dass der Mensch von Natur aus zum Glauben "programmiert" ist, sagt auch Prof. Dr. Dr. Georg Northoff, (WamS August 2008). Da der Mensch statt des Gehirns die eigene Person als Selbst wahrnimmt, scheint die Lücke eben zwischen Gehirn und Selbst die Glaubensquelle zu sein, Glauben an einen Geist, an Gott oder an die Technik. Der Glaube habe eben die Evidenz des unmittelbar Erlebten auf seiner Seite.
"Sie feiern die Auferstehung des Herrn, / Denn sie sind selber auferstanden, / [...] / Sind sie alle an's Licht gebracht." Goethe lässt im Faust vor der Osterszene, die alle von Eise befreit erleben, im Prolog im Himmel den gefallenen Engel Mephisto mit Gott reden. Mephisto will den Menschen und Gottesknecht Faust vom "Urquell" abziehen. Er nennt es Wette. Gott nimmt sie nicht an, lässt aber dem Mephisto seine Zuversicht, als sei's ein Spiel. So wie das Böse auf der Welt erlebt und gedacht an eine Grenze stößt, wird das Gute auf anderem Wege dem Menschen immanent als eine geistige Erhöhung, die in der Vorstellung zu Gott transzendiert.
Der Mensch schuf Gott. Betrachten wir das Titelbild des Buches. Die Erschaffung Adams von Michelangelo wird gezeigt und im Original erkennt man hinter dem Schöpfer des Adams eine menschliche Gehirnhälfte. Der Mensch erschafft Gott aus der Vorstellung und wird so zur Imitatio Dei.
Luhmann hält jede Kommunikation für religiös, wenn sie "Immanentes unter dem Gesichtspunkt der Transzendenz betrachtet". Für Boyer spiegelt sich der Glaube in der Bedeutung der sozialen und kommunikativen Aufgaben früher und heute. Die Bilder mögen sich ändern, der Sinn dahinter ist immanent und gleich. Wenn Religion ihrerseits Formen durch Einschränken und Ausschließen konstituiert, dann ist das ein- oder ausschließen von Gott bereits religiös. Vielmehr muss man Religion betrachten, dass sie sich selbst definiert und alles, was inkompatibel ist, ausschließt. Damit wird sie erkennbar im Begriff "relegere" (Cicero) und zeigt, dass Mensch und Gott unterscheidbar sind und bleiben sollen. Dass zu erkennen, ist die Aufgabe, wie Homer bereits in der Ilias schrieb. "Erkenne Dich selbst". Soll heißen, erkenne Deinen Unterschied in der Beobachtung der Selbstbeobachtung.
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