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Und Mensch schuf Gott
 
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Und Mensch schuf Gott (Gebundene Ausgabe)

von Pascal Boyer (Autor), Ulrich Enderwitz (Übersetzer), Monika Noll (Übersetzer), Rolf Schubert (Übersetzer)
4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 428 Seiten
  • Verlag: Klett-Cotta; Auflage: 2., Aufl. (April 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3608940324
  • ISBN-13: 978-3608940329
  • Größe und/oder Gewicht: 23 x 15,8 x 3,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.2 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 39.266 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Und der Mensch schuf Gott - Pascal Boyer erklärt Religion als Nebenprodukt der Evolution Von Friedrich Wilhelm Graf Im 17. Jahrhundert begannen europäische Gelehrte damit, Religion «natürlich», in allgemeinen Vernunftbegriffen zu erläutern. Seitdem streiten akademische Kulturdeuter über die Ursprünge religiösen Bewusstseins. Spiegeln religiöse Vorstellungen nur pathologischen Wirklichkeitsverlust? Wie wirken Erlösungskulte und Opferriten im Seelenleben der Gläubigen? Weshalb vertrauen viele Menschen auf übernatürliche Kräfte oder auf Gottes Wirken in der Welt? Lassen sich die zahllosen, einander widersprechenden Bilder frommer Phantasie einem generellen, überall gültigen Begriff der Religion zuordnen? Wie erklärt sich die erstaunliche Beharrungskraft der grossen Religionen, die Tradierung uralter Mythen und heiliger Erzählungen über Jahrtausende hinweg? Im Streit um diese Fragen sind Kognitionswissenschafter und Neurobiologen in die Erkenntnisoffensive gegangen. Indem sie Gehirnareale vermessen, wollen sie zugleich bisher unerforschte Glaubenskontinente kartographieren. In Laborversuch und Neuro-Experiment liessen sich uralte Glaubensrätsel nun «ganz plausibel» lösen. Das aufklärerische Erkenntnispathos der Neuroexperten hat manch aggressive Gegenwehr provoziert. Gern bescheinigen klassische Geisteswissenschafter wie Philosophen und Theologen ihren neuen Konkurrenten einen biologistischen Reduktionismus. In der Tat lassen prominente Hirnforscher viel Ignoranz gegenüber dem hoch differenzierten Problembewusstsein philosophischer Subjektivitäts- und Religionstheorien erkennen. Aber die üblichen Grenzscharmützel und Begriffsfechtereien zwischen den «zwei Kulturen» sind wenig produktiv. Bornierte Kleingeister, die die Rüstungen der Vergangenheit anlegen und mit stumpf gewordenen Waffen die Schlachtordnungen des 19. Jahrhunderts nachstellen, finden sich auf beiden Seiten. Bessere Einsicht kann nur gewinnen, wer alte Frontstellungen hinter sich lässt. Mannigfaltige Phänomene Pascal Boyer, Sozialanthropologe und Psychologe an der Washington University, betont die immense Komplexität des neuronalen Universums, das wir menschliches Gehirn nennen. Der «Professor of Collective and Individual Memory» bekennt sich zum Naturalismus. Er will Entstehung und Weitergabe kulturell verbindlichen Wissens aus den evolutionär konditionierten Funktionsmechanismen unserer Erkennensapparatur erklären. Boyers zuerst 2001 erschienenes Buch «Et l'homme créa les dieux» hat in den USA grosses Aufsehen erregt. Manche Rezensenten feierten «Religion Explained. The Evolutionary Origins of Religious Thought» als wichtigste religionspsychologische Monographie seit William James' berühmten «Varieties of Religious Experience» aus dem Jahre 1902. Andere priesen das sprachlich brillante Buch als «the first classic of 21st-century anthropology». In der Tat erläutert Boyer originelle, provozierende Thesen mit faszinierendem Esprit. In der deutschen Übersetzung ist von stilistischer Eleganz leider nichts mehr zu spüren. Viele klassische Religionstheoretiker hatten die Vielfalt religiöser Phänomene auf eine einzige psychische oder gesellschaftliche Wurzel zurückführen wollen. Boyer hingegen argumentiert zunächst pluralistisch. Er beschreibt die grosse Mannigfaltigkeit von Glaubenswelten als Folge einer Selektion aus einer tendenziell unendlichen Fülle sozusagen religionsproduktiver Bewusstseinszustände. Religion bestimmt er als Glaube an übernatürliche Akteure und Wirkkräfte. Es mache prinzipiell keinen Unterschied, ob an einen einzigen allmächtigen Gott oder an einen Himmel voller Geister, Schutzengel und Teufel geglaubt werde. Im ontologischen Status seien alle religiös imaginierten übernatürlichen Akteure einander gleich: Die Frommen schrieben ihnen «kontraintuitive Eigenschaften» zu, statteten sie also mit Fähigkeiten aus, die ihnen «an sich», unter «normalen», natürlichen Bedingungen nicht eigneten. In den Vorstellungswelten des frommen Bewusstseins können Bäume hören und flüstern, Totenseelen aus dem Jenseits ins Diesseits hineinregieren und Jungfrauen Erlöser gebären. Viele Theologen, die intellektuellen Rationalisierer religiösen Heilsbesitzes, beschwören das «Mysterium des Glaubens», um die Zuschreibung paradoxer Eigenschaften ans göttliche Wesen verständlich zu machen. Alle irgend möglichen Glaubensgeheimnisse will Boyer durch Analyse unseres Erkennens und Vorstellens rational transparent machen können. In den religiösen Vorstellungswelten seien die übernatürlichen Akteure immer mit geistigen Kompetenzen ausgestattet. Unwissend dumme Engel oder ahnungslose Teufel wären in der Tat nur langweilige Gestalten, die keinerlei fromme Phantasie erregen könnten. Aus dieser Einsicht leitet Boyer ein zentrales Argument ab: Sind die übernatürlich wirkmächtigen Handlungssubjekte religiösen Vorstellens mit Geist und Verstand ausgestattet, müssen sie sich aus den Strukturen des menschlichen Geistes herleiten und erklären lassen. Als geistbegabte Wesen verfügen die supranaturalen Akteure über strategische Informationen. Sie sehen klarer als wir Endlichen und verfügen in Krisensituationen über den Weitblick, dessen wir entbehren; sie können die nicht intendierten Folgen des Handelns aller Beteiligten voraussehen. Gerade deshalb sind wir an gelingender Kommunikation und stabiler Interaktion mit ihnen interessiert: Wir wollen an ihrer souveränen Übersicht über mehrdeutige, unklare Lebenslagen teilhaben und mit ihrer Hilfe Urteils- und Erwartungssicherheit gewinnen. Boyers supranaturale Akteure ähneln dem Teddybären, der kleinen Kindern die Gewissheit vermittelt, in seinem Beisein einer feindlichen Umwelt trotzen zu können. Seine Neurotheorie der Religion läuft auf die These hinaus, dass religiöser Glaube primär ein lebensdienliches Bündnis mit übernatürlichen Wesen ist, deren wir bedürfen, weil sie einfach mehr wissen und gestalten können. Nebenprodukt der Evolution Psychologische Religionstheorien wurden zumeist als Analysen besonders frommer Menschen, ihrer mystischen Gottesschau und virtuosen Erleuchtung entworfen. Boyer leitet die Funktionsweisen religiösen Vorstellens hingegen aus allgemeinen Erkenntnisstrukturen ab, sieht in Religion also ein Nebenprodukt der Evolution menschlichen Erkennens überhaupt. In dieser Perspektive kann er alle klassischen Religionstheorien – Religion als Sinnstiftung und Trost, Glaube als vorwissenschaftliche Weltdeutung, Gottesverehrung als Integrationskraft der Gesellschaft – erfolgreich dekonstruieren. In faszinierenden Analysen der unvorstellbaren Komplexität unserer Hirnaktivitäten beschreibt er die widersprüchliche Koexistenz von «eingebauten» Erwartungen und neuronal erzeugter Neigung, Intuitionen zu trauen, die diesen Erwartungen elementar widersprechen. Die Produktion religiöser Vorstellungen ist nur ein Sonderfall dieser allgemeinen kognitiven Struktur, wobei sich evolutionär besonders hilfreiche, effektive Repräsentationen von Wesen höheren Beistands durchgesetzt haben. Die Traditionen der älteren französischen Religionsforschung beerbt Boyer, indem er religiösen Glauben funktional, als Quelle seelischer Gesundheit, etwa unversehrter Ich-Identität, und erfolgreicher sozialer Interaktion deutet. Keine Religion ohne Ritual und kein Ritual, das nicht auch der Deutung und Bewältigung des Todes diente. Boyer will die Angst vor bösen Geistern aus der medizinisch begründeten Angst vor Leichen ableiten; er landet, wenn er Bestattungsrituale als religiös inszenierte hygienische Handlungen zu deuten versucht, aber nur bei jenem platten Funktionalismus, den er sonst als allzu trivial ablehnt. Seine Schwierigkeiten, religiöse Bilder von Tod und Leben mit den ihnen korrespondierenden rituellen Praktiken zu deuten, spiegeln die entscheidende Schwäche seines Entwurfes: Weder wird er den prägnanten Gehalten gläubigen Bewusstseins gerecht noch den starken Emotionen, die in religiösen Riten zugleich ausgedrückt und in Gebärden objektiviert werden. Der Gestus, alles irgendwie Religiöse «ganz natürlich» erklären zu können, triumphiert über die Bereitschaft, eigene Sichtweisen spielerisch in Frage zu stellen. Kierkegaard hat einmal von der «Selbstumsegelung» des modernen Menschen gesprochen. Manche Kapitäne auf windschnittigen Wissenschaftsjachten haben modisch bunte Segel gesetzt und ahnen gar nicht, dass die dunklen Wasser unter ihnen sehr viel abgründiger sind, als sie mit ihren Funktionsmessgeräten wahrzunehmen vermögen. Ein Neurokompass, der nur noch um sich selbst kreist, taugt nicht für grössere Entdeckungsreisen in die unendlichen Weiten der Religion.


Zeit Wissen, 1/2005

»... Boyer filettiert mit kognitionswisschenschaftlichen Mitteln die gängigen aufgeklärten Ansichten über Ursprung und Zweck von Religion. ...« Stefan Schmitt

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36 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Umfassend und einsichtsreich, 5. Dezember 2004
Von Ein Kunde
Quer zu den gängigen Klischees, die Religionskritiker als Erklärung für das seltsame Gebaren ihrer religiösen Mitmenschen heranziehen, aber auch ebenso quer zu den gängigen Klischees der Theologen bringt der Religionsphilosoph Pascal Boyer hier eine fundierte, umfassende Übersicht zum Problem der Religion.

Was macht Religion aus? Woher kommt sie? Welchem Zweck dient sie? Weshalb sind bestimmte Vorstellungen in aller Welt verbreitet, andere sehr häufig? Warum werden religiöse Erklärungen von ihren Anhängern so selten hinterfragt, warum stören sie die für Außenstehende so offenkundigen Widersprüche nicht? Warum setzen sich bestimmte religiöse Vorstellungen durch, andere nicht? Gibt es grundlegende Unterschiede zwischen religiösen und areligiösen Menschen - und wenn ja, warum verhalten sich beide Gruppen im Alltag so ausgesprochen ähnlich?

Boyer argumentiert vor einem breiten (neuro-)psychologischen und anthropologischen Hintergrund. Will heißen: Er geht von dem aus, was wir über das Denken des Menschen im allgemeinen wissen, auch darüber, wie sich das Gehirn im Laufe der Evolution entwickelt hat, und er verengt seine Sicht nicht auf das Christentum und seine nähesten Verwandten.

So streicht er heraus, dass religiöses nicht allgemein vom sonstigen menschlichen Verhalten abgegrenzt werden kann. Dass Religion mehr mit Ritualen, Handlungen und situationsbedingten Richtlinien zu tun hat als mit einer konkreten, systematisch aufgebauten und "geglaubten" Lehre. Boyer zeigt, dass sich religiöse Erklärungsmuster und Denkweisen "ganz natürlich" ergeben, wenn sich ein Denkorgan wie unser Gehirn als Anpassung an unsere Überlebens-Bedürfnisse entwickelt. Kritisches, reflektiertes, die eigenen Voraussetzungen und Annahmen systematisch hinterfragendes, kurz: wissenschaftliches Denken sei dagegen etwas, was unserem Gehirn nur mit Mühe beizubringen sei.

Pascal Boyer geht detailliert die gängigen Vorstellungen über Religion, ihre Ursachen und ihre Funktionen durch, verbindet sie mit dem Stand der Psychologie und insbesondere der Hirnforschung und erklärt damit ein vielschichtiges Phänomen. Zahlreiche liebgewonnene Vorstellungen von Gläubigen wie Ungläubigen bleiben dabei auf der Strecke.

Der Autor neigt etwas zur Pedanterie und zur Wiederholung, etwas Straffung und ein systematischerer Aufbau hätten dem Buch gutgetan. Vorkenntnisse in Spiel- und Entscheidungstheorie sowie in den Erkenntnissen der Hirnforschung sind zu empfehlen.

Trotzdem: Wer wirklich wissen will, wie der Mensch sich seine Götter geschaffen hat, warum und warum auf diese Art und Weise, und dabei nicht mit Theologen-Mystik oder Poppsychologie abgespeist, sondern mit Fakten informiert werden will, ist mit Boyers Buch bestens bedient. Mehr Aha-Erlebnisse zum Thema bietet kaum ein anderes.

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44 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Viel Wissen und wenig Spekulatives, 23. September 2004
Von Fuchs Werner Dr (Zug Schweiz) - Alle meine Rezensionen ansehen
(#1 REVIEWER)    (REAL NAME)   
Seit gut 16 Jahren, seit der Geburt meiner schwerst behinderten Tochter, beschäftige ich mich mit Hirnforschung. Nicht um all die lateinischen und griechischen Fachbegriffe vor Publikum aufsagen oder im Operationssaal nach den richtigen Instrumenten rufen zu können, sondern einfach um das Wunder in unseren Köpfen besser zu begreifen. Obwohl dies in vielen Bereichen gelang, blieben zwei wichtige Frage bis vor kurzem völlig offen: Weshalb glauben wir an Götter, Ahnen und Helden mit übermenschlichen Eigenschaften? Wie geht es weiter nach dem Tod? Das letzte Fragezeichen wuchs nach dem Tod meiner Tochter bis ins Unendliche. Was ist, wenn die Neurologen Recht haben? Wie kann ich mit dem gesammelten Wissen der letzten Jahre umgehen?

Pascal Boyer hat keinen Ratgeber für Suchende geschrieben. Aber genau deshalb eignet er sich hervorragend dazu. Also was hat er gemacht, was will er? Der französische Professor, der heute in Amerika lehrt, ist kein Naturwissenschaftler und daher auch kein Hirnforscher. Er ist Anthropologe, Religionswissenschaftler und Linguist. Kulturwissenschaftler mit ausgeprägter Neugier an Erkenntnissen über das Gehirn. Vor allem sein immenses ethnologisches Wissen füllt eine wichtige Lücke, ohne deren Schliessung sich viele Fragen der Neurologie nicht klären lassen. Denn von Grundstrukturen im Gehirn lässt sich nur sprechen, wenn wir sie bei allen Menschen finden. Wo andere wild spekulieren und universelle Gesetze postulieren, vergleicht Boyer wissenschaftliche Thesen mit den Beobachtungen seiner ethnologischen Kollegen, wägt ab, stimmt zu, widerspricht. Daher war die Lektüre der 400 Seiten für mich so wohltuend. The century of the brain, Hirn ist Mode. Geschlechterunterschiede, historische Ereignisse, individuelle Vorlieben und Perversitäten, Börsenflops und Filmerfolge, alles wird inzwischen mit Neuronen, limbischen System und verschiedenen Hirnhälften erklärt. Auch die Religion. Boyer erzählt mögliche Geschichten, was sich im Kopf abspielen könnte, wenn wir an Dinge glauben, die wir nicht im Warenhaus kaufen können.

Wer von vulgärpsychologischem Rauschen die Ohren voll hat und sich für mögliche Antworten auf existentielle Fragen interessiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Ohne Fachchinesisch, ohne Hirnschnittbilder und ohne Besserwisserei begründet Boyer Seite für Seite, weshalb der Buchtitel weit mehr ist als billige Provokation. Ich bin nach der Lektüre wieder einen Schritt weiter auf meiner Suche. Was kann ich von einem Buch noch mehr verlangen? Höchstens eine geschliffenere Übersetzung? Aber vielleicht habe ich unbewusst überreagiert, dass der Originaltext zuerst ins Amerikanische übersetzt wurde und von dort wiederum ins Deutsche. Ich hätte gewisse Satzkonstruktionen zwar vermieden, möchte aber wegen der wenigen sprachlichen Stolpersteine niemanden vom Kauf und der Lektüre dieses hervorragenden Buches abhalten. Schliesslich sind Inhalt, Aufbau und Beweisführung so brillant, dass ich die Eigenheiten dieser Doppelübersetzung schnell verinnerlichte und sogar abwechslungsreich fand.

Wer künftig über Religion und Neurologie schreibt oder von der Wissenschaft Antworten auf Fragen des eigenen Glaubens erhalten möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

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15 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Über den Versuch, einem unwirklichen Nichts, Wohnstatt und Namen zu geben., 12. Mai 2009
Von kpoac - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REVIEWER)   
"Die Menschen leugnen mit ebenso wenig Gefühl das göttliche Dasein, als die meisten es annehmen. [...] Man kann zwanzig Jahre lang die Unsterblichkeit der Seele glauben -- erst im 21., in einer großen Minute, erstaunt man über den reichen Inhalt dieses Glaubens, über die Wärme dieser Naphtaquelle." (Jean Paul)

"Wenn der Ontologe zu religionsnah operiert, so der Analytiker zu religionsfern. Zwei unbrauchbare Lösungen geben nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine Vermittlung." (Niklas Luhmann)

Wenn man nun soziologisch (Dürkheim) oder phänomenologisch (Otto) weiterdenkt, kommt man zu einer Moral und Religion in einer Gesellschaft, die sich selbst als Transzendenz anbietet, da sie der nunmehr umstrittene Gott nicht bieten kann. Der Weg zum eigenen Gott ist damit frei oder anders ausgedrückt: "Der Mensch schuf Gott". Und nach seinem Großhirn schuf er IHN. So wie der Mensch das Atmen nicht einstellt, weil die Luft zu unrein ist, wird er das Denken nicht einstellen, um sich dem "Großen Anderen" (Sloterdijk) zu entziehen. So wie allenthalben behauptet wird, das 21. JH ist das JH der Religionen, so kann der Mensch entscheiden, ob es friedlich ist, wie U. Beck (Der eigene Gott) es bereits deutlich machte.

Nun kommt ein sanfter Atheist daher, ein Professor für das kollektive Gedächtnis und gibt evolutionsbiologische Erklärungen für den Grund und das Muss von Religionen. Ganz anders als der militante Gottesgegner Dawkins (Der Gotteswahn) zieht Boyer zu Felde. Es geht ihm nicht um Beweis oder Widerspruch, nicht um semantische Feinheiten (Spaemann) von Gegenwart und Zukunft, sondern es geht ihm um die Entstehung religiöser Ideen, um deren Funktion und deren Folgen. Wenn nun die abendländische Religion sich gründet auf ein Gut und Böse, bleibt die Frage, warum die Kultur in Kamerun diese Unterscheidung nicht kennt. Kann eine Religion ohne Theodizee überhaupt eine Religion sein? Nun muss man, um einen Weg zu finden, sich der theological correctness unterwerfen, d.h. unterscheiden lernen, zwischen den Gesetzen der Buchreligionen und den Brauchtümer und Ritualen, eben zwischen Theorie und Praxis. Für Boyer gibt es daher ein ganzes Bündel von Faktoren, die den Menschen zum Glauben, zur Religion prädestinieren. Nimmt die Argumentation nun diese Wendung, ist man bei den sozial-psychologischen Aspekten, gar pragmatischen und eben aus der Sicht von Boyer evolutionsbiologischen Gründen. Der Mensch und die Suche nach dem tiefen Sinn, der ersten Ursache, ist eine Folge des kausalen Denkens. Dass etwas ohne Grund geschehe, ist höchst suspekt, dass die Natur sich verändert, ist Evolution oder eine Folge der Schöpfung. Und wo Schöpfung, da ein Schöpfer.

Boyer macht eine Reihe von Glaubensmodulen aus, die uns ständig begleiten. So wie in Mircea Eliades "Kosmos und Geschichte" oder "Das Heilige und das Profane" aufgezeigt, sind Ritual und Wiederkehr Basis einer "mentalen Rezeptur". Für Boyer ist klar, dass Religion mit Sinn und Bedeutung zu tun hat, dass Korrelationen in Bild gebenden Verfahren sich zeigen lassen, dass aber letztendlich etwas Höheres (Gott) nicht zu beweisen ist. Wäre er es, so folge ich Karl Jaspers, kann man sagen, es gäbe keinen Gott. Dass aber Effekte des Glaubens oder Glaubensmodule sichtbar werden, weiß die Neurologie und die Psychologie zu zeigen und als mentale Phänomene zu erklären. Boyer zeigt sich jedoch höchst irritiert von den Ausprägungen des "militanten Atheismus". Wer Religion, bzw. religiöse Menschen als Hirngeschädigte bezeichnet, kann nur mit Lösungen kommen, wie einer erneuten Gehirnwäsche. Diese Art der Argumentation a la Dawkins zeigt einfach nur, dass der gesamtheitliche Ansatz fehlt und die Utopie des Atheismus die Kausalitäten jeden einzelnen Schrittes einer Argumentationskette instrumentalisiert zur Meinung. Ist Religion und Glaube eine normale Funktion der Evolution, und das lehrt doch die Evolutionsbiologie wie die Evolutionspsychologie, können sie nicht falsch sein. Dass der Mensch von Natur aus zum Glauben "programmiert" ist, sagt auch Prof. Dr. Dr. Georg Northoff, (WamS August 2008). Da der Mensch statt des Gehirns die eigene Person als Selbst wahrnimmt, scheint die Lücke eben zwischen Gehirn und Selbst die Glaubensquelle zu sein, Glauben an einen Geist, an Gott oder an die Technik. Der Glaube habe eben die Evidenz des unmittelbar Erlebten auf seiner Seite.

"Sie feiern die Auferstehung des Herrn, / Denn sie sind selber auferstanden, / [...] / Sind sie alle an's Licht gebracht." Goethe lässt im Faust vor der Osterszene, die alle von Eise befreit erleben, im Prolog im Himmel den gefallenen Engel Mephisto mit Gott reden. Mephisto will den Menschen und Gottesknecht Faust vom "Urquell" abziehen. Er nennt es Wette. Gott nimmt sie nicht an, lässt aber dem Mephisto seine Zuversicht, als sei's ein Spiel. So wie das Böse auf der Welt erlebt und gedacht an eine Grenze stößt, wird das Gute auf anderem Wege dem Menschen immanent als eine geistige Erhöhung, die in der Vorstellung zu Gott transzendiert.

Der Mensch schuf Gott. Betrachten wir das Titelbild des Buches. Die Erschaffung Adams von Michelangelo wird gezeigt und im Original erkennt man hinter dem Schöpfer des Adams eine menschliche Gehirnhälfte. Der Mensch erschafft Gott aus der Vorstellung und wird so zur Imitatio Dei.

Luhmann hält jede Kommunikation für religiös, wenn sie "Immanentes unter dem Gesichtspunkt der Transzendenz betrachtet". Für Boyer spiegelt sich der Glaube in der Bedeutung der sozialen und kommunikativen Aufgaben früher und heute. Die Bilder mögen sich ändern, der Sinn dahinter ist immanent und gleich. Wenn Religion ihrerseits Formen durch Einschränken und Ausschließen konstituiert, dann ist das ein- oder ausschließen von Gott bereits religiös. Vielmehr muss man Religion betrachten, dass sie sich selbst definiert und alles, was inkompatibel ist, ausschließt. Damit wird sie erkennbar im Begriff "relegere" (Cicero) und zeigt, dass Mensch und Gott unterscheidbar sind und bleiben sollen. Dass zu erkennen, ist die Aufgabe, wie Homer bereits in der Ilias schrieb. "Erkenne Dich selbst". Soll heißen, erkenne Deinen Unterschied in der Beobachtung der Selbstbeobachtung.
--
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