Rätselhaftes Mienenspiel - Javier Marías: «Dein Gesicht morgen» Von Kersten Knipp Philosophie muss nicht spröde sein. Sie kann poetische Energien entfalten, die den Leser in einem Schub von der ersten bis zur letzten Seite drängen. Diese Kraft verdankt sich den sanften Kurven, die das Denken zieht, den Abgabelungen, Kreuzungen, Richtungswechseln, die fort vom Vertrauten, hin zu neuer, unbekannter Erfahrung führen. Philosophie als Improvisation, Überraschung, Abschweifung: Es mag dieser artistische Aspekt der Weisheitsliebe sein, den Javier Marías von seinem Vater, dem Philosophen Julián Marías, als vornehmstes künstlerisches Erbstück übernommen und für sein eigenes Metier, die Literatur, fruchtbar gemacht hat. Kunst des Aperçus Diesen Eindruck kann man jedenfalls haben, wenn man die kurze und wie nebenbei hingestreute Ästhetik seines neuen Romans «Dein Gesicht morgen» biografisch deutet. Ein strenger Erzieher, berichtet der Erzähler, war der Vater seinen Kindern, beständig ermahnte er sie, sich nicht mit geläufigen, allzu schnellen Urteilen zufrieden zu geben. «Das Wichtigste», erklärt der Vater seinen Kindern, «ist immer da, in der verlorenen Zeit, im Grundlosen und scheinbar Überflüssigen, jenseits der Grenzlinie, innerhalb derer man sich zufrieden fühlt oder erschöpft und kapituliert, oft, ohne es sich einzugestehen. Dort, wo man glauben könnte, dass es nichts mehr geben kann.» Exakt das Gleiche kann man auch von Javier Marías' neuem Roman behaupten. Schon in seinen vorhergehenden Werken erwies sich der spanische Schriftsteller als Meister der Drehungen, Verschiebungen und Wendungen, entlockte noch den geringsten Gegenständen die überraschendsten Aspekte, dachte die Dinge in alle Richtungen durch, konfrontierte den einen Gedanken mit seinem glatten Gegenteil, gewann daraus einen neuen, zerlegte ihn wiederum, um ihn dann nochmals in unvermuteter Weise voranzutreiben. Diese Kunst des nie endenden Aperçus hat er in seinem jüngsten Roman nochmals gesteigert, zu einem assoziativen Ideenspiel entwickelt, dessen unentwegte Gedankenkraft die Aufmerksamkeit des Lesers bisweilen erlahmen lässt diese Erschöpfung aber auf ganz eigene Weise ästhetisch fruchtbar macht. «Der schwärmerischste Dichter und der rauschhafteste Erzähler», überlegt der Erzähler, «mögen aus dem Stegreif hypnotische Wortverkettungen erfinden und rezitieren können, die wie Musik klingen, so sehr, dass es ihren Zuhörern wenig bedeutet, welchen Sinn sie haben, oder besser gesagt, sie werden ihn mühelos erfassen ohne an ihn denken zu müssen.» Der Gedanke als Klang: Marías ist ein Virtuose dieses Klangs, und zwar ein derart vollendeter, dass der Roman den Wunsch nach Handlung gar nicht erst aufkommen lässt. «Dein Gesicht morgen» ist ein wunderbares «livre sur rien», ist betörende Wortkunst, die den Leser nicht mehr loslässt. Verwaist und an den Rand gedrängt findet sich hier die Story. An «Ulysses» mag man denken, an «Mrs. Dalloway», an die «Suche nach der verlorenen Zeit», überhaupt die Gipfelwerke der klassischen Moderne und ihren Triumph über die Ansprüche der Handlung. Und so ist die eigentliche «Geschichte» dieses Romans schnell erzählt: Jacques (alias Jacobo alias Jaime) Deza, der bereits vor einigen Jahren als Lektor für spanische Literatur in Oxford wirkte, ist nach einer missglückten Ehe an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt, wo er überraschend für den britischen Geheimdienst angeworben wird. Seine Aufgabe: bei Verhören und Vernehmungen aus dem Verhalten des Befragten auf dessen möglicherweise ja verborgenes Wissen zu schliessen. Betrüger, Verräter, Fallensteller Und das ist es auch schon. Marías verzichtet darauf, den Eintritt seines Erzählers in den Staatsschutz zum Spionageroman auszuspinnen. Ihn interessiert der Mensch als Träger und Verräter von Geheimnissen, seine Fähigkeit zu schweigen ebenso wie seine unbedachte Redseligkeit. Schweigsam allerdings sind nur die wenigsten, die Mehrzahl gefällt sich in loser Klatschsucht. Zu ihnen zählt etwa De la Garza, Mitarbeiter der spanischen Botschaft, der, ausser Deza der einzige Gast auf einer Party im feinen Oxforder Universitätsmilieu, diesen mit anzüglichen Kommentaren über die dort anwesenden Frauen überhäuft. Quer durch das feine Oxford-Englisch schiessen nun seine höchst vulgären Kommentare, bestimmt allein für Dezas Ohren in dessen Bericht sie für einen Zusammenprall der Stilebenen und Weltbilder sorgen, aus dem über mehrere Seiten immer neue humoreske Funken geschlagen werden. Zuletzt aber bleibt De la Garza, was er ist. Ein Prolet im Nadelstreifen, vom Erzähler darum bald zum Abgang gezwungen. Dadurch wird Raum frei für Dezas eigentliches Thema: der Mensch als Hüter verborgener Wahrheit, als Betrüger, Verräter, Fallensteller. Und um nichts Geringeres geht es ihm, als den Blendern ihr Geheimnis zu entreissen, das freche Gegenüber ins Visier zu nehmen, sein «Gesicht morgen» zu erkennen: den Menschen hinter der Maske, seinen wahren Charakter, seine wahren Absichten. Und gerade im Krieg kann frühes Erkennen Leben retten im Spanischen Bürgerkrieg ebenso wie im Zweiten Weltkrieg, deren Schrecken der Erzähler indirekt, durch lange Gespräche mit dem hochbetagten Sir Peter Wheeler, einem in Oxford lehrenden Hispanisten und ehemaligen Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, evoziert. Nicht zuletzt sind diese Unterhaltungen eine Hommage des Erzählers an seinen Vater, der während des Bürgerkriegs von einem Freund verraten und daraufhin für einige Monate ins Gefängnis geworfen wurde und hinter dem man unschwer wieder Julián Marías erkennen kann. Dieser Verrat, eine der zentralen Erfahrungen im Leben des Erzählers, mag am Ursprung jenes assoziativen Erzählens stehen, das dem Roman seine bestechende Eleganz verleiht. So gesehen ist das artistische Spiel mit dem Möglichen und Denkbaren zuletzt nur eine Übung in eine vollständig wohl niemals zu bewältigende Aufgabe: die Wahrheit zu erkennen. Misstrauen kann Irrtum säen. Wer die Pflicht habe, seiner Wahrnehmung nicht zu trauen, umreisst der Erzähler seine geheimdienstlichen Erfahrungen, dem erscheine am Ende alles in einem verzerrenden Licht, in dem sich die Wahrheit kaum mehr erkennen lasse. Und diese Ernüchterung mag am Ende die geheime Grösse dieses wunderbar leichten Buches ausmachen: dass sich hinter der sanften Anmut dieses Romans zuletzt doch das Ringen um letzte Erkenntnis verbirgt eine Erkenntnis, die sich erschöpfend niemals wird erreichen lassen. Und die auch der zweite, im spanischen Original vor wenigen Wochen erschienene Teil des Romans dem Erzähler zuletzt nicht gewährt wird.