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Das Gewicht der Erinnerung
 
 

Das Gewicht der Erinnerung (Gebundene Ausgabe)

von Lydie Salvayre (Autor)
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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Paralipomena

Lydie Salvayres lange Kurzgeschichte

«Ich würde jetzt gern das Bad sehen», erklärt der Gerichtsvollzieher, nicht ahnend, dass es sich hierbei um eine Badebibliothek handelt: angefüllt mit Klassikern der Antike, Seneca, Kallimachos, Pindar «oder Marcel Proust», wie die erst achtzehnjährige Ich-Erzählerin in Lydie Salvayres Roman maliziös bemerkt – für die Auswahl zeichnet ihre Mutter Rose verantwortlich, und die ist schlicht und einfach verrückt. Welches Ende nimmt es nun mit dem pedantischen Vertreter der Staatsmacht, wird er in der Badewanne ertränkt, von Buchdeckeln zerquetscht, vergewaltigt gar (denn die kleine Louisiane spricht unaufhörlich davon, wie gern sie einmal «Unzucht triebe»)? Doch nicht, Rose und Louisiane schmeissen ihren Peiniger, nachdem er noch die Küche (samt dem – lebenden – Kaninchen in der Backröhre) inspizieren durfte, einfach hinaus auf die Strasse, und die gelehrte Mama zitiert Cato: «Einen Bösewicht muss man bändigen wie der Matrose den Sturm.»

Das wäre eine feine Pointe für eine Kurzgeschichte – wie auch alle anderen Ingredienzien des Romans «Das Gewicht der Erinnerung» den Erfordernissen der kurzen Form Genüge täten: das skurrile Mutter-Tochter-Gespann, das infolge pathologischer Untätigkeit und geistiger Verwirrung die Miete nicht bezahlen kann und deshalb jene unangenehme Heimsuchung über sich ergehen lassen muss; der Konterpart des nahezu stummen Gerichtsvollziehers, der die Anwürfe der verrückten Mutter und das Geplapper der kaum vernünftigeren Tochter mit stoischer Ruhe erträgt und unerschütterlich seine Inventarliste zusammenstellt; schliesslich das Thema des grotesken Zusammenpralls von unbewältigter Vergangenheit und betriebsam-leerlaufendem Jetzt. Für die Mutter ist die Kollaborationszeit nie zu Ende gegangen, sie befindet sich immer noch im Jahr 1943, als ihr Bruder brutal ermordet wurde. Der Marschall Pétain hat als universales Emblem des Bösen überlebt, und der leibhaftig auftretende Gerichtsvollzieher ist logischerweise nichts anderes als ein Abgesandter jenes Allgegenwärtigen, den Rose konsequent «Putain» nennt.

Als streng durchkomponierte, straff organisierte, mit lakonischen Dialogen bestückte Kurzgeschichte könnte der Stoff durchaus seinen Reiz entfalten. Nicht unwitzig sind auch einige arabeskenhafte Einfälle der Autorin, zum Beispiel die Vorliebe der verrückten Alten für ausgefallene Fremdwörter wie «Paralipomena», die freilich aus dem Mund der jungen Erzählerin, vermischt mit schauderhaften Szene-Vokabeln wie «richtiggehend» oder «noch und nöcher», nur mehr affektiert klingen. Am Ende ist der schöne Plot durch eine Flut von «Ergänzungen» und «Nachträgen» (so übersetzt das Lexikon nämlich «Paralipomena»), kurzum: durch pure Geschwätzigkeit zur Unkenntlichkeit entstellt, und eigentlich möchte man schon vor dem 23. und letzten Kapitel nicht mehr wissen, was mit dem unerschrockenen Gerichtsvollzieher geschieht, der so heroisch seine Pflicht tut. Der plappermäuligen Erzählerin aber wünscht der Leser von Herzen einen Mann.

Martin Krumbholz



Kurzbeschreibung

Unvorstellbares hat die Mutter durch französische Nazischergen erleben müssen. Seelisch ist sie tot, lebt nur noch in der Vergangenheit. Ihre Tochter kann sich den Erinnerungen der Mutter nicht entziehen. Das Heute wird zu einer täglichen Zerreißprobe für Mutter und Tochter.

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