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Anthony Burgess' letzter Roman «Der Teufelspoet»
Von Theo Stemmler
Ein historischer Roman über Christopher Marlowe war längst fällig. Das kurze, abenteuerliche Leben dieses englischen Dramatikers und Dichters (15641593) bietet ideale Voraussetzungen für solch ein Unternehmen, bei dem es darum geht, längst Vergangenem neues Leben einzuhauchen und es so für die Gegenwart zu retten.
Christopher Marlowe also welch ein Leckerbissen für einen Autor! Bereits als Student Geheimagent im Dienst Elisabeths I., erfolgreicher Stückeschreiber, Bohémien in London, hitzköpfiger Duellant, dem der Degen locker sass, 29jährig in einem Gasthaus unter mysteriösen Umständen ermordet. Motto also: Wen die Götter lieben . . . Und die vielen Informationslücken sind für den Verfasser eines historischen Romans attraktiv: Die kann er fabulierend füllen.
Dieses grandiosen Stoffes bemächtigte sich endlich kein Geringerer als Anthony Burgess, der vor allem durch «Clockwork Orange» berühmt gewordene englische Schriftsteller. Sein Marlowe-Roman erschien 1993 unter dem Titel «A Dead Man in Deptford», der treffend auf Marlowes Ermordung anspielt. Nunmehr liegt die deutsche Übersetzung vor unter dem unglücklichen Titel «Der Teufelspoet», der eher einen Teufelskerl oder Teufelsbraten beschwört als Christopher Marlowe, der zwar seinen Doktor Faustus mit dem Teufel paktieren lässt, doch selber ganz und gar nichts Teuflisches an sich hat. Gleich sei die Gretchenfrage gestellt: Gelingt es Burgess, den toten Marlowe auferstehen zu lassen und dessen in den Geschichtsbüchern abgelegte Zeit in unsere Gegenwart zu holen?
Gelegentlich. Nur in einigen Episoden wird Marlowe lebendig meist wirkt er wie ein Untoter, der schemenhaft hinter dem Milchglas sichtbar wird, das der Autor zwischen seinem Geschöpf und dem Leser installiert.
Für diese letztlich missglückte Reanimation ist vor allem ein fataler Kunstfehler verantwortlich: die Hinzuziehung eines allwissenden Erzählers, der gar keiner ist, sondern Burgess, seinem Chef, dauernd ins Handwerk pfuscht.
Den Autor muss der Teufel geritten haben, als er sich entschloss, die Geschichte vom Leben und Sterben Christopher Marlowes einem Homunculus anzuvertrauen einem mit Marlowe befreundeten miesen kleinen Schauspieler, der sich ständig hinter Floskeln wie: «soviel ich weiss» oder «man hat mir erzählt» verschanzt und uns doch alles mögliche über Marlowes geheimste Gedanken und Gefühle mitteilt. Dieser horizontlosen Kreatur traut man Allwissenheit nicht zu. Nur jener allwissende Erzähler ist glaubhaft, der entrückt über den ahnungslosen Lesern schwebt und ihnen Dinge mitteilt, die allein er weiss eben weil er nicht zu den ordinären Sterblichen gehört.
Und sonst? Mehrere geglückte, ungemein anschauliche Passagen, die als Drehbuch für Filmszenen verwendbar wären: «Marlowe im Gefängnis Newgate» und «Marlowe, in seiner Blösse vom Vater betrachtet» gehören zu solchen Beispielen eindrucksvoller Visualität.
Überzeugend auch die Schlussszene, in der es dem Götterliebling an den Kragen geht. Diese Dramaturgie eines Mordes läuft präzis ab wie in einem Kriminalfilm von Chabrol und gut vorbereitet ist sie auch: Lange vor dem Mord befallen den Leser schlimme Vorahnungen, die der Autor durch vorausweisende Anspielungen hervorruft. Leider meldet sich nach der fulminanten Mordszene das allwissende Männchen wieder zu Wort und krächzt: «So, nehme ich an, wird es gewesen sein.»
Zudem ist dieser Roman auch ein seltenes Beispiel für die meisterhafte Penetranz, mit der ein Autor seinen historischen Stoff homosexualisiert.
Natürlich steht es jedem Verfasser eines historischen Romans frei, die Vorlage je nach Neigung seines Helden zu gewichten doch sollte er sie nicht deformieren; es stellt sich die Frage der rechten Dosierung und der erzählerischen Integration. Beides lässt der Roman vermissen.
Zum ersten: Irgendwann ist man es als Leser leid, pausenlos über Marlowes erotomane Eskapaden informiert zu werden. Und wenn Burgess schliesslich seinen wehrlosen Helden zwingt, dem allwissenden Erzähler beizuwohnen, ist die Grenze zur Lächerlichkeit überschritten.
Zum zweiten: In vielen Szenen finden sich manifestartige Bekenntnisse und psychologische Erklärungen, die einem pseudoelisabethanischen Outing gleichkommen. Motto: Nicht Marlowe ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt. In einem Roman einem erzählenden Text nimmt sich dergleichen verloren aus.
Zur deutschen Fassung des Romans nur wenige Anmerkungen. Der Übersetzer stand vor einer schwierigen Aufgabe: die leicht altertümelnde Sprachpatina des Originals («thou», «singeth» und so weiter) wiederzugeben sowie gelegentlich vorkommende englische Dialekte ins Deutsche zu transportieren.
Über den Erfolg seiner Bemühungen kann man geteilter Meinung sein. Oft gelingt es ihm, das ältliche Englisch des Originals angemessen wiederzugeben («Toback» oder «eine Schüssel Wassers» etwa), doch nicht immer. Manchmal haben seine archaisierenden Versuche schlimme Folgen. Grotesk und an Madame Houpflé in Thomas Manns «Felix Krull» erinnernd zum Beispiel: «Was bist du, Bube, wes erkühnst du dich?» Und dass dem schottischen König wie auch Shakespeare Berlinerndes untergeschoben wird, scheint eine unzulässige Ausbeutung dieses schönen Stadtdialekts.
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