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Amok
 
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Amok (Taschenbuch)

von Emmanuel Carrère (Autor), Irmengard Gabler (Autor)
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Produktinformation

  • Taschenbuch
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt (2003)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596156904
  • ISBN-13: 978-3596156900
  • Größe und/oder Gewicht: 19,2 x 12,4 x 1,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 523.978 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Es gibt kein richtiges Leben hinter dem falschen

«Amok»: Emmanuel Carrère interpretiert einen Kriminalfall

Viele Autoren werden vom Stoff überfordert, den sie sich ausgesucht haben. Manch einer merkt das selbst und nimmt von dem Vorhaben Abstand. So ging es auch dem Franzosen Emmanuel Carrère. Zweimal gab er auf – und fing doch wieder an. Denn die Geschichte, die ihm das Leben hier lieferte, war wie gemacht für ihn. Schon immer hatten ihn gespaltene Persönlichkeiten fasziniert, labile Identitäten und Doppelgängergeschichten. Hier war eine mit denkbar schlimmem Ausgang: fünffachem Mord.

Der Fall hat Schlagzeilen gemacht. Am 7. und 8. Januar 1993 erschlug Jean-Claude Romand in der Nähe von Genf seine Frau und erschoss seine beiden kleinen Kinder, fuhr dann zum Haus seiner Eltern und tötete auch sie. Der Versuch, sich selbst umzubringen, schlug fehl, dilettantisch unternommen und deshalb vermutlich auch nicht wirklich gewollt. Entsetzlicher fast als die Bluttaten selbst erscheint ihr Motiv: Romand wollte verhindern, dass seine Familie die Wahrheit über ihn erführe. Er war nämlich nicht, wie jeder glaubte, ein angesehener Arzt, angestellt bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf, betraut mit Aufträgen rund um die Welt, der mit Ministern verkehrte, sondern ein Hochstapler.

Seit er, 18 Jahre vor der Katastrophe, während des Medizinstudiums eine Prüfung versäumt und aus Scham erzählt hatte, er habe sie bestanden, baute Romand ein bemerkenswertes Lügengebäude auf. Wände und Dach dieses Gebäudes errichtete er mit Geschick und Chuzpe, das Fundament war aber die Leichtgläubigkeit seiner Nächsten. Weder sein bester Freund noch seine Frau schöpften je Verdacht. Romand finanzierte die Fassade seiner Scheinexistenz mit hohen Summen, die ihm Verwandte und auch eine Geliebte liehen; angeblich legte er sie günstig in der Schweiz an. Der falsche Arzt war auch ein Betrüger von hoher krimineller Energie – die allerdings allein dem Ziel diente, nicht entlarvt zu werden.

Emmanuel Carrère versuchte Kontakt mit dem Mörder aufzunehmen, weil er wissen wollte, was in all der Zeit in ihm vorgegangen war, die dieser statt im Büro mit Waldspaziergängen verbracht hatte. Das richtige Leben hinter dem falschen wollte er finden. Da er keine Antwort erhielt, schrieb er statt der geplanten Geschichte einen Roman mit einem Mörder als Helden, der zugleich ein zärtlicher Vater ist (deutsch erschienen unter dem Titel «Schneetreiben»). Diesen Roman wiederum las Romand in der Untersuchungshaft und antwortete Carrère – nach mittlerweile zwei Jahren –, er sei zur Zusammenarbeit bereit.

Es kommt zu einem Briefwechsel, auch zu einem Treffen. Carrère sucht die Orte auf, an denen Romand die Zeit totschlug, und wohnt schliesslich dem Prozess bei; das Urteil lautet auf lebenslängliche Haft. Nun hat der Autor alle nötigen Informationen. Aber es fehlt ein «Bezugspunkt»: Die Fakten einfach für sich sprechen zu lassen, glaubt er, reicht in einem derart extremen Fall nicht. Erneut bricht er die Arbeit ab. Zwei Jahre später nimmt er sie wieder auf und schreibt «L'adversaire» («Amok» in der jetzt vorliegenden deutschsprachigen Fassung). Die Etappen seiner Beschäftigung mit dem Fall Romand sind zum Bestandteil des Buches geworden, der Bezugspunkt ist seine eigene Fassungslosigkeit.

Das geht, weil sich diese Fassungslosigkeit unmittelbar auf den Leser überträgt; lässt diesen aber auch etwas unbefriedigt zurück. Romands Lügengebäude wird ausgiebig abgeschritten, Stockwerk für Stockwerk und Zimmer für Zimmer, mit der Akribie einer Bauabnahme. Wie dieses Gebäude aber überhaupt stehen bleiben kann, 18 Jahre lang: Das bleibt so unerklärt wie die Motive des Architekten. Carrère kann statt einer Erklärung lediglich eine Theorie bieten. Die vorgebliche Existenz, schreibt er, hat die wirkliche aufgefressen, die Lüge die Wahrheit, der Schein das Sein; hinter dem falschen Arzt Dr. Romand verbirgt sich kein irgendwie gearteter echter Jean-Claude Romand, sondern – nichts. Deshalb kann, als die Entlarvung bevorsteht, die Lösung nur Selbstmord lauten. Den hat der fünffache Mörder aber gerade nicht – jedenfalls nicht konsequent – verübt. Und was über das Gefängnisleben des Verurteilten zu lesen ist, spricht eher dafür, dass er sich geschmeidig in eine neue Rolle hineinzufinden versteht. Bald kümmert sich eine christlich inspirierte Fürsorgegruppe um den Häftling, wird er Mitglied einer internationalen «Gebetskette». Und selbst der bekennende Agnostiker Carrère schliesst die Echtheit der pathetisch zur Schau getragenen Konversion nicht aus.

Der «Erfahrungsbericht», mit dem der Bekehrte in einer Zeitung «Zeugnis ablegt», belehrt in dem schwer erträglichen Tonfall des Konvertiten den aufmerksamen Leser eines Besseren: «Als Folge eines entsetzlichen Familiendramas» sitze er im Gefängnis. Dass Romand Urheber dieses Dramas ist, hat er offensichtlich schon verdrängt. Indem er sich zum Objekt göttlicher Gnade erklärt, die an ihm wieder einmal ihre Wunder wirkende Kraft demonstriert hat, entledigt er sich der Verantwortung für seine Taten. Demnächst wird er selbst glauben, ein neuer Mensch geworden zu sein. In der christlichen Wundermechanik ist es vom Sünder zum Heiligen nur ein Schritt.

Emmanuel Carrère beendet das Buch, das ihn sechs Jahre beschäftigt hat, in sympathischer Unschlüssigkeit. Wer Jean-Claude Romand wirklich ist, weiss niemand. Darzustellen, wer er sein könnte: Das wäre eine Aufgabe für die Literatur. Aber Literatur hat der Autor hier nicht machen wollen.

Martin Ebel -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



Kurzbeschreibung

Alles beginnt ganz harmlos: Eine versäumte Medizinklausur, eine kleine Lüge, die größere nach sich zieht, und schon kommt Jean-Claude Romand aus dem Tritt. Um seine Misserfolge zu kaschieren, führt er ein Doppelleben: Bald glaubt jeder, einen glücklichen Ehemann und erfolgreichen Arzt vor sich zu haben. Aber nichts stimmt. Romands ewige Verstellung endet im Wahnsinn: Er löscht die eigene Familie aus und will sich selber richten.


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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen Die unerklärlichen Tiefen des Seins......, 24. Juli 2001
Von Ein Kunde
Diese Rezension stammt von: Amok (Gebundene Ausgabe)
Jean-Claude Romand hat alles, was man sich nur wünschen kann: die fünftbeste Abschlussprüfung in Medizin an der Universität Lyon, eine Stelle bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf, wo er für die Entwicklung neuer Medikamente zuständig ist, eine verständnisvolle Frau, zwei Kinder, eine Geliebte und einen hochrangigen Freundeskreis. Ein rundum glücklicher Mensch also- glauben zumindest alle, die ihn kennen, einschließlich der engsten Familie. Doch der Schein trügt: Was die Umwelt für das wahre Ich Jean-Claude Romands hält, ist das Ergebnis eines Jahre langen, auf Lügengebäuden und exzessiver Geheimhaltung basierenden (Selbst-) Betrugs; es ist ein Schein-Ich, das ein Doppelleben führt. Denn die Wahrheit ist niederschmetternd: Tatsächlich hat Romand das Medizinstudium im 2. Semester abgebrochen, nie erlangte er den Doktortitel, und auch sonst besitzt er weder eine abgeschlossene Ausbildung, noch war er jemals bei der Weltgesundheitsorganisation beschäftigt. 18 Jahre lang treibt sich der "echte" Jean-Claude Romand in Cafés oder Hotels herum, während seine Umwelt ihn bei der Arbeit oder auf Geschäftsreise vermutet. Doch irgendwann bröckelt die Fassade, seine Umwelt beginnt Fragen zu stellen, und Romands Doppelleben droht aufzufliegen. Vor Romand tut sich ein Abgrund auf. Unfähig, diesen Gedanken zu ertragen, tötet er zunächst seine Frau und seine Kinder, dann seine Eltern. Die Ermordung seiner Geliebten sowie sein Selbstmord misslingen, so dass er sich am Ende vor Gericht für seine Taten verantworten muss. Emmanuel Carrère begleitet ihn vor und nach dem Prozess und versucht durch die Verarbeitung von Romands authentischer Geschichte zu einem Buch die Motive seiner Handlungen aufzuzeigen. Eines der stärken des Bandes besteht darin, dass der Autor viele unterschiedliche Perspektiven (die Romands besten Freundes, der freiwilligen Helfer für die Gefängnisbetreuung...) in die Geschichte miteinfließen lässt. Dies bietet dem Leser die Möglichkeit, sich ein umfassenderes und objektiveres Bild von Romand zu machen. Gelungen ist zudem der Spannungsaufbau, denn der Leser wird zunächst mit der Katastrophe, also dem tödlichen Ergebnis des Doppellebens konfrontiert und erfährt erst im Laufe des Buches von möglichen Erklärungsversuchen. Doch genau diese erweisen sich als Schwachpunkte. Es gibt sicherlich viele Menschen mit Problemen in der Kindheitsentwicklung, die denen Romands durchaus vergleichbar waren und deren Vita dennoch einen friedfertigeren Verlauf genommen hat. Was also gab den auschlag für den Ausbruch seiner Mythomanie, die zu dem Aufbau des Lügengebäudes führte? Hier wäre die Darstellung weiterer psychatrischer Gutachten, die Carrère offensichtlich vorlagen, hilfreich gewesen. Weiterhin wird das weitgehend durch Desinteresse bestimmte Verhalten der Umwelt gegenüber Romand und damit deren Mitschuld an der (Weiter-)Entwicklung der Krankheit erwähnt. Nach dem Buch ist vor dem Buch: Auch nach der Lektüre ist es schwierig, den wirklichen Einfluss der Gesellschaft auf das Individuum Romand festzustellen und sich von dessen Schuld oder Unschuld ein Bild zu machen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Kein Anfang, aber ein Ende, 13. Juni 2004
In der Schule hab ich mal Folgendes gelernt: Was ist der Unterschied zwischen einem Drama und einer Tragödie? Antwort: In einer Tragödie steht das Ende fest. "Amok" ist eine Tragödie, und zwar genau in diesem Sinne.
Ein Bauernsohn will Großbürger sein und lügt sich mit kleinbürgerlichem Ehrgeiz in die Katastrophe. Von Anfang an ist völlig klar, daß diese Geschichte kein Zürück mehr kennt, zu sehr sind die Lügen des "Helden" in einander verwoben, wobei man sich in der Tat fragt, was war eigentlich die allererste Lüge, aus der es vermeintlich keinen Ausstieg mehr gab; die allererste Lüge, zwingend genug, die Saat der Katastrophe auszubringen.

Im TV läuft von Zeit zu Zeit der Fernsehfilm "Der Hammermörder", nach einem Drehbuch von Breinersdorfer - fast perfekt die gleiche Story und genauso wie "Amok" ein dramaturgisch konsumierbar gemachtes Dokumentarstück, die deutsche Version halt des kleinkarierten Selbstbetrugs mit großen Folgen. So liest sich "Amok" auch mehr wie ein Zeitungsartikel denn als literarisches Werk - schade, es müßte mehr von solchen Sachen geben.

Übrigens: der best gestaltete Schutzumschlag, den ich je gesehen habe - eine ziemlich angemessene Aufforderung, das Buch zu lesen.
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2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen Eine unglaubliche Story !, 27. Juni 2001
Diese Rezension stammt von: Amok (Gebundene Ausgabe)
Aufgrund eines Zeitungsartikels bin ich auf diese schier unfassbare Geschichte gestossen. Dass ein Mann einfach sein ganzes Leben auf ein Lügengebäude aufbaut und somit alle Mitmenschen täuscht, kann doch nicht wahr sein! Sogar der Autor dachte dies und ging dieser Sache nach. Er erzählt dieses unfassbare Verbrechen und Lügenleben des Jean-Claude Romand das den Leser verleitet, sich immer öfter zu fragen "WIE kann es so etwas geben?". Obwohl ich mehr Spannung von diesem Buch erwartet habe, hat es mich doch nicht enttäuscht. Einfach aus dem Grund, weil das ganze Buch einfach eine wahre Begebenheit erzählt! Dieses Buch finde ich deswegen sehr empfehlenswert, man kann über diesen Menschen einfach nur den Kopf schütteln! Unglaublich, aber wahr !
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Vor 4 Monaten von Kerstin Ruhl veröffentlicht

5.0 von 5 Sternen Beindruckend
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Veröffentlicht am 17. August 2005 von Martin Jahn

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