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von Per Olov Enquist
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Lewis Reise: Ein Buch über Freundschaft, Glauben und das Streben nach Macht von Per Olov Enquist |
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Die für ihre Hörspielproduktionen zu Recht gerühmten Rundfunkanstalten NDR und SWR haben sich an eine szenische Bearbeitung von Enquists großem Roman über die tiefen Zusammenhänge von Liebe und Macht gewagt, und das mit Erfolg: Die mit namhaften Sprechern wie Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel und Jutta Hoffmann aufgenommene Produktion haucht nicht nur diesem eigentümlichen Kapitel der dänischen Geschichte Leben ein, sondern schafft es auch, die herrlich schlichte, stellenweise fast naive Sprache der Romanvorlage auf denkbar gelungene Weise zu übernehmen. Auch wenn gut zwei Stunden Hörspiel natürlich nie alles transportieren können, was 350 Seiten Roman vorlegen, und Leser des Romans deshalb sicher die eine oder andere lieb gewonnene Episode vermissen werden, ist diese Produktion für sich genommen doch ein schönes Kleinod. --Christoph Nettersheim
Hörspiel, 2 CDs, Spieldauer ca. 137 Minuten. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Die schwarze Fackel der Vernunft
Per Olov Enquists Roman «Der Besuch des Leibarztes»
Das marode dänische Königreich im Ausgang des Ancien Régime; ein halb schwachsinniger junger Regent in der Hand eines deutschen Leibarztes und Aufklärers, der seine revolutionären Ideale per Dekret durchpeitscht und obendrein als Geliebter der Königin ein Kind zeugt; Widerstand von Adel und Volk; Putsch, Folter, Hinrichtung. Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist ist keineswegs der Erste, der sich dieses irrlichternden historischen Stoffes angenommen hat. Die kometenhaft in die Sphären der Macht aufgestiegene und dort verglühte Gestalt des Johann Friedrich Struensee (17371771) hat seit dem frühen 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von literarischen Bearbeitungen erfahren, wobei zum einen der Ehebruch, zum andern die Politik im Zentrum des Interesses stand. Die Usurpation von Herrschaft im Dienste des Guten indes rückte erst mit den tristen Erfahrungen dieses Jahrhunderts in den Vordergrund.
Wenn sich nun Per Olov Enquist dieser Tragödie der Freiheit annimmt, darf man Grosses erwarten. Der 1934 geborene Autor hat sich seit seinen Anfängen in den sechziger Jahren mit Romanen, Dramen und Essays als Archäologe ungestillter Vergangenheiten einen Namen gemacht. Enquists akribisch recherchierte und komplex komponierte, mittels Montage und Collage, Kommentar und Selbstreflexion als fortlaufende Verhandlung stets offen gehaltene historische Exkurse haben immer wieder den Nerv der Zeit getroffen ob es nun um das Schicksal der grossen sozialistischen Utopie oder den Mythos der schwedischen Humanität ging. In Enquists Texten verbindet sich Ideologiekritik mit Trauer, Skepsis mit Einfühlung. An den Schlüsselszenen nordischer Geschichte interessieren den Autor insbesondere menschliche Grenzerfahrungen. Wo einer sich abhanden kommt, hakt Enquist ein: Das Beharren auf dem Nichtverstehen ist der Antrieb seines Schreibens.
Historische Meditation
Fast eher denn als Roman möchte man den «Besuch des Leibarztes» als Meditation bezeichnen. Mit Vorgriffen und Rückblenden, Einschüben und Leitmotiven umkreist der Text den Stoff, ohne im Ganzen die Chronologie aufzuheben. Enquist leuchtet das Geschehen in vielfacher Hinsicht explizit aus: individual- und sozialpsychologisch, historisch-politisch, kulturanthropologisch, ideengeschichtlich, existenziell. Hinzu kommen subkutane Deutungsmuster nach dem Alten und Neuen Testament sowie unvermeidlich fast nach Shakespeares «Hamlet».
Da ist zunächst das Drama des Kindkönigs Christian VII., der am Ende eines desaströsen moralischen Verfalls des dänischen Herrscherhauses steht. Kleinwüchsig und verwachsen, von labiler psychischer Gesundheit, ist Christian von seinen Erziehern systematisch entmündigt und seelisch zerbrochen worden. Seine Berufung ist ihm eine «ständige Qual», Scham sein «natürlicher Zustand»: «Er war Gottes Auserwählter. Er stand über allem und war zugleich der Erbärmlichste.» Vor der Verachtung des Hofs flüchtet sich Christian in Apathie, deren Aggressivität sich in periodischer Zerstörungswut nach aussen kehrt, sowie in einen apokalyptischen Wahn, in dem Verwechslungs- und Verschwörungstheorien, Ohnmachts- und Allmachtsphantasien zusammenlaufen. Sein Königsein begreift er als Theaterrolle, seinen Text als gottgegeben. Der Wunsch nach Selbstbestrafung verschmilzt mit dem Bedürfnis nach Rache: Die «Reinheit des Tempels» soll wieder hergestellt werden.
Tagtraum und Nachtmahr
Die arrangierte Heirat mit der dreizehnjährigen englischen Prinzessin Caroline Mathilde macht die Sache nicht besser. Zwar gelingt den verstörten Teenagern ein einziges Mal der gebotene Beischlaf (mit den erwünschten Folgen), doch ist die Ehe von Beginn an zerrüttet. Caroline Mathilde will kein «Zuchttier» sein, Christian in seiner Melancholie verfällt der Onanie, bevor ihm mit der «Stiefel-Catherine» eine Prostituierte aus dem Kopenhagener Hafenviertel präsentiert wird, die ihn in seinem Anderssein erkennt. Sie wird für ihn fortan als utopische «Herrscherin des Universums» über dem «strafenden Gott» firmieren auch nachdem sie durch eine Intrige ausser Landes geschafft worden ist. Allein ihrer Suche gilt denn auch Christians Plan einer «Bildungsreise» durch Europa mit grossem Gefolge. Ein junger, schweigsamer Arzt aus dem freigeistigen Altona soll ihn begleiten: Johann Friedrich Struensee.
So hebt alles an: ein Tagtraum und ein Nachtmahr der Vernunft, eine Vater-Sohn-Geschichte und ein Amour fou, der Machtkampf zweier Parvenus, die Emanzipationsgeschichte einer Frau. Struensee ist ein Mann der Praxis, die Versuchungen der Theorie liegen ihm ebenso fern wie jene der Macht. Doch wo es anfangs das Mitleid ist, das ihn an die Seite des «Jungen mit dem Frostschaden in der Seele» zieht, wächst das Bewusstsein der Auserwähltheit. Entscheidend ist die Begegnung mit den Enzyklopädisten in Paris: Diderots Beschwörung der einzigartigen Situation, als Mann der Aufklärung das natürliche Vertrauen eines Königs gewonnen zu haben. Und Voltaires Diktum, «dass die Geschichte manchmal, durch einen Zufall, einen einzigartigen Spalt in die Zukunft öffnet», durch den man sich hindurchzwängen müsse.
Es ist «eine Art Verantwortung», die Struensee einen Weg einschlagen lässt, von dem er weiss, dass er ihm nicht gewachsen sein wird seinen Idealen und dem kleinen König gegenüber, auf den in Kopenhagen die «Wölfe» warten. Sein Auftauchen erscheint diesen als «nationales Unglück», und in der Tat sieht sich Struensee bald mit absoluter Macht ausgestattet. Er zögert nicht, das «verrottete Reich» auf den Kopf zu stellen mit Einführung von Presse- und Religionsfreiheit, Aufhebung der Leibeigenschaft, Abschaffung der Adelspfründe, Reform des Gesundheitswesens und vielem mehr. Auch Struensee handelt im Namen der Reinheit und diese schliesst selbst Gewalt gegen die Feinde aus. Sein Spiel ist lebensgefährlich, und er weiss es. Im Zentrum seiner Selbstsicherheit lauert die Angst.
Der Verzicht auf allen Machiavellismus und die Ménage à trois werden Struensee das Genick brechen. In der Königin lässt Enquist ihn eine in ihrer Fremdheit Verwandte erkennen. Während Christian mit seinem Negerpagen und seinem Hund Kinderspiele treibt, kommt es im Zeichen eines neuen Lebenshungers und Körpergefühls zum grösstmöglichen Vergehen an der Würde des Königtums. Es ist eine Revolte des Sexus, und diese wirft ein Schlaglicht auf die Aporie der Aufklärung, Selbstbestimmung und Kontrolle, Gefühl und Vernunft, Theorie und Praxis zur Deckung zu bringen. Was im englischen Garten als technische Vollendung der Natur ästhetisch aufgehen mag, bedroht die Gesellschaft. Tief im Inneren der Maschine unfähig, die Mechanik des Ganzen zu erkennen, beginnen die Befreiten gegen ihre neue Freiheit zu rebellieren.
Es ist die Stunde, da Struensees reaktionärer Gegenspieler Guldberg, der Informator von Christians debilem Halbbruder, aus dem Hintergrund tritt. Als Sohn eines Leichenbestatters ein Emporkömmling wie Struensee, vorzeitig gealtert und körperlich missgestaltet, ist auch er ein Mann der Reinheit, jedoch einer, der sich von Gott berufen fühlt, die Würde des Königtums selbst des geisteskranken Regenten zu verteidigen. Als Taktiker der Macht besitzt Guldberg das, was Struensee abgeht: Geduld, Kälte, Zynismus. In der Dekadenz des Hofes erkennt er ebenso das Böse wie im Humanismus der radikalen Aufklärer. Die neue Gleichheit sieht er in Chaos enden. «Sie redeten vom Licht (. . .) Aber aus ihren Fackeln fiel nur Dunkel.» Dass seine Gegner sich «das klare politische Spiel von der Leidenschaft verdunkeln liessen», macht er sich als Schwäche zunutze. Doch hat auch er die Versuchung kennengelernt in der «kleinen englischen Hure» und der Sehnsucht nach ihrem sündhaft-heiligen Körper. «Das erregte ihn, und er hasste seine Erregung.»
Mythische Pole
Der Rationalist und der Gläubige, der Suchende und der Vollstrecker, der Lebensfromme und der Entsagende mächtig wie einst Dostojewski in seinem «Grossinquisitor» setzt Enquist mit Struensee und Guldberg zwei Figuren in Szene, die für die mythischen Pole menschlicher Existenz zwischen Religion und Vernunft, Tabu und Freiheit stehen. Beide sind sie unbestechlich, beide treffen sie sich in der Pflicht gegenüber einer höheren Idee und über beide geht am Ende die Historie hinweg. Was beide trennt, ist der Glaube an die Möglichkeit, Geschichte zu gestalten: Wo Struensee futuristisch vorprescht und als «Schreibtischtäter» endet, hilft Guldberg dem Lauf der Dinge effizient nach. Ironischerweise ist die Demenz des Königs der Raum, in dem beider progressive und restaurative Utopie blüht.
«Der Besuch des Leibarztes» ist kein moralischer Traktat. Enquist unterlässt es konsequent, Partei zu ergreifen. Der Komplexität dient der Gebrauch unterschiedlichster historischer Quellen (von Porträts über Schriftstücke bis zu diplomatischen Noten), aber auch das ständige auktoriale Räsonnement. Dass diese Metaebene da und dort interpretatorisch forciert und sprachlich überdeterminiert erscheint, mag man dem Text vorhalten etwa wenn der Autor die sich sexuell bewusst werdende Königin im Jargon der Kulturanthropologie denken lässt, sie sei ein «Jucken am Glied des Hofes». Höchstes Lob gebührt dem Übersetzer Wolfgang Butt . Dass Enquist ein erfahrener Theaterautor ist, kommt dem Roman vielfach zugute: Aufs Essenzielle reduziert erscheint das epische Moment, die Figuren sind konsequent modern gehalten, die Szenen setzen in Dialog und Handlungsführung ein Glanzlicht nach dem andern. Jede einzelne Nebenfigur (wie Struensees Freund Brandt, der Aufklärung hedonistisch als «Sex, Rausch und Flötenmusik» begreift) ist ein Wurf, wobei sich die dramatis personae in ein subtiles System von Spiegelungen fügen.
Wie das Gute durchsetzen, ohne zu den Mitteln des Bösen zu greifen? Per Olov Enquists Roman ist ein elegischer Abgesang auf das 20. Jahrhundert und seinen demiurgischen Traum von der Weltvollendung. Wo es sich dem Prinzipiellen ergibt, verwandelt sich das Licht der Aufklärung in jene «schwarze Fackel der Vernunft», wie sie der Irrsinn König Christians verkörpert. Ohne das vermittelnde Spiel der Politik gerät der utopische Moralismus leicht zum Desaster. Der Preis des letzten utopischen Liebessommers auf Schloss Hirschholm ist ein Blutbad. Es ist die Ästhetik des Untergangs in Reinheit, die Struensee am Ende leitet, sich von Guldbergs Schergen wie ein Lamm zur Schlachtbank führen zu lassen. Doch da ist jemand, der gelernt hat, den «Hebel am Haus der Welt» anzusetzen. Eine Frau ohne Eigenschaften sollte sie sein und wuchs als Liebende in einen anderen Zusammenhang hinein: Caroline Mathilde und ihre Zivilcourage weisen den Weg in die Zukunft. Und so ist «Der Besuch des Leibarztes» zuletzt auch ein feministischer Roman.
Andreas Breitenstein -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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