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Der Besuch des Leibarztes
 
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Der Besuch des Leibarztes (Taschenbuch)

von Per Olov Enquist (Autor), Wolfgang Butt (Übersetzer)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 376 Seiten
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 7 (23. Januar 2003)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596154049
  • ISBN-13: 978-3596154043
  • Originaltitel: Livläkarens Besök
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12,4 x 2,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (25 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Amazon.de-Hörbuchrezension

Als der dänische Kronprinz Christian 1766 16-jährig zum König ausgerufen wurde, war er bereits geisteskrank. Nicht von Geburt, nein -- er war von seinen Ausbildern psychisch gefoltert worden. Das war die spezifisch dänische Methode, sich mit dem Absolutismus zu arrangieren, denn wenn der König arbeitsunfähig war, delegierte er die Macht zwangsläufig an seine Beamten. Und da diese durchaus gern regierten, wurden Thronfolger schon einmal systematisch in den Wahnsinn getrieben, so funktionierte das System. Doch als Christians Leibarzt, der eigens eingestellt worden war, um allzu peinliche Auftritte des "kleinen kranken Königs" zu verhindern, sich in die junge Frau des Herrschers verliebt, droht der Staatsapparat zusammenzubrechen. Der Arzt wird zum mächtigsten Mann am dänischen Hof und initiiert eine kleine Revolution.

Die für ihre Hörspielproduktionen zu Recht gerühmten Rundfunkanstalten NDR und SWR haben sich an eine szenische Bearbeitung von Enquists großem Roman über die tiefen Zusammenhänge von Liebe und Macht gewagt, und das mit Erfolg: Die mit namhaften Sprechern wie Ulrich Matthes, Felix von Manteuffel und Jutta Hoffmann aufgenommene Produktion haucht nicht nur diesem eigentümlichen Kapitel der dänischen Geschichte Leben ein, sondern schafft es auch, die herrlich schlichte, stellenweise fast naive Sprache der Romanvorlage auf denkbar gelungene Weise zu übernehmen. Auch wenn gut zwei Stunden Hörspiel natürlich nie alles transportieren können, was 350 Seiten Roman vorlegen, und Leser des Romans deshalb sicher die eine oder andere lieb gewonnene Episode vermissen werden, ist diese Produktion für sich genommen doch ein schönes Kleinod. --Christoph Nettersheim

Hörspiel, 2 CDs, Spieldauer ca. 137 Minuten. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



Neue Zürcher Zeitung

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Die schwarze Fackel der Vernunft

Per Olov Enquists Roman «Der Besuch des Leibarztes»

Das marode dänische Königreich im Ausgang des Ancien Régime; ein halb schwachsinniger junger Regent in der Hand eines deutschen Leibarztes und Aufklärers, der seine revolutionären Ideale per Dekret durchpeitscht und obendrein als Geliebter der Königin ein Kind zeugt; Widerstand von Adel und Volk; Putsch, Folter, Hinrichtung. – Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist ist keineswegs der Erste, der sich dieses irrlichternden historischen Stoffes angenommen hat. Die kometenhaft in die Sphären der Macht aufgestiegene und dort verglühte Gestalt des Johann Friedrich Struensee (1737–1771) hat seit dem frühen 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von literarischen Bearbeitungen erfahren, wobei zum einen der Ehebruch, zum andern die Politik im Zentrum des Interesses stand. Die Usurpation von Herrschaft im Dienste des Guten indes rückte erst mit den tristen Erfahrungen dieses Jahrhunderts in den Vordergrund.

Wenn sich nun Per Olov Enquist dieser Tragödie der Freiheit annimmt, darf man Grosses erwarten. Der 1934 geborene Autor hat sich seit seinen Anfängen in den sechziger Jahren mit Romanen, Dramen und Essays als Archäologe ungestillter Vergangenheiten einen Namen gemacht. Enquists akribisch recherchierte und komplex komponierte, mittels Montage und Collage, Kommentar und Selbstreflexion als fortlaufende Verhandlung stets offen gehaltene historische Exkurse haben immer wieder den Nerv der Zeit getroffen – ob es nun um das Schicksal der grossen sozialistischen Utopie oder den Mythos der schwedischen Humanität ging. In Enquists Texten verbindet sich Ideologiekritik mit Trauer, Skepsis mit Einfühlung. An den Schlüsselszenen nordischer Geschichte interessieren den Autor insbesondere menschliche Grenzerfahrungen. Wo einer sich abhanden kommt, hakt Enquist ein: Das Beharren auf dem Nichtverstehen ist der Antrieb seines Schreibens.

Historische Meditation

Fast eher denn als Roman möchte man den «Besuch des Leibarztes» als Meditation bezeichnen. Mit Vorgriffen und Rückblenden, Einschüben und Leitmotiven umkreist der Text den Stoff, ohne im Ganzen die Chronologie aufzuheben. Enquist leuchtet das Geschehen in vielfacher Hinsicht explizit aus: individual- und sozialpsychologisch, historisch-politisch, kulturanthropologisch, ideengeschichtlich, existenziell. Hinzu kommen subkutane Deutungsmuster nach dem Alten und Neuen Testament sowie – unvermeidlich fast – nach Shakespeares «Hamlet».

Da ist zunächst das Drama des Kindkönigs Christian VII., der am Ende eines desaströsen moralischen Verfalls des dänischen Herrscherhauses steht. Kleinwüchsig und verwachsen, von labiler psychischer Gesundheit, ist Christian von seinen Erziehern systematisch entmündigt und seelisch zerbrochen worden. Seine Berufung ist ihm eine «ständige Qual», Scham sein «natürlicher Zustand»: «Er war Gottes Auserwählter. Er stand über allem und war zugleich der Erbärmlichste.» Vor der Verachtung des Hofs flüchtet sich Christian in Apathie, deren Aggressivität sich in periodischer Zerstörungswut nach aussen kehrt, sowie in einen apokalyptischen Wahn, in dem Verwechslungs- und Verschwörungstheorien, Ohnmachts- und Allmachtsphantasien zusammenlaufen. Sein Königsein begreift er als Theaterrolle, seinen Text als gottgegeben. Der Wunsch nach Selbstbestrafung verschmilzt mit dem Bedürfnis nach Rache: Die «Reinheit des Tempels» soll wieder hergestellt werden.

Tagtraum und Nachtmahr

Die arrangierte Heirat mit der dreizehnjährigen englischen Prinzessin Caroline Mathilde macht die Sache nicht besser. Zwar gelingt den verstörten Teenagern ein einziges Mal der gebotene Beischlaf (mit den erwünschten Folgen), doch ist die Ehe von Beginn an zerrüttet. Caroline Mathilde will kein «Zuchttier» sein, Christian in seiner Melancholie verfällt der Onanie, bevor ihm mit der «Stiefel-Catherine» eine Prostituierte aus dem Kopenhagener Hafenviertel präsentiert wird, die ihn in seinem Anderssein erkennt. Sie wird für ihn fortan als utopische «Herrscherin des Universums» über dem «strafenden Gott» firmieren – auch nachdem sie durch eine Intrige ausser Landes geschafft worden ist. Allein ihrer Suche gilt denn auch Christians Plan einer «Bildungsreise» durch Europa mit grossem Gefolge. Ein junger, schweigsamer Arzt aus dem freigeistigen Altona soll ihn begleiten: Johann Friedrich Struensee.

So hebt alles an: ein Tagtraum und ein Nachtmahr der Vernunft, eine Vater-Sohn-Geschichte und ein Amour fou, der Machtkampf zweier Parvenus, die Emanzipationsgeschichte einer Frau. Struensee ist ein Mann der Praxis, die Versuchungen der Theorie liegen ihm ebenso fern wie jene der Macht. Doch wo es anfangs das Mitleid ist, das ihn an die Seite des «Jungen mit dem Frostschaden in der Seele» zieht, wächst das Bewusstsein der Auserwähltheit. Entscheidend ist die Begegnung mit den Enzyklopädisten in Paris: Diderots Beschwörung der einzigartigen Situation, als Mann der Aufklärung das natürliche Vertrauen eines Königs gewonnen zu haben. Und Voltaires Diktum, «dass die Geschichte manchmal, durch einen Zufall, einen einzigartigen Spalt in die Zukunft öffnet», durch den man sich hindurchzwängen müsse.

Es ist «eine Art Verantwortung», die Struensee einen Weg einschlagen lässt, von dem er weiss, dass er ihm nicht gewachsen sein wird – seinen Idealen und dem kleinen König gegenüber, auf den in Kopenhagen die «Wölfe» warten. Sein Auftauchen erscheint diesen als «nationales Unglück», und in der Tat sieht sich Struensee bald mit absoluter Macht ausgestattet. Er zögert nicht, das «verrottete Reich» auf den Kopf zu stellen mit Einführung von Presse- und Religionsfreiheit, Aufhebung der Leibeigenschaft, Abschaffung der Adelspfründe, Reform des Gesundheitswesens und vielem mehr. Auch Struensee handelt im Namen der Reinheit – und diese schliesst selbst Gewalt gegen die Feinde aus. Sein Spiel ist lebensgefährlich, und er weiss es. Im Zentrum seiner Selbstsicherheit lauert die Angst.

Der Verzicht auf allen Machiavellismus und die Ménage à trois werden Struensee das Genick brechen. In der Königin lässt Enquist ihn eine in ihrer Fremdheit Verwandte erkennen. Während Christian mit seinem Negerpagen und seinem Hund Kinderspiele treibt, kommt es im Zeichen eines neuen Lebenshungers und Körpergefühls zum grösstmöglichen Vergehen an der Würde des Königtums. Es ist eine Revolte des Sexus, und diese wirft ein Schlaglicht auf die Aporie der Aufklärung, Selbstbestimmung und Kontrolle, Gefühl und Vernunft, Theorie und Praxis zur Deckung zu bringen. Was im englischen Garten als technische Vollendung der Natur ästhetisch aufgehen mag, bedroht die Gesellschaft. Tief im Inneren der Maschine unfähig, die Mechanik des Ganzen zu erkennen, beginnen die Befreiten gegen ihre neue Freiheit zu rebellieren.

Es ist die Stunde, da Struensees reaktionärer Gegenspieler Guldberg, der Informator von Christians debilem Halbbruder, aus dem Hintergrund tritt. Als Sohn eines Leichenbestatters ein Emporkömmling wie Struensee, vorzeitig gealtert und körperlich missgestaltet, ist auch er ein Mann der Reinheit, jedoch einer, der sich von Gott berufen fühlt, die Würde des Königtums selbst des geisteskranken Regenten zu verteidigen. Als Taktiker der Macht besitzt Guldberg das, was Struensee abgeht: Geduld, Kälte, Zynismus. In der Dekadenz des Hofes erkennt er ebenso das Böse wie im Humanismus der radikalen Aufklärer. Die neue Gleichheit sieht er in Chaos enden. «Sie redeten vom Licht (. . .) Aber aus ihren Fackeln fiel nur Dunkel.» Dass seine Gegner sich «das klare politische Spiel von der Leidenschaft verdunkeln liessen», macht er sich als Schwäche zunutze. Doch hat auch er die Versuchung kennengelernt – in der «kleinen englischen Hure» und der Sehnsucht nach ihrem sündhaft-heiligen Körper. «Das erregte ihn, und er hasste seine Erregung.»

Mythische Pole

Der Rationalist und der Gläubige, der Suchende und der Vollstrecker, der Lebensfromme und der Entsagende – mächtig wie einst Dostojewski in seinem «Grossinquisitor» setzt Enquist mit Struensee und Guldberg zwei Figuren in Szene, die für die mythischen Pole menschlicher Existenz zwischen Religion und Vernunft, Tabu und Freiheit stehen. Beide sind sie unbestechlich, beide treffen sie sich in der Pflicht gegenüber einer höheren Idee – und über beide geht am Ende die Historie hinweg. Was beide trennt, ist der Glaube an die Möglichkeit, Geschichte zu gestalten: Wo Struensee futuristisch vorprescht und als «Schreibtischtäter» endet, hilft Guldberg dem Lauf der Dinge effizient nach. Ironischerweise ist die Demenz des Königs der Raum, in dem beider progressive und restaurative Utopie blüht.

«Der Besuch des Leibarztes» ist kein moralischer Traktat. Enquist unterlässt es konsequent, Partei zu ergreifen. Der Komplexität dient der Gebrauch unterschiedlichster historischer Quellen (von Porträts über Schriftstücke bis zu diplomatischen Noten), aber auch das ständige auktoriale Räsonnement. Dass diese Metaebene da und dort interpretatorisch forciert und sprachlich überdeterminiert erscheint, mag man dem Text vorhalten – etwa wenn der Autor die sich sexuell bewusst werdende Königin im Jargon der Kulturanthropologie denken lässt, sie sei ein «Jucken am Glied des Hofes». Höchstes Lob gebührt dem Übersetzer Wolfgang Butt . Dass Enquist ein erfahrener Theaterautor ist, kommt dem Roman vielfach zugute: Aufs Essenzielle reduziert erscheint das epische Moment, die Figuren sind konsequent modern gehalten, die Szenen setzen in Dialog und Handlungsführung ein Glanzlicht nach dem andern. Jede einzelne Nebenfigur (wie Struensees Freund Brandt, der Aufklärung hedonistisch als «Sex, Rausch und Flötenmusik» begreift) ist ein Wurf, wobei sich die dramatis personae in ein subtiles System von Spiegelungen fügen.

Wie das Gute durchsetzen, ohne zu den Mitteln des Bösen zu greifen? – Per Olov Enquists Roman ist ein elegischer Abgesang auf das 20. Jahrhundert und seinen demiurgischen Traum von der Weltvollendung. Wo es sich dem Prinzipiellen ergibt, verwandelt sich das Licht der Aufklärung in jene «schwarze Fackel der Vernunft», wie sie der Irrsinn König Christians verkörpert. Ohne das vermittelnde Spiel der Politik gerät der utopische Moralismus leicht zum Desaster. Der Preis des letzten utopischen Liebessommers auf Schloss Hirschholm ist ein Blutbad. Es ist die Ästhetik des Untergangs in Reinheit, die Struensee am Ende leitet, sich von Guldbergs Schergen wie ein Lamm zur Schlachtbank führen zu lassen. Doch da ist jemand, der gelernt hat, den «Hebel am Haus der Welt» anzusetzen. Eine Frau ohne Eigenschaften sollte sie sein – und wuchs als Liebende in einen anderen Zusammenhang hinein: Caroline Mathilde und ihre Zivilcourage weisen den Weg in die Zukunft. Und so ist «Der Besuch des Leibarztes» zuletzt auch ein feministischer Roman.

Andreas Breitenstein -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .


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5.0 von 5 Sternen Leben, lieben und sterben im Königreich Dänemark, 22. Mai 2009
Von Roland Freisitzer "freisitzer" (Vienna, Austria) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 500 REVIEWER)    (REAL NAME)   
In seinem gefeierten Roman Der Besuch des Leibarztes" erzählt Per Olov Enquist die Geschichte des deutschen Aufklärers Johann Friedrich Struensee (1737-1771), der sich als Leibarzt des psychisch labilen jungen Königs Christian VII anheuern ließ, der mit der Königin Caroline Mathilde eine Liebesbeziehung einging, der am Ende geköpft und gevierteilt wurde und der posthum damit die Aufklärung in Dänemark erst entzündet hat.

Per Olov Enquist hat genau recherchiert und seinen Roman auf beeindruckende Art und Weise komponiert. Kühl wird diese Geschichte erzählt, mittels Rückblenden, Vorgriffen, Collagen und variierten Wiederholungen schafft der allwissende Erzähler, der weniger erzählt sondern quasi wie einen Bericht erstattet ein großartiges Bild der beteiligten Personen und Dänemarks am Ende des 18. Jahrhunderts.

Faszinierend und gleichzeitig schockierend erlebt man den herbeigeführten psychischen Verfall des jungen Kronprinzen, der zum Zeitpunkt seiner Krönung keinen anderen Weg als die Flucht in Apathie sieht. Ausgestattet mit einer Königin, die er weder liebt noch vor der Hochzeit kannte, freut ihn nur das Theater und so fühlt er sich in seiner Rolle als König bald auch wie ein Schauspieler, dem nur noch der richtige Regisseur fehlt. Johann Friedrich Struensee übernimmt in seiner Eigenschaft als Leibarzt diese Rolle und beginnt, durch unzählige Dekrete (über sechshundert) die Aufklärung wild durchzupeitschen. Da Struensee einfach zu idealistisch unterwegs ist und auch in seiner Beziehung zur Königin nicht besonders sorgfältig im Verbergen von Beweisen ist, ist klar, dass da Feinde nicht weit sein können. Schon bald engt dieser Kreis der Feinde, allen voran Struensees Gegenspieler Guldberg, der auch Informator von Christians debilem Halbbruder ist, Struensee konsequent ein und beendet seine Tätigkeit mit einem Putsch.

Enquist meditiert vor der Kulisse Dänemarks unter anderem über die Frage, ob man um Gutes tun kann, ohne zu den Mitteln des Bösen zu greifen. Dass dieses Buch ein großes Buch geworden ist, verdankt es u.a. auch der Tatsache, dass Per Olov Enquist nie moralisiert, er unterlässt es durchgehend, Partei zu ergreifen. Dadurch entstand ein Roman in historischem Ambiente, der jedoch mit modernen (wenn auch historischen) und höchst lebendigen Figuren gespickt ist und einer packenden Handlung, die auf wohltuende Weise von schwülstiger Epik befreit ist.

Mit wuchtiger Symbolik und feinen Anspielungen auf den in diesem Kontext unvermeidlichen Hamlet, Bibelzitaten und einer glasklaren Prosa; schafft Per Olov Enquist mit Der Besuch des Leibarztes" ein wahres Meisterwerk der Literatur.
Absolute Empfehlung.
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38 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Bewegend und Essentiell - Literatur von höchstem Rang, 5. November 2003
Per Olov Enquist beschreibt die Ereignisse in zwei Jahren der Revolution in dem kleinen niedergehenden Königreich Dänemark am Ende des 18. Jahrhunderts. Enquist interessiert sich mit tiefer Empathie für die Menschen, die Abläufe und Prozesse, wie sie „ticken" und zueinander stehen. Königin Caroline Mathilde, schön, romantisch und eigensinnig, Tochter des englischen Königs, die Einheirat in das dänische Königshaus geschieht aus politischem Kalkül - Struensee, ein deutscher Arzt, intelligenter Aufklärer mit „schwieriger", rätselhafter Persönlichkeit, der ihr Geliebter wird - Der geistig gestörte König Christian, der eine erstaunliche seherische Gabe und Sensibilität hat, aber die meiste Zeit verwirrt und mit sich selbst beschäftigt lebt - der mächtige Gegenspieler Guldberg, intelligent, doch hässlich, unbeliebt und, sein besonderes Problem, impotent.

Struensee tritt in die Geschichte Dänemarks, indem er als Vormund des Königs Christian bestellt wird. Er beginnt die offene politische Chance zu ergreifen, die Regierungsgeschäfte auch inhaltlich selbst zu gestalten - Zug um Zug entsteht sein Masterplan demokratischer Reformen in Dänemark. Er verliebt sich in die Königin Caroline und sie haben ein Kind, geduldet, wenn nicht beinahe gewünscht von König Christian, der doch vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Christian mag Struensee und beginnt, beide fast als Eltern zu sehen - seine Mutter reagiert auf ihn allenfalls kalt, wenn nicht ablehnend. Einer der vielen bewegenden Passagen in diesem Buch, die Einordnung von Christians psychischen Problemen.

Doch der revolutionäre Umschwung, von Regierungsseite verordnet, scheitert. Struensee bezieht zum einen die Bevölkerung in keiner Weise ein, ferner gibt er sich distanziert gegenüber den Mitteln der Machtausübung und ignoriert das bestehende Machtgefüge. Endgültig scheitert er daran, die tief verwurzelten Verhaltens- und Glaubensgrundsätze seiner Zeit durch den Ehebruch mit der Königin und dem unehelichen Kind verletzt zu haben. Doch schlussendlich deuten auch seine Gegner die Stimmung nicht richtig, der Wunsch nach demokratischen Reformen ist nicht mehr aufzuhalten, auch wenn Struensee und einer seiner Gehilfen hingerichtet werden. Ganz Europa folgt bewegt, erstaunt und interessiert den demokratischen Entwicklungen in Dänemark und dem Schicksal seiner Akteure.

Enquist stellt Fragen, die genauso nicht in Geschichtsbüchern beantwortet werden können. Vorsichtig und tastend die Beobachtungen prüfend und wiederholend umkreist er die Ereignisse und die Akteure -es entstehen emotional packenden Momente, tiefgehende Porträts von Menschen, intellektuell fordernde Passagen, spannendes darüber, wie Politik funktioniert, wie Machtgefüge funktionieren. Er wird dem spannenden Stoff in einer skeptischen und fragenden Betrachtungsweise gerecht und findet einen genuin literarischen Ton.

Einfach eines der besten Bücher, dass ich je gelesen habe.

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17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Der Arzt auf dem Schaffott, 12. Januar 2002
Diese Rezension stammt von: Der Besuch des Leibarztes (Gebundene Ausgabe)
Dieser Mann ist ein Arzt, wie er im Buche steht: freundlich, hilfsbereit und so gut zu den Menschen, dass er in den Armenvierteln Altonas des 18. Jahrhunderts lieber die Volksimpfung voranbringt, statt gut bezahlte Anstellungen zu wählen. So stellt man sich idealistische Auklärer vor. Doch als ihm eines Tages angetragen wird Leibarzt beim absolutistischen König Christian VII. zu werden, willigt er ein, geht nach Dänemark und nimmt nach und nach den Raum ein, den ihm der geisteskranke König gewährt, um sich politisch zu betätigen. Struensee erlässt in seiner kurzen Zeit am Hof über 600 Gesetze, bis er auf dem Schaffott endet.
Aber die Aufklärung allein ist es nicht, die ihn umbringt, sondern seine Liebesbeziehung zur Königin. Der Gatte duldet sie genau so wie die gemeinsame Tochte mit Struensee. Die Höflinge nutzen aber die anstößige Liaison, um sich Struensees zu entledigen, der den Lesern als charaktervoller und einfühlsamer Freund und Liebhaber dargestellt wird.
Man mag kaum weiter lesen, als Struensee alle Warnungen ausschlägt und als Opferlamm endet, bevor er im Kerker noch lange Reueschriften verfasst hat. Das empört uns Leser, haben wir doch auf 300 brilliant geschriebenen, nie langweiligen Seiten erfahren, wie klug und vom Geist der Aufklärung überzeugt der Leibarzt aus Altona ist.
Per Olov Enquist hat die Sympathielenkung geschickt aufgebaut, so dass gut nachzuvollziehen ist, wie der junge Goethe sich über die vermeintliche Reue des Eingekerkerten Aufklärers aufregte. Selbst Katharina die Große kann die Hinrichtung nicht verhindern, was der Autor in einem Kurzbericht notiert, der so sachlich und stakkatohaft verfasst ist, wie das stumpfe Geräusch des Henkerbeils, das den jungen Mann gnadenlos zerteilt. Das versammelte Volk, so bemerkt die geschockte Leserschaft, zieht immerhin lautlos ab und jubelt nicht.
Enquist hat die Spannung so aufgebaut, dass wenigstens das beruhigende Wissen über die große französische Revolution bleibt, die Struensees Schergen über kurz oder lang entmachten wird. Und es verwundert nicht, dass Enquist dieses Thema wie schon etlich vor ihm (u.a Hebbel) aufgegriffen haben, um das Scheitern eines großen Individuums zu zeigen, das trotz - oder gerade wegen? - Ehebruchs und Amtsanmaßung unser aller unumschränkte Sympathie erhält. Das Buch hält die gefällige Waage zwischen historischem Roman, Liebesgeschichte und psychologischer Studie.
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