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Schande
 
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Schande (Taschenbuch)

von J. M. Coetzee (Autor), Reinhild Böhnke (Übersetzer)
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (59 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 284 Seiten
  • Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 7 (April 2002)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3596150981
  • ISBN-13: 978-3596150984
  • Originaltitel: Disgrace
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12,4 x 2,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (59 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 5.741 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

David Lurie ist schon in seinem eigenen Leben kein Held, geschweige im dem von jemand anderem. Mit 52 Jahren ist der Protagonist von Schande am Ende seines beruflichen wie auch seines Liebeslebens angelangt und scheint geradezu absichtlich mit dem Unglück zu flirten. Seit langem Professor für Neuere Philologien am Cape Town University College in Kapstadt, wurde er kürzlich zum Assistenzprofessor für Kommunikation derselben Einrichtung degradiert, die mittlerweile ostentativ in Cape Technical University umbenannt wurde.

Obwohl er seiner neuen Disziplin täglich viele Stunden widmet, findet er deren erste Prämisse, wie sie im "Communications 101"-Handbuch formuliert ist, geradezu absurd: "Die menschliche Gesellschaft hat die Sprache erfunden, damit wir unsere Gedanken, unsere Gefühle und unsere Absichten einander mitteilen können." Seiner Ansicht nach -- die er für sich behält -- liegen die Ursprünge der Sprache im Gesang, die Ursprünge des Gesangs wiederum in der Notwendigkeit, die übergroße und ziemlich leere menschliche Seele mit Klang zu erfüllen.

David, der bereits zweimal geschieden ist und dessen äußerliche Anziehungskraft nachläßt, verführt auf ziemlich unbarmherzige Weise eine seiner Studentinnen; sein unschickliches Verhalten wird bald aufgedeckt. In seinem achten Roman wäre J.M. Coetzee vielleicht damit zufrieden gewesen, eine tiefgründige akademische Satire zu schreiben. Aber in Schande hat er sich weitaus mehr vorgenommen, und seine Kunst ist so kompromißlos wie seine Hauptfigur -- allerdings auch unendlich komplexer. Nicht bereit, das Spiel der öffentliche Reue mitzumachen, läßt sich David schließlich feuern -- eine letzte Geste der Verachtung. Nun, denkt er, kann er sich hinsetzen und etwas über Byrons letzte Lebensjahre schreiben -- keine leere, ungelesene Kritik, "Prosa als Meterware" sozusagen, sondern ein Libretto. Zu diesem Zweck reist er in die Ost-Kap-Provinz zur Farm seiner Tochter. Lucy, die Mitte Zwanzig ist, kehrte dem Schick der Stadt den Rücken und lebt nun auf fünf Hektar Land vom Blumen- und Gemüseanbau und einem Hundeasyl. "Nichts könnte einfacher sein", denkt David. In Wirklichkeit könnte nichts schwieriger sein -- oder, jetzt im neuen Südafrika, gefährlicher. Weit davon entfernt, die Zuflucht zu sein, die er gesucht hat, ist in Salem kaum etwas sicher. Gerade als sich David in seine vorübergehende Rolle als Landarbeiter und wenig begeisterter Freiwilliger im Tierheim eingelebt hat, werden er und Lucy von drei schwarzen Männern überfallen. Unfähig, seine Tochter zu beschützen, ist Davids Schande nun komplett. Ihre ist allerdings weitaus größer.

Es gibt in Coetzees schmerzlichem Roman viel mehr zu erkunden, und wenig davon ist tröstlich. Es wäre zu einfach, seinen Titel aufzugreifen und Schande als eine komplizierte Aufarbeitung persönlicher und politischer Schande und Verantwortung zu betrachten. Aber das Anliegen des Autors ist die Geschichte seines Landes, die Brutalitäten und der Verrat. Coetzee setzt sich auch mit der Frage auseinander, wieviel Seele und wieviele Rechte wir Tieren zugestehen. Nach dem Überfall nimmt David seine Rolle im Hundeasyl viel ernster und findet schließlich eine Art Zuhause und ein gewisses Maß an Liebe. In Coetzees The Lives of Animals, vor kurzem in der Schriftenreihe der Princeton University erschienen, erzählt eine alternde Romanschriftstellerin ihren Zuhörern, daß die Frage, die alle Labor- und Zootiere beschäftigt, lautet: "Wo ist mein Zuhause, und wie komme ich dorthin?" Obwohl er im Vergleich zu den ungewollten Tieren, die in seiner Obhut sind, geradezu allmächtig ist, ist David letztendlich genauso gefangen und genauso verloren wie sie.

Schande ist geradezu gewollt einfach. Und doch besitzt es seine ganz eigene magere,herzzerreißende Lyrik, vor allem in den Beschreibungen der ungewollten Tiere. Am Anfang der Geschichte erklärt David seiner Studentin, daß Lyrik den Leser entweder sofort anspricht -- "eine plötzliche Offenbarung und eine plötzliche Reaktion" -- oder überhaupt nicht. Coetzees Buch spricht da anders; seine Schichten und Traurigkeiten wickeln sich endlos ab. --Kerry Fried -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Der Spiegel

Leben wie ein Hund
J.M. Coetzees Roman „Schande“ gehört zu jener Klasse von Büchern, die am Ende kein Leser unerschüttert zuklappen und weglegen kann. So geradlinig, so einfach, so unmissverständlich erscheint Schritt um Schritt, was da erzählt wird – und verdichtet sich doch zu einem Albtraum, aus dem sich kein Fluchtweg öffnen will. Wie kann es sein, dass ein so schmerzendes, so schonungsloses und verzweiflungsschweres Buch eine in der ganzen westlichen Welt gefeierte Bestseller-Karriere gemacht hat?

Sicher scheint, dass bei diesem Erfolg keine PR-Maschine mit mächtigem Wind und Getöse am Werk war, und sicher scheint auch, dass „Schande“ nicht zu jenen hochgejubelten Büchern gehört, die eifrig gekauft und eifrig verschenkt, aber kaum wirklich gelesen werden.

Der Erfolg dieses Romans erklärt sich, ganz einfach, zuerst und zuletzt durch seine Stärke, seine Intensität, seine Unwiderstehlichkeit. Er ist eine Wucht. Natürlich war Coetzee, als „Schande“ 1999 zuerst in England erschien, längst ein international anerkannter, von der Kritik für seine (meist sehr sperrig konstruierten) Romane bewunderter und gefeierter Autor: Da war einer, der ohne parteiliche Rhetorik vom Unheil seiner Heimat Südafrika Zeugnis ablegte und dabei immer wieder – sozusagen auf Augenhöhe mit seinen bewunderten Vorbildern Kafka und Beckett – die eindringlichsten Bilder für die notwendige und vergebliche Mühsal des Daseins überhaupt fand.

All das gilt uneingeschränkt auch für „Schande“, nur dass sich Coetzee nun von allen kunstfertigen Umständlichkeiten des Erzählens frei gemacht hat und sich ohne Umschweife vom ersten Satz weg dicht an seinen Unglückshelden anschließt; der Nahblick fördert die Identifikation des Lesers, und die Zeitform des Präsens erzeugt größte Unmittelbarkeit, größte Aktualität. „Schande“ geht mit dem zupackenden Realismus eines Kriminalromans zur Sache und entwickelt rasch auch dessen Ereignis-Sog; dass man das Buch so gebannt wie einen Krimi lesen kann, ohne die Kunst wahrzunehmen, die bei aller Unauffälligkeit darin steckt, gehört zu seinen besonderen Kunst-Qualitäten.

„Schande“ ist kein verkappter Ich-Roman. Den feinen Abstand, den der wissende Erzähler seinem Helden gegenüber immer wahrt, mag man seine Ironie nennen: Er weiß ja nur zu gut, wie rasch und tief der Mann fallen wird, der sich (im ersten Satz des Buchs) einiges darauf einbildet, sein Leben „recht gut im Griff“ zu haben. „Im Rahmen seines Einkommens, seines Temperaments, seiner emotionalen Möglichkeiten“ glaubt dieser Mann (den der Erzähler selbst nie mit Namen nennt), glücklich zu sein, ja, er ist sich seines Glücks so sicher, dass er sich (als eines der ersten Zitate in diesem zwecks Selbstvergewisserung mit Zitaten gespickten Text) den Schlusschor aus dem „König Ödipus“ von Sophokles in Erinnerung ruft: „Darum preis ich niemals glücklich eines Sterblichen Geschick, Eh’ den letzten seiner Tage er gesehn hat.“

Dieser Mann, von Beruf Literaturprofessor, kann, wenn es um Lyrik geht, verführerisch elegant und brillant sein, doch er ist ein entschieden zu selbstgefälliger und hochmütiger Macho, um sich als Sympathiefigur zu behaupten. Er muss fallen. Das „Ödipus“-Zitat signalisiert seinen Fall wie eine Fanfare, und die Perfidie des Schicksals besteht, wie es scheint, darin, dass die Lawine, die das ganze sorgsam austarierte bürgerliche Leben dieses Mannes in den Abgrund reißt, durch nicht mehr als einen läppischen Zufall und eine winzige Regelverletzung oder Grenzüberschreitung ausgelöst wird: Er erspäht in einer Menschenmenge die Prostituierte, zu deren Stammkunden er gehört, und er nimmt, statt Abstand zu wahren, aus Neugier ihre Verfolgung auf.

Das ist der Fehltritt am Scheideweg, der den respektierten Universitätslehrer ein für alle Mal aus der vorgezeichneten Lebensbahn wirft. Wenig später sieht er sich des sexuellen Missbrauchs einer Studentin namens Melanie beschuldigt, die leicht seine Tochter sein könnte. Es war, so meint er, „keine Vergewaltigung, nicht ganz“ jedenfalls (aber was sonst?), und vor dem akademischen Disziplinarausschuss, der den Fall untersuchen soll, provoziert der routinierte Verführer seine Kollegen mit Arroganz; er verteidigt sein Menschenrecht (oder doch Männer-Recht) auf sexuelles Begehren, er bekennt sich zu der Affäre und verklärt sie poetisch: „Ich war nicht mehr ich selbst. Ich wurde Diener des Eros.“ Coetzee entfaltet dieses Szenario mit großartig realistischer Schärfe, und alle (wohl dosierte) Sympathie, die dem selbstgerechten Täter dabei doch zufällt, entspringt der noch viel bornierteren Selbstgerechtigkeit seiner Gegner. David Luries Stolz verbietet ihm, sich auf die heuchlerischen Reuerituale einzulassen, mit denen er glimpflich davonkommen könnte; er wählt – an diesem Scheideweg Herr seines Schicksals – die Entlassung in Schande.

„Sie hat in mir ein Feuer entfacht“, erklärt er, ein Vierteljahr später, zu seiner „Verteidigung“ in einem kühnen Dialog mit Melanies Vater, und stilisiert sich zum Opfer einer geradezu heiligen Leidenschaft. Lurie zeigt sich unbeugsam, obwohl ihn inzwischen – bei dem brutalen Überfall, den drei schwarze Halunken auf die einsame Farm seiner Tochter Lucy verübten – ein ganz anderes Feuer versengt und zutiefst erniedrigt hat: Man hat ihn wehrlos gemacht, mit Spiritus übergossen und in Brand gesteckt. Dieser Raubüberfall ist das Verbrechen im Zentrum des Kriminalromans „Schande“, und sein wahres Ziel war, wie Lucy meint, ihre qualvolle, hassvolle Vergewaltigung.

Nach dieser existenziellen Katastrophe für Vater wie Tochter wird Lucy in ihrer sturen Verschlossenheit zur unergründlichen Rätselfigur im Mittelpunkt: Von Rache will sie nichts hören, und nicht aus Hoffnungslosigkeit, wie es scheint, sondern aus dunkler, irrationaler Überzeugung zeigt sie sich desinteressiert an der Verfolgung der Täter. Als sei ihr recht geschehen, schickt sie sich in ihre Lage, in ihre Realität, in ein Leben „wie ein Hund“. Im letzten Satz von Kafkas „Prozess“ sind die Worte „Wie ein Hund“ das Letzte, was K. im Augenblick seiner Hinrichtung durch den Kopf geht.

Coetzees Roman „Schande“ ist von der Kritik in Europa wie in den USA sofort in seiner Außerordentlichkeit erkannt worden und hat gewiss bei der Nobelpreis-Entscheidung im Jahr 2003 eine gewichtige Rolle gespielt. Es ist aufs Offensichtlichste ein Roman, der die Zustände im heutigen Südafrika trifft – die Kritik hat das betont, und Coetzee (seit je extrem öffentlichkeitsscheu und jeder Selbstinterpretation abgeneigt) scheint ihr in einem Interview zum Erscheinen des Buchs im US-Magazin „Newsweek“ Recht zu geben. Man könne sich vorstellen, sagt er, dass viele weiße Südafrikaner sich in einem „Zustand des Schocks“ befänden: „Im tiefsten Grund haben viele noch immer nicht erkannt oder eingesehen, dass das Leben nicht weitergehen kann wie zuvor.“ Genau deshalb ist der Roman in Südafrika (und nirgends sonst) auch mit Empörung aufgenommen worden, die in einer Parlamentsdebatte gipfelte. Sei es, weil Coetzee die Schwarzen verteufle, oder sei es, weil er den Weißen keine Zukunft mehr zubillige – der Protest klang, als wäre „Schande“ eine Schande für das Land.

Coetzee hat dazu (wie zu früheren Angriffen) nie Stellung genommen, doch er hat im Jahr 2002 seiner Heimat den Rücken gekehrt und sich in Australien angesiedelt, wo nun auch sein jüngster Roman „Zeitlupe“ spielt.

Doch Coetzees Diagnose gilt keineswegs nur für Südafrika. Der elende größere Teil der Menschheit lebt von den Idealen, die in der Erklärung der Menschenrechte postuliert wurden, so weit entfernt wie eh und je: Diese verzweifelte Feststellung lässt sich treffen, wo immer in einer multiethnischen Gesellschaft – in Südafrika, auf dem Balkan oder in Berlin – archaische Ehrbegriffe und aufgeklärtes Rechtsverständnis aufeinander prallen.

„Schande“ ist aber (was die Kritik beim Erscheinen des Buchs kaum zur Kenntnis nahm) auch ein Roman über die Kunst: In Luries Reflexionen über das Scheitern seiner europäisch weichen, beweglichen Sprache an der harten, unnachgiebigen Realität Afrikas und in seinem tagträumerischen Phantasieren über eine Lord-Byron-Oper, die er schreiben möchte, wird deutlich, wie sehr er, der „moralische Dinosaurier“, sich als Künstler versteht: An seinem Kunst-Traum hält er fest, weil nur die Kunst (im Gegensatz zum wirklichen Leben) Erlösung verheißt.

So bleibt für ihn, auch wenn er sich einen „alten Knastbruder“ nennt, „der seine Strafe absitzt“, sein Künstlertum, seine Hoffnung, „dass irgendwo aus dem Chaos von Klängen eine einzige authentische Note der ewigen Sehnsucht aufsteigen wird“, das höchste, uneinnehmbarste Bollwerk seines Stolzes.

Doch zuerst und zuletzt ist Coetzees „Schande“ auch ein Roman über die Hunde. Sie sind als treue, geduldige, leidende Kreaturen allgegenwärtig. Die Hunde, sagt Lucy, „ehren uns, indem sie uns wie Götter behandeln, und unsere Reaktion darauf ist, dass wir sie wie Gegenstände behandeln“. Am Ende versucht David Lurie – so einsam in seiner Schicksalsergebenheit wie seine Tochter Lucy in ihrer – ein wenig von diesem Unrecht gutzumachen. Die letzte Station seines Passionswegs zeigt ihn nicht (wie man sich das sentimentalerweise vielleicht wünschen möchte) als Pfleger in einem Sterbehospiz für aidskranke Kinder, sondern als Abdecker in einer Sammelstation für streunende Hunde: Er ist – in Trauer wie in Liebe – ihr Erlöser, er gibt ihnen den Gnadentod. Mehr, so meint er am Ende wohl, kann man in dieser Welt nicht tun. „Darum preis ich niemals glücklich eines Sterblichen Geschick, Eh’ den letzten seiner Tage er gesehn hat.“

Nachwort von Urs Jenny zu Schande. SPIEGEL-Edition Band 14 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.


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62 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Wie eine ganze Welt zerbricht, 3. Juni 2006
Von ludwigwitzani (Köln) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REVIEWER)   
Bei seiner Größe, seiner ansehnlichen Gestalt, seinem Teint und wallendem Haar konnte er immer mit einer gewissen Aufmerksamkeit rechnen. Wenn er eine Frau auf eine gewissen Weise ansah, dann erwiderte sie seinen Blick, darauf konnte er sich verlassen" heißt es in dem vorliegenden Buch über Professor David Lurie, einen Dozenten für englische Literatur an der Universität von Kapstadt. "Und dann war eines Tages plötzlich alles vorbei. Ohne Vorwarnung wich seine Anziehungskraft von ihm. Über Nacht wurde er zum Gespenst. Wenn er eine Frau haben wollte, musst er sie zu verfolgen lernen." (Seite 13) Das ist bitter, und kein Wunder, dass der Frühfünfziger, dem die Erfolge nun nicht mehr in den Schoß fallen, sich immer öfter in seine Studentinnen verguckt, je jünger und je schöner, desto verlockender. Moralische Skrupel sind Professor Lurie fremd, "weil die Schönheit einer Frau nicht ihr allein gehört. Sie ist ein Teil der Aussteuer, die sie mit in die Welt bringt. Sie hat die Pflicht, sie zu teilen."(S. 24) Die Studentin Melanie Isaacs ist jung und schön und von der aufdringlichen Präsenz des Herrn Professors hinlänglich eingeschüchtert, dass sie sich ihm ohne Beigeisterung, fast mit erkennbarerem Widerwillen, aber pflichtschuldigste hingibt. Ein Freund der Studentin macht die Affäre schließlich publik, und da sich David Lurie in erstaunlicher Selbstgerechtigkeit weigert, sich zu entschuldigen oder anderweitig Einsicht zu zeigen, wird er entlassen. Unschlüssig, wie sein Leben weitergehen soll besucht er seine lesbische Tochter Lucy auf ihrer kleinen Farm in Grahamstown, auf der sie eine Hundepension betreibt und nebenher Gemüse zieht. Vater und Tochter haben noch gar nicht recht wieder aneinander gewöhnt, da werden sie Opfer eines schrecklichen Überfalls. Drei Schwarzafrikaner überfallen die kleine Farm, erschießen alle Hunde, vergewaltigen Lucy und versuchen Lurie, der seiner Tochter zu Hilfe kommen will, zu verbrennen. Mit Glück überleben beide, doch der Riss, den diese Schandtat in Lucys Leben aufgerissen hat, will nicht mehr verheilen. Die Polizei in Port Elisabeth nimmt den Vorfall auf, doch wirkliche Hilfe ist nicht zu erhoffen, zu groß ist die Gesetzlosigkeit auf dem Land, und es ist nur eine Frage der Zeit, so hießt es an einer Stelle des Buches, bis ein älterer weißafrikanischer Farmer, der in Lucys Nachbarschaft der Gewalt nicht weichen will, mit einer Kugel im Rücken gefunden werden wird. Dementsprechend resigniert ergibt sich die Tochter den neuen Realitäten Südafrikas: sie verzichtet auf eine Anklage gegen die drei Verbrecher und verschweigt die Vergewaltigung, um der öffentlichen Schande zu entgehen- allerdings vergeblich wie sich herausstellt, weil die Täter ihre Tat bekannt machen. Professor Lurie, der für sein schandhaftes Verhalten mit Recht von der Universität geflogen ist, will das nicht verstehen, doch alles Drängen, die Täter zu verfolgen verpufft an der realistischen Phlegmatik der Tochter. Am Ende wird sie sogar die Zweit- oder Drittfrau eines erfolgreichen schwarzafrikanischen Farmers, der allein ihr vor weiteren Übergriffen der nicht gefassten und auch nicht verfolgten Täter Schutz bieten kann. Sie wählt ein Leben in der Kapitulation, auf dem untersten Niveau der Anpassung,, während der Vater seine Krise durch die Komposition einer Oper zu bewältigen sucht. Beides sind zutiefst melancholische Reaktionen von Menschen, die in ihrer veränderten Heimat nicht mehr zurechtkommen. Coetzee hat auf höchstem literarischen Niveau das Drama einer Welt im Wandel verfasst, fokussiert auf die Nussschale zweier Einzelschicksale, die dem Untergang der weißarfrikanischen Kultur am Kap auf je unterschiedliche Weise erleiden. Es ist ein sprachlich ungemein prägnantes, poethologisch durchkonstruiertes Werk - vor allem aber ist es ein ehrliches Buch, dass nicht dafür zurückschreckt, wenigstens die Grundkonturen der Massenkriminalität anzudeuten, in die die südafrikanische Gesellschaft seit dem vielumjubelten Wandel am Kap versinkt. Umso erstaunlicher, dass ein solch realistisches Buch sogar den Beifall der literarischen Schickeria fand und seinem Verfasser zum Booker Price und zum Nobelpreis verhalf.

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20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
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Von hanjo-s@t-online.de (Stuttgart, Deutschland) - Alle meine Rezensionen ansehen
Diese Rezension stammt von: Schande. Roman. (Gebundene Ausgabe)
Eine kritische Betrachtung von J. M. Coetzees Roman Schande muß schon mit der Umschlaggestaltung der deutschen Ausgabe beginnen. Ein südafrikanischer Autor, ein Roman aus Südafrika, das kann in den Augen der Gestalter des S. Fischer Verlags offensichtlich nur ein Problem zwischen Schwarz und Weiß behandeln. Das Coverfoto einer jungen Weißen mit einem zur Hälfte schwarz gemalten Gesicht ist ein beredtes Beispiel für die gedankenlose grafische Umsetzung des Inhalts. Es ist fast so, als wollte man eine Ausgabe von Romeo und Julia mit einem niedlichen Herzchen zusammenfassen. Ganz anders die Originalausgabe, die ganz und gar leer und weiß ist, nur mit dem Namen des Autors versehen und mittendrin, ganz winzig, das Wort Disgrace. Die damit gezeigte Leere, das Tabula rasa, das zaghafte Wort, das sind tatsächliche Aspekte des Buches.

Auch der Titel Schande ist problematisch. Zwar bedeutet das Wort Disgrace Schande, aber auch Erbärmlichkeit und Ungnade. Was und wer erbärmlich ist oder in Ungnade gefallen, darüber wird zu reden sein. Schande wird meist verstanden als Ahndung eines die gesellschaftlichen Normen verletzenden Verhaltens und diese Normen sind zumeist alte, überlebte Ansichten von Ehre und Moral. Deswegen begegnen wir dem Begriff fast nur noch im Zusammenhang mit dem Aufbegehren gegen heuchlerische Zwangsmoral. Das aber ist nicht Thema des Buches von Coetzee.

David Lurie ist niemand, der mit Bedacht jungen Mädchen nachsteigt. Seine sexuellen Bedürfnisse regelt er mit professioneller Hilfe. Das hat etwas Hygienisches, Sachliches an sich, wie der Gang zur Fußpflegerin. Seine Affaire mit der Studentin Melanie, die schließlich zu seinem Ausscheiden aus der Universität führen wird, hat einen anderen Hintergrund. Er ist Professor für Literatur, er ist ein Verehrer von Byron. Das Thema das Lurie später bei seinem Libretto behandeln wird ist die romantische Liebes- und Lebenslehrerschaft des reifen Poeten zu einem jungen bildbaren Mädchen. Das derlei Beziehungen immer verkappte Sexinteressen verfolgen ist nicht seine Schuld. Da ist auch er Kind einer entsprechenden Kultur. Insofern ist der Begriff Schande für dieses Verhalten ein heuchlerischer Ausdruck und sicherlich nicht Titelgeber für das Buch.

Das Buch dagegen durchzieht ein permanenter Niedergang. Vordergründig ein persönlicher, Rückstufung vom Professor zum Assistenzprofessor, Verjagung aus dem Amt, Vertreibung aus seinem sozialen Umfeld und als Endstation Assistent bei der Tötung überzähliger Hunde. Eigentlich aber geht es um den Niedergang dessen, was wir als westliche Kultur betrachten. Schon die Universität scheint sich davon zu verabschieden, indem sie sich nüchternen Themen zuwendet und sich in Technische Universität umbenennt. Sprache soll in ihr nicht mehr als abgehobene literarische Ausdrucksform, sondern nur noch als Kommunikationsmittel gelehrt werden. Dafür ist der Schöngeist jedoch überqualifiziert und folglich wird er zurückgestuft. Die Studenten interessieren sich auch nicht für seine Themen. Er sitzt sozusagen auf einem langsam verdorrenden Ast. An diesem Niedergang leidet Lurie und deshalb ist er auch nicht bereit und zu stolz, um seine Affaire mit Melanie unter dem politischen Gesichtspunkt der sexuellen Belästigung abhandeln zu lassen. Für ihn geht es hier um geistige Besitzstandwahrung.

Die um sich greifende Entliterarisierung der Sprache bringt ihn auch dazu, dem geschriebenen Wort mehr und mehr zu Mißtrauen. Bei seiner Auffassung, Sprache sei Klang, der die Leere der Seele füllt, muß er, um dem allgemeinen Kommunikationsgeschwafel zu entgehen, auf den Gesang ausweichen. Aber auch da ist der allgemeine Niedergang nicht aufzuhalten. Die fülligen Arien weichen bei fortschreitender Beschäftigung kleinen, klagenden Stimmchen. Die opulente Orchestermusik wenigen Streichern und schließlich einer verstimmten Kinderukulele „plink-ploink". In dem Motiv der von ihm projektierten Oper wird meines Erachtens dieser Niedergang auf der Ebene der Kultur, wie er sie versteht, thematisiert. Dieser Niedergang scheint das Einzige zu sein, was ihn wirklich leiden läßt. Dagegen läßt er nicht erkennen, ob ihn sein gesellschaftlicher Abstieg wirklich anficht. Eher scheint er ihn als eine Befreiung zu empfinden.

Coetzee gilt nach Aussage verschiedener Rezensenten als ein Verfasser von Fabeln. Seine Personage illustriert also beispielhaft Allgemeineres. Dies ist auch der Eindruck, den das Buch vermittelt. Zumal seine Figuren nicht besonders fein gezeichnet sind. Sie scheinen Platzhalter für „Problemgruppen". Bezogen auf die heutige südafrikanische Gesellschaft lassen sie sich ohne viel Mühe zuordnen. Lurie als Vertreter der herkömmlichen westlich gebildeten englischstämmigen weißen Oberschicht. Seine Tochter Lucy als Zusammenfassung der bodenständigen, trotzig abgekapselten Buren. Schließlich Petrus, als Repräsentant der das Land ergreifenden, sich neu einrichtenden schwarzen Bevölkerung. Das sind zugleich die Komponenten, die in Südafrika zusammenfinden müssen oder untergehen. Angesichts der Geschichte von Apartheit und Unterdrückung kein Unterfangen, für das es Patentrezepte gäbe oder das ohne schmerzende Einschnitte, Verletzungen und Racheversuche abginge.

Das Buch als Schilderung individueller Schicksale zu begreifen, heißt sicherlich, es mißzuverstehen. Es ist ein politisches Buch, ein kulturkritisches Buch, ein Buch, das Fragen nach dem Wie und Warum des Wandels in einer Zeit des allgemeinen Umbruchs stellt und seine Begleiterscheinungen beispielhaft schildert. Es bietet keine Lösung, es konstatiert. Angesichts der Tatsache, daß Coetzee sich schon in anderen Büchern mit dem Verhältnis des Menschen zu den Tieren beschäftigt hat und eine neue, partnerschaftliche Sicht des Verhältnisses einfordert, nimmt es nicht Wunder, daß dieses Motiv auch in Schande einen breiten Raum einnimmt. Mir scheint es nicht nur eine Episode zur Schilderung der Tiefe von Luries Fall zu sein. Unser „Vor die Hunde gehen", was sich aufdrängt und wohl meint, zu deren Fraß zu werden, erklärt sich in der englischen Version von „Going to the dogs" eher als das was er meint. Es mag den Ausschluß von der menschlichen Tafel meinen, den „Katzentisch", den Napf und die Gesellschaft der Hunde. Hierin, in einer dünkellosen, bescheidenen, den eigenen vermeintlichen Wert relativierenden Haltung, scheint einer der Lösungsvorschläge zu liegen, die das Buch anbietet. Lucy wird in Sicherheit leben können, wenn sie den burischen Besitzanspruch aufgibt und sich in die afrikanische Familie der neuen Landbesitzer integriert. Das ist etwas, was sie bei aller Verletzung spürt. Insofern kann sie eine Hoffnungsfigur für eines der südafrikanischen Probleme sein. David gibt seinen Anspruch kultureller Überlegenheit auf und entdeckt die Seele der Hunde und schmerzhaft auch die der anderen „Underdogs". Petrus erweist sich nach einem bitteren Moment der Rache als Stabilitätsfaktor und seine Familie, die auch die Rächer einschließt, als mögliches Refugium. Das alles sind Aussichten, die uns Europäern oder europäisch Geprägten quer im Halse stecken bleiben. Aber eine Botschaft des Buches kann sein: Wir müssen schlucken oder wir werden ersticken.

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19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Ergreifend genial, 9. Dezember 2003
Von Ein Kunde
Eine ergreifende Geschichte über das Leben, die Begierde und Hoffnung, das Berechnende im Menschen, das Enttäuscht-Werden, das Ins-Leben-Geworfen-Sein und nicht zuletzt die Liebe. Der Roman ist für mich so eine Art Initiationsgeschichte, weil er zeigt, wie ein Mann mittleren Alters entdeckt, dass es nicht nur das Mittelklasseleben (hier: an der Universität in Kapstadt) gibt, sondern auch andere Werte und andere Kämpfe, den ums Überleben, den um die Durchsetzung der eigenen Ideale, der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Immer wieder verdeutlicht das Buch, dass der Mensch ein kultiviertes Wesen ist, seine Lebenskraft jedoch aus ursprünglichen und schwer zu zügelnden Quellen schöpft. Es ist damit Gesellschaftskritik in seiner höchsten Form, weil es die Unterdrückung der Natur des Einzelnen zugunsten materieller Vorteile der Gemeinschaft anprangert. Es gibt kein zurück. Einmal Mensch, muss ich wohl den angeborenen und anerzogenen Gesetzen gleichermaßen folgen. Das traurige und zugleich ermunternde Fazit dieses Werkes ist, dass jeder diese Aufgabe für sich allein lösen muss.
Brilliante Sprache, knapp und trocken, klar und intelligent, die Seele nur gelegentlich aber deutlich fühlbar durchscheinen lassend, passend zu diesem Mann an diesem Ort. Der Übersetzer hat ganze Arbeit geleistet. (Andreas Viebke)
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Die Unerwünschten
Südafrika nach Ende der Apartheid. David Lurie, alternder Literaturprofessor und Protagonist des 1999 bei Secker & Warburg erschienenen Romans Schande... Lesen Sie weiter...
Vor 9 Monaten von M. Hennig veröffentlicht

5.0 von 5 Sternen Lilicht
Diesen Schriftsteller sollte man unbedingt für sich entdecken. Seine Erzählungen spielen in Südafrika. Lesen Sie weiter...
Vor 10 Monaten von Gerhard Littau veröffentlicht

2.0 von 5 Sternen "Schande" ... ja, aber für wen ?
Für den Roman(anti)helden oder für den Autor ? Das ist die Frage, wie sie sich für mich stellt. Coetzees Universum (Camus' Etranger lässt grüssen) und sein Stil sind, was sie... Lesen Sie weiter...
Vor 11 Monaten von iv veröffentlicht

5.0 von 5 Sternen Ein Buch für die Desillusionierten
Auf dieser Welt reden die Leute gern, jeder und jede hat seine oder ihre Theorien, alle wüssten etwas besser zu machen, dieses oder jenes zu ändern, alle haben ihre Meinungen und... Lesen Sie weiter...
Vor 15 Monaten von Simon Lampart veröffentlicht

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