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von Winfried G. Sebald
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Die literarische Verarbeitung des Luftkrieges bei Autoren wie Arno Schmidt, Peter de Mendelssohn, Hermann Kasack u.a., hält er wohl mit Recht für zu marginal, um seine These nachhaltig zu erschüttern. Der an jene gerichtete Vorwurf allerdings, "pseudoästhetische Effekte aus den Trümmern einer vernichteten Welt" zu produzieren, mag nun wohl etwas zu üppig dosierter polemischer Toback sein.
Die heftigen Proteste auf seine Vorlesung von Seiten der üblichen Verdächtigen auf der Linken und der naturgemäß unerwünschte Applaus auf der Rechten hat Sebald veranlaßt, der Buchveröffentlichung noch eine ergänzende Antwort an Gegner und falsche Freunde beizufügen.
Als Schmankerl zum Schluß, von der Sache her vielleicht nicht ganz logisch, bietet uns Sebald noch einen Essay über Alfred Andersch als Beispiel für Eitelkeit, Selbstüberschätzung und Anmaßung eines ansonsten durchaus sympathischen Autors. Wer die halbwegs deftige, aber grundsätzlich an der Sache interessierte Polemik schätzt, wird an diesem Buch seine Freude haben. Das Thema verdient in jedem Fall Interesse. --DTH -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Gert Ledigs Roman über die Grauen einer Bombennacht
Von Jochen Hörisch
Wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, dann gibt, so Goethes Tasso, ein Gott dem Dichter zu sagen, was und wie er leidet. Noch das Unsagbare formulieren zu können, noch das, was einem aus sirrendem Glücksüberschwang, aus überwältigender Rührung oder aber aus einem Übermass an Grauen die Sprache verschlägt, in Worte bannen zu können das ist einem alten poetologischen Motiv gemäss das genuin dichterische Vermögen. Orpheus weiss nicht nur, was im Reich von Eros und Thanatos geschieht. Er kann diesem Geschehen auch Ausdruck verleihen. Die Tradition ästhetischer Theoriebildung hat dem Problem des Nicht-Ausdrucksfähigen beziehungsweise Nicht-Repräsentierbaren unter dem Titelwort «Das Erhabene» nachgedacht. Es macht (vor allem als negativ Erhabenes, wie Kant das Grauen sachlich benannte) verstummen. Fast.
Mehr als fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwartsliteratur, W. G. Sebald, seine vielbeachteten Zürcher Poetikvorlesungen unter den Titel «Luftkrieg und Literatur» gestellt. Sie sind jetzt in überarbeiteter Form im Hanser-Verlag erschienen (vgl. auch NZZ vom 22. 11. 1997). Seine These: eine massenhaft geteilte, unvergessliche, grauenhafte Erfahrung, die der Bombennächte des Zweiten Weltkrieges, ist nicht eigentlich literaturfähig geworden. Es folgten erregte Debatten mit Hinweisen auf die Werke von Wolfgang Borchert, Hans Erich Nossack, Siegfried Gräff, Eberhard Panitz und anderen. Dabei erinnerten gleich mehrere Teilnehmer dieser Diskussion an den 1956 erschienenen Roman von Gert Ledig, der schon im Titel deutlich macht, dass die alliierten Bomben nicht ohne Vorgeschichte auf Hamburg, Köln, Nürnberg, Dresden und viele andere deutsche Städte fielen und dort eine Bevölkerung traumatisierten, die zu übergrossen Teilen Hitlers beispielloser Vernichtungspolitik eines totalen Krieges zugejubelt hatte: Vergeltung.
Der tatsächlich beste Roman zum Thema Bombennächte in Deutschland ist nun wieder aufgelegt und so dem Vergessen oder auch der Verdrängung entrissen worden (der damals 35jährige Autor lebt heute am Ammersee). «Wollt ihr den totalen Krieg?» die Antwort auf Goebbels Frage war eindeutig: ein frenetisches Ja aus Zigtausenden deutschen Kehlen im Berliner Sportpalast. Dieses «Ja» hallt nach, obwohl und weil es heute aus nachvollziehbaren Gründen keiner mehr hören will. Das Trostlose an der Naziherrschaft war eben, dass sie massenhaft gewollt war. Der totale Krieg kam. Und mit ihm der alliierte Luftkrieg gegen deutsche Städte und ihre Bewohner.
Um den Rang von Ledigs Prosa zu bestimmen, ist ein Seitenblick in deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1947 produktiv. Der Dokumentarregisseur Heinrich Breloer hat sie gesammelt und 1984 herausgegeben, in Enzensbergers Anderer Bibliothek liegen einige dieser literarisch unprätentiösen und hilflosen Texte «normaler» Deutscher wieder vor. Lisa S. aus Hamburg schreibt: «Am Montagmorgen, 26. 7. 43, versuchte ich dann, in die Stadt und nach meiner Firma zu kommen. Am Sonnabend hatten wir nämlich den ersten schweren Angriff auf Hamburg. [. . .] Ach, was sah ich alles! Bilder des Schreckens und der Zerstörung. Fast jedes Haus war beschädigt oder ausgebrannt.»
Dagegen Ledigs Roman. Er beginnt hochsachlich (wie der «Mann ohne Eigenschaften») mit einer chronologischen Notiz: «Mitteleuropäische Zeit 13.01». Folgt ein bekanntes Zitat einer, wenn nicht der zentralen Gründergestalt mitteleuropäischer Kultur: «Lasset die Kindlein zu mir kommen.» Und dann heisst es vom hohen Mittagsgeschehen in Mitteleuropa: «Als die erste Bombe fiel, schleuderte der Luftdruck die toten Kinder gegen die Mauer. Sie waren vorgestern in einem Keller erstickt. Man hatte sie auf den Friedhof gelegt, weil ihre Väter an der Front kämpften und man ihre Mütter erst suchen musste. Man fand nur noch eine. Aber die war unter den Trümmern zerquetscht.» Ein alliierter Pilot stürzt ab und fällt unter die Feinde. Eltern suchen jenseits jeder Fassung ihre Kinder. Fanatische Hitler-Soldaten stossen auf Leute, die noch Restbestände ziviler Impulse haben. Auf den knapp zweihundert Seiten des Romans werden Geschichten erzählt, deren Fäden sich zu keinem konsistenten Webmuster mehr konfigurieren lassen.
Der Faden ist gerissen. Trümmerliteratur in jedem Wortsinne. Aber Literatur eben auch, die dem Gewicht noch der vollends zerstörten Welt standhält. Einen souveränen Erzähler kann es in diesen Kontexten nicht mehr geben. Ledigs Roman wechselt die Perspektiven so schnell, wie der Kollaps der jeweils das Grauen Erlebenden es erfordert. Die biographischen Daten der Menschen, die im Bombenhagel zusammengeführt und auseinandergerissen werden, stehen wohlgeordnet und knapp den Schreckensberichten voran, die dem Spiel des narrativen Verwebens von Geschichte und Lebensgeschichten ein Ende machen. Gert Ledigs Roman erzählt von dem, was keine konsistente Erzählung mehr sinnvoll repräsentieren kann.
In seinem Essay «Der Erzähler» hat Walter Benjamin schon 1936 die Krise des Erzählens darauf zurückgeführt, dass «die Leute verstummt aus dem Felde [des Ersten Weltkriegs] zurückkamen. Nicht reicher ärmer an mitteilbarer Erfahrung. [. . .] Und das war nicht merkwürdig. Denn nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch die Materialschlacht, die sittlichen durch die Machthaber.» Der Zweite Weltkrieg hat diesen Worten eine ungeheure Durchschlagskraft gegeben. Gert Ledig hat eine Weise des Schreibens gefunden, die nicht nur zehn, sondern auch mehr als fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Bestand hat. Dass wir wenige Jahrzehnte nach 1945 in Mitteleuropa so leben, wie wir leben, ist und bleibt unheimlich. Eine angenehme Unheimlichkeit, von der sich gut erzählen lässt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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