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Von Löwen- und Hasenherzen
Carlos Fuentes' Roman «Die Jahre mit Laura Díaz»
Geschichte kann man immer wieder erzählen und immer neu. Der Mexikaner Carlos Fuentes, einer der fruchtbarsten Autoren Lateinamerikas, hat die Geschichte seines Landes schon oft gestaltet, als Tragödie und Groteske, als Utopie, Experiment und literarisches Spiel. In seinem neuen Roman «Die Jahre mit Laura Díaz» kehren die Helden und Unholde des vergangenen Jahrhunderts noch einmal wieder, vom ewigen Präsidenten Porfirio Díaz über die legendären Rebellenführer Emiliano Zapata und Pancho Villa zu der zweifelhaften Galerie «institutionalisierter» Revolutionäre an der Staatsspitze, nicht zu vergessen jenen, der 1968 den Studentenprotest auf dem Platz von Tlatelolco zusammenschiessen liess.
Wegen dieses staatlichen Gewaltakts hatte Fuentes seinerzeit Mexiko verlassen. 1968 ist für ihn, wie für so viele Intellektuelle rund um die Welt, ein Schlüsseldatum und eine verpasste Chance. Sein neuer Roman läuft auf dieses Ereignis zu wie auf ein Verhängnis; die emphatische Tonlage, in der er Hoffnung und Begeisterung der Studenten nachzeichnet, erinnert an die romantischen Barrikadenkämpfe in Victor Hugos «Les Misérables». Doch anders als für Hugos Helden gibt es bei Fuentes keine Rettung; Santiago, der hochherzige Studentenführer, gehört zu den Opfern der Repression; seine Witwe darf die Leiche betrachten, begraben darf sie sie nicht. «In der Stadt darf es morgen keine fünfhundert Trauerzüge geben. Werft sie in ein Massengrab. Lasst sie verschwinden.» Laura Díaz, der Grossmutter Santiagos, gelingt es, ein kleines Schild an seinem rechten Fuss zu befestigen mit der Aufschrift «Santiago der Dritte 19441968. Eine Welt, die noch zu schaffen ist». Auch ein Epitaph.
Carlos Fuentes erzählt auch deshalb immer wieder von politischen Gewalttaten in seinem Land, weil sich diese unaufhörlich reproduzieren. Sie legen eine zyklische Deutung und Gestaltung selbst nahe. Die Toten von 1968 sind die Nachkommen derer von 1910, Santiago der Dritte ist ein Wiedergänger seines Grossonkels, des ersten Santiago, der im Namen des Diktators Porfirio Díaz erschossen und ins Meer geworfen wurde. Die Fortdauer des krassen sozialen Ungleichgewichts zeugt neue Gewalt; zuletzt das übersteigt den Horizont des Textes bei den Indios von Chiapas, für die sich Fuentes nachdrücklich eingesetzt hat. Die verzweifelte, fast hoffnungslose Liebe des Autors zu seinem Land, das die Ausbeutung der Armen hinter revolutionärer Rhetorik verbirgt, um sie um so schamloser praktizieren zu können, spricht, wie aus dem ganzen Werk des Autors, so auch aus seinem neuen Roman.
Noch einmal also das Trauerspiel Mexikos, auf fast 600 Seiten, über sechs Generationen und fast hundert Jahre. Noch einmal jener Stoff, dem der inzwischen 72jährige Autor schon Romane, Erzählungen und Essays in imponierender Anzahl (teilweise auch imponierender Qualität) abgerungen hat. Der neue Versuch hat indes nicht die Kraft der vorangehenden weil er nicht deren Mut hat. In «Terra Nostra» etwa oder «Christoph, ungeborn», den ambitiösesten Vorgängern, erfasste die «unmögliche» Geschichte Mexikos auch die Form, zwangen die Ereignisse ihre Darstellung in eine jeweils neue, nie vorher eingeschlagene Richtung. «Die Jahre mit Laura Díaz» sind dagegen eine konventionell erzählte Chronik bekannter Ereignisse, die sich meist im Hintergrund abspielen. Hier wird die Geschichte zum Panoptikum, das in aller Eile vorbeizieht und nicht mehr als ein paar Aha-Effekte auslöst.
Mit der Titelfigur gibt sich Carlos Fuentes viel Mühe. Die Tochter eines Bankdirektors mit der in Lateinamerika obligat skurrilen Verwandtschaft, die der Autor zum Teil der eigenen Familienüberlieferung entnommen hat entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit überkommenen Rollen und diversen Männern zur selbstbewussten Persönlichkeit, ja zur Künstlerin. Ein Emanzipationsroman à la mexicaine also, der sich vor allem mit der Vorstellung des Mannes als Held auseinandersetzt. So lässt Laura ihren Mann, einen umjubelten Arbeiterführer, brutal fallen, als sie den ängstlichen, biederen, trägen Kern hinter der glänzenden Fassade erkannt hat.
Zum Glück naht bald ein Ersatzheld in Gestalt eines spanischen Bürgerkriegs-Flüchtlings. Der zweifelt allerdings selbst am Sinn seines Einsatzes, weil er ein junges Mädchen nicht vor dem Erschiessungskommando und ein anderes nicht vor der Deportation retten konnte, und büsst sein «Versagen» im Kloster, wo er beim Reinigen der Latrinen die Heilkraft der Erniedrigung erlebt. Lauras dritter Liebhaber hat zwar ebenfalls im Bürgerkrieg brilliert, später aber vor dem McCarthy-Ausschuss Namen preisgegeben. Als sie erkennt, dass in der Männer Brust mal ein Löwen-, mal aber ein Hasenherz schlägt, löst das bei Laura einen Läuterungsprozess aus es sind nicht die besten Männer, die sie für Helden gehalten hat und beim Leser die Erkenntnis, dass mit dem ganzen Heldenwesen sprich: dem Machismo etwas nicht ganz in Ordnung sein kann.
Dieser Prozess kommt allerdings Lauras erstem Mann nicht zugute, den der Autor nicht weniger schnöde abserviert als seine Heldin: Nachdem er ihn über Hunderte von Seiten als Pantoffelhelden hat schlurfen lassen, bereitet er ihm einen schmählichen Tod auf der Toilette. Selten ist eine literarische Figur von ihrem Schöpfer so denunziert und exekutiert worden, wobei sogar der gerade erst erhöhte Bewusstseinsstand seiner Heldin unterschritten wird. Auch der Zusammenhang zwischen Machismo und politischer Gewalt, der sich doch hier geradezu aufdrängt, wird literarisch nicht weiter verfolgt.
Überhaupt zeigt sich Carlos Fuentes in diesem Roman seinem Vorhaben nur noch teilweise gewachsen. Ästhetisch sind «Die Jahre mit Laura Díaz» geradezu ein Monstrum, zusammengesetzt aus grossen Gesten und kraftlosem Gefuchtel, aus Al-fresco-Malerei und kleinlichem Gekritzel, aus Gold und Stroh. Immer wieder gelingt es Fuentes, seinen Leser mit grandiosen Porträts zu packen unvergesslich jener Priester, der seine Gemeinde mit Tugendterror in Atem hält und dann mit dem Kirchenschatz durchbrennt , immer wieder schwingt er sich zu rhetorischen und lyrischen Höhen auf, erweist er sich noch einmal als grosser Sprachmagier. Auf die lange Strecke freilich hält er dieses Niveau nicht durch. Darunter hat vor allem die Titelgestalt zu leiden. Allzu schematisch wirkt ihre Emanzipation, mehr behauptet als vollzogen; allzu abrupt die Metamorphose zur Künstlerin; schwer erträglich schliesslich die zahllosen Monologe und Dialoge, die oft so klingen, als hätten alle Teilnehmer langjährige Therapien hinter sich. «Kunst war Auswahl», sagt Laura Díaz einmal. Der Autor hat diesen Satz nicht unbedingt beherzigt. Dem Leser indes kann er bei der Lektüre helfen.
Martin Ebel -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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