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von Erik Fosnes Hansen
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von Carole L. Glickfeld
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von Per O. Enquist
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Momente der Geborgenheit ist ein Wälzer, der von Geschichten nur so überquillt, doch die Struktur ist klar gegliedert.
Es beginnt damit, daß der alte Bolt, ein reicher, nicht unbedingt beliebter Industrieller stirbt. Er liegt aufgebahrt in der alten Kapelle und seine Nichte Lea, die schon einige Zeit bei dem kauzigen alten Mann gelebt und ihn lieb gewonnen hat, spielt ein letztes Stück für ihn.
Währenddessen lauscht Bolt der Melodie und fragt sich, wie es eigentlich dazukam, daß ausgerechnet er und Lea aufeinander treffen konnten. Ihn haben schon immer die Verkettungen von merkwürdigen Umständen interessiert, die "konkret und entscheidend auf die Biografien eines oder mehrerer Menschen einwirkten."
Dabei schweifen seine Gedanken zurück zum Anfang des Jahrhunderts, als ein junger Mann nach einem Unfall Assistent des Leuchtturmwärters auf einer einsamen, kargen Insel wird und sich eine zarte Liebesgeschichte entwickelt.
Erik Fosnes Hansen ist ein Autor mit einer wunderbar poetischen Sprache und großem Erzähltalent. Hier hat er zu einem weiten Wurf angesetzt, der möglichst in einem Zug gelesen werden sollte, damit sich bei der Lektüre, die Feinheit der Komposition entfalten kann. Am Ende des Buches läßt er seine Leser voll Spannung zurück, denn er schließt lediglich den ersten Teil ab. Hoffentlich folgt der zweite in Kürze.-- Manuela Haselberger -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Erik Fosnes Hansens Roman
«Momente der Geborgenheit»
Mitunter glaubt man sich in Karen Blixens Welten versetzt, wenn man sich in Erik Fosnes Hansens jüngsten Roman, «Momente der Geborgenheit», vertieft. Der Norweger, der vor einigen Jahren mit seinem «Titanic»-Buch «Choral am Ende der Reise» Furore gemacht hat, bevorzugt exotische Schauplätze und ferne Zeiten. Sein Roman, der mit unseren Sehnsüchten und Phantasien spielt, ist aus vier Sätzen komponiert.
Das Buch entführt uns in das Italien der Frührenaissance, und in getragenem, ja schleppendem Duktus und samtener Sprache sinniert der Dichter über die Altartafel eines unbekannten Meisters, «Die Madonna mit der Orange», die auf rätselhafte Weise Kranke zu heilen vermag. Ganz anders, nämlich satt und spannungsgeladen, präsentiert er eine aufwühlende Dreiecksgeschichte, die auf einer Insel in der rauhen und unbarmherzigen See des Nordens spielt. Hier, im maritimen Milieu, ist Fosnes Hansen in seinem Element. Havarien und Katastrophen sind seine Spezialität. Und er versteht es, Stimmungen aufzubauen, etwa wenn er uns mitnimmt in die Unterwelt eines Bergwerks, wenn er die Stille schildert, den Fehltritt des Ingenieurs, die Todesangst. In Begleitung dieses Mannes, eines Abenteurers namens Wilhelm Jeremias Bolt, schickt er uns aber auch in das schwärzeste Afrika, und Jahrzehnte später landen wir im sozialdemokratischen Norwegen, wo einer jungen Frau eine Riesenerbschaft in den Schoss fällt, nachdem sie der Zufall in Bolts Haus (und Bett) geführt hat.
Teil eines Projekts
«Momente der Geborgenheit» ist ein voluminöses Werk, ein Buch, das sich an Leser richtet, die über reichlich Zeit verfügen, und gleichwohl ist der Band nur der erste Teil eines grösseren Projekts. «Momente der Geborgenheit» ist auch ein Essay-Roman, in dem viel sinniert und ausgiebig reflektiert wird, ein Roman, dessen Tiefsinn dann und wann gekünstelt und aufgesetzt wirkt. Der Autor hat viel gelesen, und er verarbeitet Sekundärliteratur zur Bienenzucht und Leuchtturmkunde, zur Mineralogie und so manchem anderen Fach. «Zufall» ist aber das Schlüsselwort seines Buchs, der Zufall, der wie ein Meteor einschlägt, der das Leben abrupt verändert, der Zufall, den aber der Romancier als souveräner Herr seiner Geschichten planvoll einzusetzen versteht.
Mit einer Theorie des Zufalls beschäftigt sich Wilhelm Jeremias Bolt. Sein Hobby ist die Erforschung der Serialität, und er hinterlässt ein Archiv voller wunderlicher Geschichten, wie etwa jener von dem Handelsvertreter William in New York, der den Aufzug vom 46. zum 54. Stock nehmen will, vor der Fahrstuhltür aber von einem unerklärlichen Angstanfall zurückgehalten wird und die Kabine nicht betreten kann. Während die Umstehenden den Mann beruhigen, stürzt der Fahrstuhl ab, und alle Passagiere kommen ums Leben. Zu dieser Geschichte gehört auch, dass William im gleichen Jahr einen Sohn bekommt. Früher sprach man von «Schicksal» oder «Fügung», wenn nicht gar von «Vorsehung». Wir sprechen von «Zufall» (oder von Grossstadtmythos) und staunen. Und dem «Zufall» vermögen wir schwerlich einen Sinn abzugewinnen. Oder etwa doch?
Sinnhaftes Zusammentreffen
Serialität (C. G. Jung spricht von Synchronizität) ist das offenkundig sinnhafte Zusammentreffen von Dingen, zwischen denen kein kausaler, ursächlicher Zusammenhang besteht. In New York wurden in den fünfziger Jahren bei den Gesundheitsämtern Jahr für Jahr durchschnittlich zwischen 72,6 und 75,3 Hundebisse pro Tag gemeldet. Die Zahl blieb konstant, obwohl jeder Biss von allen anderen Bissen kausal unabhängig und das Resultat einer Verkettung aussergewöhnlicher Umstände war und obwohl keiner von New Yorks Hunden wusste, dass er zuschnappen musste, um die Bissquote zu erfüllen. Voneinander unabhängige Ereignisse scheinen einer Gesetzmässigkeit zu gehorchen, der wir nicht auf den Grund kommen. Fosnes Hansen bringt zwar die Wahrscheinlichkeitsrechnung ins Spiel, die sich mit der Vorsehbarkeit von Ereignissen beschäftigt, fragt sich aber gleichwohl, ob im Universum neben dem kausalen nicht auch ein akausales Prinzip wirksam sei, welches Einheit und Aufbau anstrebe.
Gibt es ein universell wirksames Prinzip der biographischen Zufälle? Der Titel von Fosnes Hansens Roman wörtlich übersetzt nicht «Momente», sondern «Erzählungen» oder auch «Berichte über Geborgenheit» suggeriert, dass wir uns durch Geschichten vor dem Chaos, vor der Willkür des Zufalls schützen können. Und unsere Identität wird zweifellos geprägt von den Geschichten, den Stories, die wir hören. Wenn man einen Kaffeebaum pflanzt und die Pfahlwurzel knickt, dann spriessen zahllose Würzelchen, schreibt Karen Blixen einmal, und sie fährt fort: «Diese Würzelchen sind die Träume des Baumes. Indem er sie aussendet, macht er sich frei von Gedanken an seine verborgene Hauptwurzel, und sie erhalten ihn am Leben eine Zeitlang wenigstens, nicht sehr lange.»
Aldo Keel -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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