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Carlos Fuentes erzählt von der «gläsernen Grenze»
Von Katharina Döbler
Der Rio Grande/Rio Bravo, der Grenzfluss zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Mexiko, ist ein sehr symbolisches Gewässer: symbolisch für den tiefgreifenden Unterschied zwischen Nord und Süd, dem reichen und dem armen Nachbarn.
In seinem neuesten Roman beschreibt Carlos Fuentes, der gegenwärtig wohl bekannteste und gewiss produktivste Prosaschriftsteller Mexikos, diese bedeutsame Grenze. Er beschreibt sie als gläserne Trennwand, durchsichtig, aber nicht durchlässig; wem gestattet ist, sie von Süd nach Nord zu überschreiten, der gehört zu den Privilegierten. Für die anderen ist der Grenzübertritt illegal, eine Übertretung; auf der Suche nach einer besseren Zukunft, nach Reichtum oder auch nur um des materiellen Überlebens willen. Von Nord nach Süd dagegen überquert man den Fluss meist zu touristischen, seltener zu geschäftlichen Zwecken.
ANTAGONISMUS
Fuentes, als Harvard-Professor, Diplomat und Träger internationaler Preise selbst Grenzgänger von höchsten Ehren, richtet seinen beobachtenden und scharfen Blick auf beide Seiten. Seine Parteinahme allerdings für die Armen und Rechtlosen, seine Sympathie für die Mexikaner diesseits und jenseits der Grenze ist deutlich. Der entsprechende Diskurs der siebziger und achtziger Jahre, die Dritte-Welt-Theorien und Anklagen wider den US-Imperialismus haben sich mittlerweile Fuentes hat dieses Buch 1995 geschrieben zu einem vielschichtigeren und vielfältigeren, aber grundsätzlich noch immer dialektischen Verständnis des Gegensatzes von Nord und Süd gewandelt. Der Roman ist als Zyklus von neun Erzählungen gebaut, die zunächst gar nichts, oder nur sehr weit entfernt, miteinander zu tun haben; manche spielen dort, wo El Paso, Texas, und Juárez, Mexiko, durch einen Fluss getrennt und durch eine Brücke verbunden sind. Einige spielen in den USA, andere in Mexico City. Ihre Helden sind: ein Mitglied der mexikanischen Oligarchie, eine Arbeiterin, ein Krimineller, ein Grenzpolizist, ein Taxifahrer, ein Medizinstudent, ein junger Schriftsteller, eine Hausangestellte, ein Schlepper und so weiter, quer durch das soziale Panorama; sie sind Mexikaner, Gringos, Chicanos.
Fuentes' notorische Kritik an der politischen und wirtschaftlichen Elite seines Landes findet in diesem Buch ihren Niederschlag im Porträt des Don Leonardo Barroso: Landbesitzer, Patriarch, Aufsteiger und gerissener Geschäftspartner der Gringos. Er verheiratet seine Patentochter kaltschnäuzig mit seinem missgestalteten Sohn, um sie dann zu seiner Geliebten zu machen. Er verfrachtet seine Landsleute als moderne Arbeitssklaven nach New York, und seine Geschäfte sind nicht immer legal. So wie Don Leonardo exemplarisch skrupellos und böse dasteht, erscheint dagegen in einer anderen Erzählung Josefina, die bescheidene mexikanische Hausangestellte, trotz ihrem schweren Leben der Mann unschuldig im Gefängnis und die Hausherrin ein ausgesprochenes nordamerikanisches Ekel exemplarisch würdevoll und gut. «Michelina war wie eine Nonne in einem Ordenskleid von Yves Saint Laurent, anstelle des Rosenkranzes trug sie eins dieser Coco-Chanel-Täschchen mit Goldkette» fast alle Figuren dienen, wenn auch nicht in solch extremer Weise, als Repräsentanten ihres sozialen Status und ihrer Nationalität und damit den grundsätzlichen und dialektischen Absichten des Autors.
IRONISCHER DREH
Und doch gelingt es der kraftvollen und mitreissenden Sprache, sie lebendig werden zu lassen; vielleicht liegt dies auch an dem ironischen Dreh, mit dem Fuentes immer wieder Klischees vom Latin Lover über die blonde Gringa bis zu kosmetisch operierten High-Society-Damen aufbläst, bis sie beinahe bersten. Die Übersetzung allerdings bewegt sich nicht ganz auf der originalen sprachlichen Höhe. Sie transformiert manche Sätze zu fast schon unverständlichen langschwänzigen Monstren (spanische Satzkonstruktionen kann man im Deutschen nun einmal nicht in endlos aneinandergehängten Relativsätzen wiedergeben) und neigt auch sonst zu Ungeschicktheiten.
Das gemeinsame Auftreten all der nur lose miteinander verknüpften Figuren in einem Roman bekommt seine Rechtfertigung erst im letzten Kapitel, das die Fäden der einzelnen Erzählungen noch einmal aufgreift und zum Finale bündelt. Tatsächlich muss man diesen Text von seinem furiosen Ende her begreifen, um ihn überhaupt zu begreifen. Dass sich plötzlich so viele Schicksale in einem entscheidenden und gewaltsamen Ereignis kreuzen, erinnert an das Konstruktionsprinzip der «Brücke von San Luis Rey». Aber Fuentes lässt sein Buch nicht, wie Thornton Wilder, in die Einsicht eines sich erfüllenden Schicksals münden, sondern in einen Schwebezustand, in dem (fast) jedem der Akteure noch viele Möglichkeiten bleiben; so dass man eher von einem synthetischen Höhepunkt sprechen kann als von einem Schluss jedenfalls was das Erzählerische betrifft.
Aber da das Erzählen in diesem zutiefst politischen Werk eher zweitrangig ist, gibt es doch noch einen richtigen Schluss, einen weltanschaulich und zugleich ironisch paraphrasierenden: «Nördlich vom grossen Fluss, / südlich vom wilden Fluss, / die Worte sollen fliegen, / armes Mexiko, / arme Vereinigte Staaten, / so fern von Gott, so nahe beieinander.»
Dieser harmonische oder eher symmetrische Schlusschoral nimmt Fuentes' fundamentaler Kritik an den USA die Einseitigkeit. (Eine Kritik, die er, wenn man García Márquez glauben darf, auch beim Mittagessen mit Präsident Clinton übt.) Und dieweil die Szene wie in einer filmischen Totale erstarrt, flattern Zettel mit Manuskripten junger Chicano-Autoren über den Fluss: Flugblätter im wahrsten Sinne des Wortes. Und die mexikanischstämmigen jungen US-Amerikaner mit den zweifachen kulturellen Erfahrungen erscheinen als Hoffnung für die Zukunft, ihre Literatur als Synthese des amerikanischen Nord-Süd-Antagonismus. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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