Neue Zürcher Zeitung
Herr Moses in Berlin
lx. Moses Mendelssohn hat nicht nur Philosophiegeschichte, sondern auch Stadtgeschichte geschrieben, dann nämlich, wenn man sich seine Berliner Beiträge zum «Deutschtum zur Zeit der Aufklärung» vor Augen führt. Heinz Knobloch, 1994 Empfänger des Moses-Mendelssohn-Preises der Stadt Berlin, ist in seiner kleinen Anthologie den «Spuren des Menschenfreundes» Mendelssohn gefolgt, und das Pikante an dieser Spurensuche ist vielleicht, dass sie im Grunde schon 1974 also zu DDR-Zeiten stattgefunden hat. Was hat sich seither verändert? Vieles, allzu vieles. Statt nun aber larmoyante «Wende»-Defizite aufzuzählen, tut der Autor auch für die Neuausgabe seines Mendelssohn-Buches nichts anderes, als was er siebzehn Jahre zuvor schon getan hat: Moses Mendelssohn als Symbolon einer toleranten jüdischen Existenz in der Stadtgeschichte Berlins zu verankern.
Kurzbeschreibung
Moses Mendelssohn, Schriftsteller und Philosoph der Aufklärung, geistiger Mittelpunkt des Berliner Kreises, hat wie kaum ein anderer die Kultur der Stadt im 18. Jahrhundert geprägt. Mendelssohn war Jude. Er übersetzte das Alte Testament und die Psalmen ins Deutsche. Kant, Nicolai und Lessing waren seine Freunde. Als Philosoph und Prediger der Toleranz errang er europäischen Ruhm, Mitglied der Berliner Akademie durfte er nicht werden, denn bürgerliche Rechte besaß er als Jude nicht.
Heinz Knobloch hat in seinem Buch eine Lebensgeschichte des Mannes vorgestellt, der Lessing als Vorbild für
Nathan den Weisen diente. Knobloch spürt den in Dokumenten und in der Stadtgeschichte erhaltenen Spuren dieses beeindruckenden Lebens nach. Alte Straßen und Häuser, Bilder, Dokumente und verblassende Zeichen auf dem jüdischen Friedhof verdichten sich. Sie lassen Mendelssohn lebendig werden, der zwischen Juden und Deutschland zur Zeit der Aufklärung um Verständnis warb.