Aus der Amazon.de-Redaktion
Seltener dürften sie geworden sein, die Augenblicke, an die der Faust'sche Stoßseufzer im Titel gemahnt. Allein die eisigen Szenen der Eheauflösung, ein zentrales Kapitel in Boris Beckers Erinnerungen, lassen glücklich vermählte Normalbürger ungläubig erschauern. Gott sei dank, gab es im Leben des jüngsten Wimbledon-Siegers aller Zeiten auch lichtere Augenblicke, an die sich der Weltstar aus Leimen nun dankbar und wehmütig erinnert.
In der wabernden Biomasse dieses heißen Selbstvermarktungsherbstes hat Bobbele nicht die besten Karten. Andere waren im allgemein grassierenden Bekenntniswahn schneller und der Leser der versammelten Indiskretionen bald müde. Doch wo sonst kaum Erhellendes aus der Villa zu Tötensen, Küblböckhausen sowie Veronas Uterus ans Licht drang, hat unser Mann einiges zu sagen.
Schockierendes erfährt man: Irritierte Zuschauer, die Ende der 80er-Jahre einen auf dem Platz wild grimassierenden Becker erlebten, konnten nicht ahnen, dass der Turnierstress seinen Tribut forderte. Erfolgsdruck, Jetlag und ATP-Ranglistenhatz hatten den Tennisstar in ein sportlich-mentales Tief geführt. Alkohol und Schlaftabletten waren die Folge, ein Zustand, der bedrohliche Formen annahm. Natürlich lässt der Rasenplatzspezi noch einmal die großen Turniere Revue passieren. Doch bald schon befinden wir uns in der Welt der gewieften US-Anwälte in einer für Boris ungewohnt schweißtreibenden Zeugenbefragung, die an toughe TV-Gerichtsdramen denken lässt. Während Becker sich zum Kämpfer hochstilisiert, hält derweil im fernen Deutschland die Steuerfahndung wenig wohlmeinende Hausbesuche in sämtlichen Becker-Domizilen ab. Das System Becker drohte zu kippen!
Kaviar auf Käfers Silberplatten, Rauswurf von Bosch (mit fiesem Nachtreten), Disco P1, die Setlur. Changierend zwischen Centercourts, Papstaudienzen und Besenkammern (von BB diskret abgehandelt), erschließt sich dem Leser eine beunruhigende Scheinwelt aus Günstlingen, Trittbrettfahrern, Schönen und Reichen. Lästige Gerichtstermine geben Becker reichlich Gelegenheit zur Larmoyanz gegenüber dem undankbaren deutschen Staat.
Beckers literarische Wahrheitsfindung ist seinen Kindern Noah, Elias und Anna gewidmet. Bleibt zu hoffen, das diese in Papas (nicht immer sportlichen) edlen Personen- und Materialschlacht später einmal die Spreu vom Weizen zu trennen wissen. --Ravi Unger
Amazon.de Hörbuch-Rezension
"Der Kampf um mein Leben und meine Seele" sei dargestellt in seinen Erinnerungen, sagte der teilweise stark abgestürzte Ex-Tennisstar Boris Becker, der 1985 mit 17 Jahren als erster Deutscher und jüngster Spieler Wimbledon gewann, in einem Interview. Und machte schon im lyrischen Titel
Augenblick, verweile doch recht deutlich, dass er mit dem Memoirenband durchaus Anspruchsvolleres als einige Kollegen plane: "Wenn ein Leser mit dem kleinen Feldbusch oder aber mit Bohlen zufrieden ist -- in Ordnung! Ich allerdings habe ein anderes Verständnis von Niveau."
Wie unter Promis inzwischen üblich hat Becker Augenblick, verweile doch auch als Hörbuch, von ihm selbst gelesen, eingespielt. Da drängt sich ein direkter Hörvergleich zwischen ihm und Bohlen natürlich auf. Dabei zeigt sich: Bohlen liest besser als Becker. Wenn Ersterer mit seiner schnoddrigen Art erzählt, wie er mit einer sich zierenden Verona Feldbusch im Auto immer wieder um den Block fuhr, ohne dass das geschah, wofür er die Feldbusch eigentlich ins Auto eingeladen hatte, dann ist das auch akustisch witzig. Dafür hält sich Boris nicht lange mit Geplänkel auf. "Fünf Minuten Smalltalk, und schon ging's in der nächstmöglichen Ecke zur Sache", heißt es etwa zur Besenkammer-Episode mit Angela Ermakowa. Kurz darauf ereilt den verdatterten Star ein Fax: "Das Ergebnis unseres Meetings ist nun bereits im achten Monat."
Des Weiteren gibt es viel zu Hören von Erfolgen, Drogenexzessen und Wegen aus dem Sumpf bei Boris Becker. Und niveauvoller als Bohlens Bekenntnisse kommt Beckers Augenblick, verweile doch tatsächlich auch daher. Wer also etwas über die Höhen und Tiefen des Tennisstars erfahren will, der ist auch bei der Hörfassung gut aufgehoben. Also: Als Klangerlebnis ein Punkt für Bohlen, an Inhaltsschwere ein Punkt für Becker. Insgesamt also: Deuce. --Stefan Kellerer
Hörbuch, 4 CDs, ca. 260 Minuten.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.