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Tagelanger Schneefall
 
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Tagelanger Schneefall (Gebundene Ausgabe)

von David Albahari (Autor)
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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Das Buch des Scheiterns

David Albaharis «Tagelanger Schneefall»

Von Andreas Breitenstein

Gross scheint die Müdigkeit osteuropäischer Schriftsteller in diesen Tagen des ausklingenden Jahrhunderts. Die Verwerfungen einer zweifach totalitären Vergangenheit hinter sich, eine ungewisse Zukunft in Freiheit vor sich, überfällt manch einen die Sehnsucht, die Last der Geschichte ganz abzuwerfen. Dem Realsozialismus wohnte die Dauer weniger als utopische Hoffnung denn als faktischer Stillstand inne, doch konnte man sich auf die schlechte Ewigkeit zumindest verlassen. Es waren die kapitalistische Furie des Verschwindens und der nationalistische Hass, die den Sturz in die Zeit unumkehrbar gemacht haben. Seitdem es für die Macher aller Art kein Halten mehr gibt, ist den Intellektuellen der Glaube an den Fortschritt erst recht abhanden gekommen. Ob Bora Cosic («Interview am Zürichsee»), László Krasznahorkai («Der Gefangene von Urga»), György Konrád («Steinuhr») oder Emil Tode («Grenzland») – sie alle haben in den letzten Jahren die vergebliche Suche nach andersartigen Gewissheiten ins Zentrum programmatischer Texte gestellt. Gemeinsam ist ihnen eine Poetik der Verstörung: Das Scheitern der Protagonisten fällt in eins mit dem Ende des Erzählens, mit Dialog- und Rationalitätsverweigerung  sowie  Ich-Zerfall  und  mündet  in letzter Konsequenz ins Verstummen oder gar in den Tod.

Mitteleuropäische Meditation

David Albaharis «Tagelanger Schneefall» (1995) fügt sich nahtlos ein in diese Reihe mitteleuropäischer Meditationen. Der 1948 in Pec geborene serbisch-jüdische Autor, Verfasser zahlreicher Erzählungen und Kurzromane – bisher liegt einzig «Beschreibung des Todes» (1987, dt. 1993) auf deutsch vor –, lebt heute im kanadischen Calgary, wohin ihn 1994 ein Stipendium, aber ebenso der Zerfall seiner Heimat Jugoslawien führte. Im vorliegenden Buch hat Albahari die Erfahrung des Exils zu einem ausgedehnten Ich-Monolog verarbeitet, der die Begegnung zwischen Ost und West als einziges Missverständnis beschreibt.

Das Debakel ist vorprogrammiert: Der jugoslawische Schriftsteller hat wohl ein Auge für das ihn umgebende poetische Universum möglicher Sätze, durchaus jedoch keinen Sinn für die lebenspraktischen Notwendigkeiten eines Stipendiatenaufenthalts. Aus dem Haus, das ihm zur Verfügung gestellt wird, möchte er am liebsten gleich wieder ausziehen – stünde da nicht tatsächlich der Orangensaft im Kühlschrank, um den er zuvor brieflich gebeten hatte. Dieser allein – als Chiffre für die Poesie – vermag den Hass auf die akademische Welt zu lindern, in deren Fänge sich der Erzähler aus der alles durchdringenden Müdigkeit dessen begeben hat, dem das eigene Land, die Sprache und die Selbstverständlichkeit des Ich abhanden gekommen sind.

Der Schriftsteller weiss um den «Redeschwall», der ihn an der Universität erwartet, doch ausgerechnet für seinen Gastaufenthalt hat er sich das Schweigen verordnet. Den Weg aus seiner Zerrüttung, so glaubt er, können ihm allein Visionen weisen. Und tatsächlich löst sich ihm die Hoffnung, der Offenheit einer sprachlich noch unerschlossenen Welt gewahr und so des Schmerzes ledig zu werden, in wiederkehrenden poetischen Augenblicken ein. Halt an den Einzeldingen suchend (die Stadt selber sieht er nie), den fremden Alltag parataktisch durchbuchstabierend, entdeckt er die neue Welt in Bildern von ephemerer Schönheit. Die Sturzgeburt der Nacht am Ende des Tages, das erweiterte Blau des kanadischen Himmels, ein Mädchen im Fenster des Nachbarhauses, ein Berg, der sich wie eine «lange grosse Nase in die geordneten Häuserblocks hineingebohrt hatte», der «tagelange Schneefall»: Dauer, hier wird sie Ereignis.

Kunst des Selbstdementis

Allein, solche Passagen sind Lichtungen im Dickicht eines Bewusstseins, das mit verzweifeltem Witz, mit böser Satire und bitterer Ironie die Kunst des Selbstdementis betreibt. Bodenlos in ihrer Widersprüchlichkeit ist allein schon die Romananlage. Für einen Autor, dem das Vertrauen in die Sprache abhanden gekommen ist, kommt der Text gar eloquent daher. Irritierender noch: der Ich-Erzähler beschreibt als Untoter rückblickend sein eigenes Sterben.

Doch nicht genug der Manierismen: «Tagelanger Schneefall» ist gespickt mit Paradoxien und Zirkelschlüssen, mit Aphorismen und Phrasen, Hypothesen und Leersätzen, Wiederholungen und Spiegelungen. In der Figur des Schriftstellers verschlingen sich Narzissmus und Entsagung, Euphorie und Depression, Bekenntnisseligkeit und Verweigerung, Besserwisserei und Weisheit, Trotz und mystische Hingabe. Wenn es neben der Chronologie ein Ordnungsprinzip gibt, dann jenes der Gedankenflucht. Und doch ist der Text bei aller Anarchie zutiefst ästhetisch angelegt: Die einzelnen rhetorischen Motive verketten sich zu Mustern, diese wiederum zu Ornamenten von suggestiver Wirkung.

Man lasse sich von den Schwierigkeiten nicht abschrecken, Albaharis Buch liest sich mit einer wundersamen Leichtigkeit – vielleicht, weil sein intellektueller Überbau letztlich ein Nullsummenspiel darstellt. So sehr sich der Protagonist in den Kokon seines Denkens einspinnt, so wenig vermag er sich dem Drama des jugoslawischen Bürgerkrieges zu entziehen. Konkrete Auskunft erwartet man von ihm, und sei es als Small talk; über die Literatur soll er dozieren, aber auch über den Nationalismus. Seine eigene Borniertheit – so wird er nicht müde, das an der Universität vermittelte Wissen als platten Positivismus anzuprangern – kommt ihm in der Karikatur eines Dozenten der politischen Wissenschaften entgegen, der ihn bei jeder Gelegenheit darüber belehren zu müssen glaubt, warum es das «erfolglose Experiment» seines Landes gar nicht hätte geben dürfen:

«Nach dem Urteil des Professors gab es mich vielleicht auch gar nicht. Nach dem Urteil der Geschichte gab es mich sicher nicht. Nach meinem Urteil – ich wusste es nicht.»

Der «Historische Atlas von Mittel- und Osteuropa» – das «Gruselbuch» hat ihm der Politologe geschenkt – tut das Seine, dem Schriftsteller die Illusion auszutreiben, wahre Literatur bewege sich jenseits von Politik und Geschichte. Vielmehr ist dieser Glaube Teil jener Ideologie, mit der sich diese Weltgegend stets über ihr Gespensterdasein hinweg getröstet hat: «Nichts war dort beständig, nichts sicher, ausser dem ewigen Glauben an die Macht des Scheins.» In der platonistischen «Überzeugung, dass nur die Welt jenseits der Welt echt» sei, hat man hier über Jahrhunderte hinweg dem Tod Gewalt über das Leben eingeräumt.

Trostloser Trost

Ohne Kriege bleiben die Karten Osteuropas unverständlich. Nicht Orangensaft, dämmert es dem Erzähler, Blut ist die massgebliche Essenz. Geographie ist Schicksal, und auch die Geschichte lässt keinen aus ihren Fängen. Die Karten lügen nicht, wohl aber die Bücher – und so tapeziert er seine Räume voll mit historischen Plänen, die er im Keller des Hauses aufgestöbert hat. Als Kulisse allerdings erweisen sich auch diese, denn wie «die Worte immer langsamer [sind] als die Wahrheit», so bleiben auch die Bilder zurück hinter der Wirklichkeit. Die Welt in ihrer Faktizität ist auf Deutung nicht angewiesen. Nichts führt dem Schriftsteller die Vergeblichkeit seines Tuns lakonischer vor Augen als der gleichgültig fallende Schnee. Inbegriff des Wahren und Reinen, kann er vom menschlichen Ordnungswillen nur beschmutzt werden:

«Unsere Probleme entstehen gerade dadurch, dachte ich, dass wir ständig einen Gegenstand durch einen anderen erläutern wollen, als genügte er für sich alleine nicht. Wir möchten immer, dass die Dinge etwas anders sind . . .»

Wer dem Gefängnis der Rationalität entkommen will, muss auf die Sprache, ja aufs Denken verzichten – und eine Geschichte leben, statt sie nur zu erfinden. So ist es denn zugleich ein Akt der Revolte und der Resignation, wenn der Erzähler sich eines Nachts von einem Hasen aus dem Haus in den Schnee locken lässt und ihm auf den Berg hoch über der Stadt folgt. Hier, in der heiligen Leere, fällt die Angst von ihm ab, hier bleiben der Zweifel und das Zeitweh zurück, hier ist er endlich da, wo er immer sein wollte: «ausserhalb der Welt» und «mittendrin».

Der andere Zustand freilich – das ist der Tod. Die Trostlosigkeit dieses Trostes hat Albahari in ein abgründig ironisches Schlussidyll gefasst. Der zur Schneeskulptur erstarrende und seinen Tod überstehende Ich-Erzähler kündet nicht von Erlösung, sondern vom Schrecken der Immanenz. Es gibt keinen Sprung aus dem Schreiben, aussen ist hier immer schon innen. Literatur und Leben, Sprechen und Schweigen sind nur scheinbare Gegensätze. «Tagelanger Schneefall» giesst dieses Wissen in die Form einer erzählerische Endlosschlaufe. An ihrer Grenzenlosigkeit scheitert auch das Verstehen. Der Leser verschwindet im Bild, der Protagonist tritt aus ihm heraus – und einen imaginären Augenblick lang öffnet sich ihnen das Exil, in dem ein jeder Dichter zwischen Welthunger und Daseinsekel seine Traumspur zieht. Er kann, aber er muss nicht Ex-Jugoslawe sein.



Kurzbeschreibung

Ein ungemein eindrücklicher, aufrichtiger und poetischer Roman über das Exil. Seine dichte Atmosphäre sagt mehr über die jugoslawische Tragödie aus als ein realistischer Tatsachenbericht.

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