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24 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine Meisterin des Wechselbades, 17. Mai 2007
Man liest eine Geschichte über das harte Schicksal einer Emigrantenfamilie Ende der 30er Jahre bar jeder Romantik: Der Vater ist ein antifaschistischer deutscher Schriftsteller, der mit seiner Frau und der kleinen Tochter Kully kreuz und quer durch Europa vagabundiert, von Lemberg bis Brüssel und Amsterdam und von Salzburg bis Marseille, in ständiger Geld- und Visumsnot. Dennoch muss man auf fast jeder Seite kichern -- wie das?
Irmgard Keun, eine der großen Vergessenen und Unterschätzten der deutschen Literatur, lässt nämlich Kully von den Nöten der Familie erzählen: Während sie und ihre Mutter in Brüssel im Hotel festsitzen (Sie können wieder mal die Rechnung nicht bezahlen und mogeln sich virtuos an Geldforderungen vorbei), tummelt sich der Vater in Ungarn und Polen, ständig den Kopf voller hochfliegender Pläne, die sich natürlich allesamt in Luft auflösen, aber irgendwie schafft er's dann doch immer. Auch sonst ist der Vater ein liebenswerter Luftikus, der seine Frau mit seinen Amouren oft in echte Verzweiflung stürzt. Und Kully ist eine akribisch genaue Chronistin der Ereignisse, der weltpolitischen ebenso wie der familiären.
"Kind aller Länder" ist also einerseits ein tieftrauriges Buch. Andererseits ist es aber auch komisch -- dank Keuns genialem Trick, das Geschehen aus dem Blickwinkel eines aufgeweckten neunjährigen Kindes zu präsentieren, und dieses Kind interpretiert das Geschehen auf seine eigene Weise: Die zahlreichen Anbeterinnen des Vaters, die Gründe für die Depressionen der Mutter, die Bedeutung eines Visums für einen Menschen... und die weltpolitischen Ereignisse. Das ist bewegend und komisch zugleich, etwa wenn sie die akute Kriegsangst während der Münchner Konferenz 1938 festhält in ihrem Bericht: Während also die Holländer "keine geflüchteten Leute mehr haben" wollen und die Hotelhalle voller Emigranten aus Prag ist und Kully ungerührt die Mitteilung Herrn Krabbes, eines Amsterdamer Verlegers mitteilt, "wenn jetzt ein Krieg kommt, werden wir alle eingesperrt und totgeschossen", räsoniert sie über das Schicksal des Onkel Kranich aus Wien: Wegen illegaler Einreise sitzt der in Holland im Gefängnis, und wenn "er 'raus kommt, darf er nicht mehr in Holland bleiben. In ein anderes Land darf er auch nicht." Solche lakonischen Kommentare liefert sie in rauhen Mengen; der Atem stockt einem beim Lesen, aber gleichzeitig klingen diese Kommentare in Kullys Diktion auch wieder komisch; Irmgard Keun setzt ihre Leser virtuos und ebenso ungerührt wie ihre kleine Protagonistin allen nur denkbaren seelischen Wechselbädern aus.
Aber Kullys Sicht der Dinge mag naiv sein; den Nagel auf den Kopf trifft sie allemal: Wenn sie z.B. knapp eine Seite lang darüber nachdenkt, warum die Deutschen so anfällig für Diktatoren sind, dann sind diese Überlegungen ebenso hellsichtig wie Heinrich Manns "Untertan": Das deutsche Volk ist süchtig danach, in Angst zu leben, und damit nicht genug: "Wenn es dann andere Völker sieht, die nicht darauf versessen sind, in Angst zu leben, dann ärgert es sich und sucht nun seinerseits, ihnen Angst zu machen".
Kully sieht alles, und ihr Sinn fürs Praktische ist unverkennbar: "Auf einmal hat der Zug schrecklich geknallt. Alle dachten, eine Bombe sei auf den Regierenden gefallen, er selbst dachte es wohl auch, denn das ist so üblich, dort wo er herkommt."
Ein Schweizer Freund ihres Vaters ist reich, "weil er mit Uhren handelt, statt zu dichten". Seinen Charakter hat Kully schnell durchschaut, denn sie weiß, dass "reiche Leute eklig sind und nie Geld geben, das macht sie ja so reich".
Behütet wächst dieses Kind nicht auf, und daher denkt sie auch über Tod und Selbstmord nach: "Wenn Menschen sterben wollen, können sie sich auch mit Pilzen und mit Bouillabaise das Leben nehmen, aber ich glaube, sie müssen es dann extra in der Hotelküche bestellen." Einmal bekommt sie heraus, dass auch Tiere sterben -- aber wo bleiben die? Schließlich sieht man nirgends tote Tiere, nur lebendige. Immerhin, eine Lösung bietet sich an: "Viele Tiere, die sterben, werden ja von den Menschen gegessen. So sind sie wenigstens untergebracht."
Stilistisch ist das natürlich eine Gratwanderung, die Irmgard Keun da unternimmt; derlei kann leicht in billigen Klamauk umschlagen. Aber das tut es im ganzen Buch nicht; Keun hält diese Perspektive meisterhaft durch: Die Welt der Erwachsenen wird durch den Blick des nicht allzu unschuldigen Kindes perspektivisch gebrochen und ihrer Verkleidungen beraubt. Nicht nur der Kaiser ist hier nackt...
Das Romanende schließlich trifft den Leser mit voller Wucht: Nach einem chaotischen Intermezzo in den USA ist die Familie am Vorabend des 2. Weltkrieges in Amsterdam versammelt, wieder mal ohne Geld und mit befristetem Visum. Ein letztes Mal spielt Keun hier mit dem Wissensvorsprung ihrer Leser...
"Kind aller Länder" ist aber nicht nur ein ständiges Wechselbad zwischen Entsetzen und hysterischem Kichern -- die kindliche Perspektive bietet auch immer wieder Raum für poetische Genrebilder, etwa wenn Kully mit großen Kulleraugen das Aussehen ihrer Mutter schildert: "Ihr Haar leuchtete wie der Gesang des Mannes auf der Straße, Singen klirrte gegen die hohe Fensterscheiben und wollte herein."
Diese Taschenbuchausgabe folgt dem Wortlaut der Erstveröffentlichung 1938, und auch wenn dieser Roman nicht so berühmt wurde wie das "Kunstseidene Mädchen": Es hat genauso viel Klasse.
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