von Arthur Japin
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Arthur Japin: «Der Schwarze mit dem weissen Herzen»
Von Thomas Leuchtenmüller
Lange bevor die Niederlande über Menschen im Käfig der Sendereihe «Big Brother» voyeuristisch die Nase rümpften, war die Öffentlichkeit fasziniert und abgestossen von anderen Frauen und Männern, die man genüsslich im Land der Deiche und Dünen vorführte: Die Rede ist von Schwarzen aus Afrika. Während die Engländer den Menschenhandel 1834 abschafften und Franzosen sowie Dänen 1848 folgten, gab es die Sklaverei in den niederländischen Kolonien bis 1863. Zu den Folgen des 300jährigen Geschäfts, an dem auch afrikanische Fürsten verdienten, gehört die Tatsache, dass heute 250 000 Nachfahren der Geknechteten in Holland leben. Und zu den Folgen zählt nun endlich eine Publikation, die den Traumata der seinerzeit im Norden Angekommenen ein Gesicht gibt: Arthur Japins historischer Roman «Der Schwarze mit dem weissen Herzen». Der 1956 in Haarlem geborene Japin, der nach Erzählungen, Drehbüchern, Hörspielen und Theaterstücken seinen ersten Roman vorlegt, recherchierte in Afrika, Indonesien und Weimar. Zutage gefördert hat er eine Fülle von Briefen, Reiseberichten, Logbüchern und vertraulichen Mitteilungen staatlicher Angestellter. Auswertung und Arrangement dieser Quellen hat der Autor verbunden mit einem im Kern verbürgten Geschehen, das um die Schicksale zweier afrikanischer Prinzen kreist.
Es geht um die Cousins Aquame und Aquasi, die 1837 als Zehnjährige von der Goldküste, dem heutigen Ghana, in die Niederlande kommen, wo sie Kwame und Kwasi genannt werden. Kwames Vater, ein reicher und strenger König, schickt die Heranwachsenden in die Obhut fremder Erzieher, damit sie etwas zum Wohle der Heimat lernen und um ein Handelsabkommen zu bekräftigen. Doch schon mit 24 Jahren bringt sich der Königssohn um. Prinz Kwasi hingegen stirbt erst 1904, mit fast 80 Jahren; zuletzt war er Erbpächter einer heruntergekommenen Kaffeeplantage auf Java.
Die Prinzen könnten unterschiedlicher nicht sein und werden von Japin als Paradebeispiele von Widerstand und Assimilation präsentiert was manchmal etwas gezwungen wirkt. Während Kwame im elitären Delfter Internat seine afrikanischen Wurzeln betont, saugt Kwasi, der Ich-Erzähler, auch nach körperlichem Leid alles Europäische in sich auf.
Die Afrikaner, die am Hofe in Den Haag wie edle Wilde behandelt werden, schlagen erfolgversprechende Laufbahnen ein: Kwame auf der Militärakademie, Kwasi als Bergbaustudent. Und beide, ewig einsam, scheitern trotz Talent und Abschluss: Als Kwame nach Hause zurückkehren will, lässt sein Vater ihn nicht in die Stadt einziehen, da der junge Mann die Muttersprache verlernt hat. Kwasi andererseits wird von intriganten Holländern am Fortkommen behindert, obwohl er zu einem «Schwarzen mit weissem Herzen» geworden ist. Der Widerständler zerbricht, der Anpasser verdorrt. Japins Roman wurde in den Niederlanden ausgezeichnet und immens gelobt. Das ist nur bedingt verständlich. Denn trotz zum Teil spektakulären Ereignissen (etwa Abenteuern auf Expeditionen) und trotz einfallsreich erzählten Begegnungen mit historischen Figuren (so mit Franz Liszt und Hans Christian Andersen) bleibt der Text im ganzen recht farblos. Die politische Korrektheit der schon bald erkennbaren Botschaft hat den Autor dazu verleitet, auf wahrhaft sinnliche Beschreibungen zu verzichten. Zu sehr betont er das Adjektiv des Begriffs «historischer Roman», zu wenig macht er das Hauptwort zur Hauptsache. So kommt es zur bitteren Ironie, dass die Darstellung, die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt, an eine unrühmliche Gattung der Literaturgeschichte erinnert, die in just jener Zeit en vogue war: den gelehrten, aber fabriziert erscheinenden «Professorenroman», der mit Felix Dahns «Ein Kampf um Rom» 1876 kulminierte.
Immer dann gewinnt Japins Roman an Tiefgang, wenn man nicht spürt, dass Kulturgeschichtliches um seiner selbst willen eingefügt ist und wenn ein Detail hilft, das Innere einer Person zu verstehen. Als etwa Kwame konstatiert, dass Zeitlosigkeit in Afrika Sorglosigkeit bedeute und in Europa eine Fessel des Primitiven, spürt man, was aus Japins Buch hätte werden können. Zu dessen Qualitäten gehört auch die Leistung des Autors, dem Zusammenprall der Zivilisationen witzige und vielsagende Momente abzugewinnen. So kennt der junge Kwasi die europäische Sitte nicht, «Geschenke in Papier zu verstecken». Und so meint sein Cousin einmal, in Holland stürme es so viel und er verstehe nicht, «warum sie dann noch Mühlen aufstellen, mit denen sie noch mehr Wind machen». Guter Wein preist sich selbst, sagt man in den Niederlanden. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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