Möchten Sie verkaufen?
Hier verkaufen
 
 
Jorge Luis Borges. Der Mann im Spiegel seiner Bücher. Eine Biographie
 
Größeres Bild
 

Jorge Luis Borges. Der Mann im Spiegel seiner Bücher. Eine Biographie (Taschenbuch)

von James Woodall (Autor), Merle Godde (Übersetzer)
1.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


20 gebraucht ab EUR 2,35

Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch

Die Bibliothek von Babel

Die Bibliothek von Babel

von Jorge Luis Borges
Weitere Artikel entdecken

Produktinformation

  • Taschenbuch: 356 Seiten
  • Verlag: Ullstein Tb (1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548265596
  • ISBN-13: 978-3548265599
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 1.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 461.197 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Auch Mick Jagger hat Borges gelesen. In dem Film Performance von Nicholas Roeg zitiert er aus einem der berühmtesten Bücher des Argentiniers, der Kurzgeschichtensammlung Fiktionen. Das war 1970, und Borges war auf dem Höhepunkt seines Ruhmes. Heute, 13 Jahre nach seinem Tod, ist es ruhig geworden um ihn. 1999, in diesem Jahr der runden Geburtstage großer Literaten, feiert man eher Goethe, Nabokov und Hemingway.

Dem einsamen Argentinier, dem der Rummel um seine Person und seine Bücher ohnehin ungeheuer war, hat der britische Journalist James Woodall eine Biographie gewidmet. Daß Woodall kein intimer Kenner der Literatur Südamerikas ist, geschweige denn ein Borges-Spezialist, ist nicht der Nachteil des Buchs. So wird die Biographie nicht zum Monument, und so bleiben auch die Insider-Diskussionen über Borges' Verhältnis zur Politik seines Landes außen vor.

Leider übertreibt es Woodall in seiner ansonsten ausgewogenen, detaillierten und gründlichen Darstellung mit der Fixierung auf die sexuelle Armut Borges'. So wird aus dessen Ablehnung der Diktatur Perons, der ihn von seinem langjährigen Posten als Direktor der Nationalbibliothek in Buenos Aires vertreibt, das sexualpsychologische Drama eine Macho-Unterlegenheit -- und aus Borges' komplexer Literatur, mit deren Auslegung Woodall sich dankenswerterweise zurückhält, weitgehend eine ödipal-libidinistische Rätselecke.

Erst ab Mitte der 50er Jahre, mehr als 30 Jahre nach seiner Rückkehr aus Europa, wo Borges seine Jugend verbringt, wird der nunmehr fast Erblindete einem breiteren Publikum bekannt -- späte Ehre für einen der letzten Gelehrtendichter dieses Jahrhunderts, der "über die Bücher zu den Dingen" fand. Über seine "Ficciones" soll er mal gesagt haben, er sei nichts anderes als ein Reim auf den Essayband "Inquissiciones" von 1925. Woodall: "Das ist vernichtend für die Meter bedruckten Papiers über den metaphysischen Radikalismus in diesem Titel. Aber immerhin meint er genau das, was er ausdrückt". --Nikolaus Stemmer



Neue Zürcher Zeitung

Der Bibliothekar von Babylon

Zum 100. Geburtstag von Jorge Luis Borges (1899–1986)

Von Franz Haas

Am 24. August 1899 wurde in Buenos Aires einer der grossen Autoren dieses Jahrhunderts geboren. Jorge Luis Borges galt mit seinen Gedichten, Essays und Erzählungen jahrzehntelang nur als lokales Talent. In einer muffigen Bibliothek der Vorstadt katalogisierte er Bücher und heckte labyrinthische Geschichten aus, die ihn erst als blinden alten Mann weltberühmt machten. Kultisch verehrt wird heute vor allem seine Person, weniger die schwindelerregend enzyklopädische Essayistik und die verwirrend gelehrte Prosa. Zu wenig beachtet ist immer noch seine schnörkellose Gedankenlyrik.

Jahrelang habe er geglaubt, im wilden Stadtteil Palermo aufgewachsen zu sein. Tatsächlich wuchs er im wohlbehüteten Garten und in der riesigen Bibliothek des Vaters heran. Hinter dem Gartengitter vermutete der kleine Borges das Buenos Aires der Messerstecher und Tangotänzer, doch die Gassenhelden trugen weniger zur Erziehung bei als seine englische Grossmutter. Mit zehn Jahren war er perfekt zweisprachig, übersetzte Oscar Wilde und träumte von seinen Ahnen, gloriosen Soldaten und Gauchos. Sein Leben lang trug er den Kindheitsgarten mit sich, die englische Literatur und die argentinische Heldenromantik.

Auch vor hundert Jahren war Palermo kein so übles Viertel von Buenos Aires mehr, wie es Borges in seinen Büchern besingt, heute sieht es dort aus wie in den gemächlicheren Strassen von Charlottenburg. Während das Kind drinnen die englischen Klassiker studiert, meint es draussen die heissblütige Realität zu versäumen. Nach langen Jugendjahren in Europa erscheint ihm die Stadt noch aufreizender, an sie richtet er seine Liebeserklärungen, während die Mutter sein Leben in der Bohème und als Gelehrter beaufsichtigt. Bücher schreibt er zum Zeitvertreib und aus Leidenschaft. Erst als der Vater stirbt, muss der Sohn Geld verdienen, mit fast vierzig, als Hilfsbibliothekar mit universaler Belesenheit. Später hält er sich mit genialen Vorträgen über Wasser. Als er schon ziemlich blind ist, wird er Direktor der Nationalbibliothek und eine argentinische Berühmtheit. Europa entdeckt ihn spät, mit über sechzig, hofiert ihn aber dann um so glühender. 1986 stirbt er in Genf und wird dort begraben, obwohl er sich als junger Mann einen Friedhof in Buenos Aires auserkoren hatte.

HINGABE AN BUENOS AIRES

Der vornehme Friedhof La Recoleta, nicht weit von den Strassen seiner Kindheit, soll die «Stätte meiner Asche» sein, schreibt Borges in seinem ersten Gedichtband «Buenos Aires mit Inbrunst» (1923). Dieses Buch ist ein Produkt der jahrelangen Sehnsucht nach der Stadt, der Liebe für «die Vororte und das Unglück», nachdem er die Jahre 1914 bis 1921 im Ausland war, in einem Internat in Genf, dann mit der Familie in Spanien. Nach der Rückkehr erwarten die Eltern vom Sohn, dass er ein grosser Dichter wird. Mit dreissig hat er schon sechs Bücher veröffentlicht, darunter drei hochgelehrte Essaybände (die er später verwarf), lebt er ganz in Hingabe an die Stadt, die Poesie und die Gelehrsamkeit. Die Weltliteratur und die Strassen von Buenos Aires sind sein Fachgebiet, «die müden Strassen des Viertels», die Sonnenuntergänge und die abstrakten Schrecken der Liebe. Im praktischen Leben hält er sich an die Mutter und die Bibliotheken, Frauen verehrt er lieber aus der Ferne und theoretisch.

In seinem zweiten Buch wollte er unbedingt modern sein, unterzog sich «dieser völlig überflüssigen Pflicht», wie er als alter Mann rückblickend schreibt. Borges hat seine Bücher immer wieder überarbeitet, neu herausgegeben und mit Vorworten versehen. Das sind die scharfsinnigsten Kommentare zu seinem eigenen Werk, erhellender als der autobiographische Text, den er 1970 auf der Höhe seine Ruhmes schrieb, kritischer, als mancher Feind es sein konnte: Das Buenos Aires seiner frühen Gedichte habe «etwas Prahlerisches», einige Texte enthielten die «aufdringliche Schönheit eines Abziehbildes», andere erstarrten in Ahnenstolz und stilistischer Erhabenheit. Erst der dritte Lyrikband enthält «das erste authentische Gedicht, das ich geschrieben habe». Es heisst «Totenwache in der Südstadt» und ist der Beginn seiner grossartig schlichten Metaphysik in Versform, ein Gedicht ohne Trost, aber auch ohne Lyrismen und todessteife Metaphorik.

TANGO UND KABBALA

Nach diesen Frühwerken veröffentlicht Borges mehr als dreissig Jahre lang keine Gedichtbände mehr. Erst im Alter und mit dem Rückhalt des Ruhms wird er zur Lyrik zurückkehren und darin sein grosses, unspektakuläres Können zeigen. Zunächst möchte er jedoch seine Leser noch verblüffen, mit glänzenden erzählerischen Finten und mit einem erlesenen Wissen von sagenhaftem Ausmass. 1930 erscheint «Evaristo Carriego», eine geglückte Mischung aus Essay und Erzählung über einen Vorstadtpoeten aus der Nachbarschaft der Familie Borges, der Buenos Aires in Dichtungen verklärte, so schlecht er konnte. Mit gnadenlosem Scharfsinn, aber mit unerbittlicher Sympathie schreibt Borges über diesen Mann und seine «hemmungslosen Ergüsse». So kann er indirekt, ironisch, aber ungeniert über seine liebsten Themen schreiben, über Messerduelle, Kartenspiele und Hahnenkämpfe, über Trinkgelage und Eifersucht in Wellblechhütten, «in denen der Tango loderte», und ähnlich folkloristischen Schmalz, das der gute Geschmack in den eigenen Werken nicht mehr duldet.

Der traurige Schnulzendichter Evaristo Carriego könnte eine Erfindung von Jorge Luis Borges sein. Manche seiner Gedichte «sind keine Literatur, sondern ein Delikt: Sie sind eine gezielte sentimentale Erpressung» oder von einer «tränen-reichen sozialistischen Ästhetik». Einige Jahre danach beginnt Borges systematisch Literaten und deren Werke zu erfinden, in phantasievoll fingierten Rezensionen oder beeindruckend peniblen Abhandlungen. Auch seine ernstgemeinten Versuche haben immer einen mehr oder weniger spielerischen Grundton, der einen Zwiespalt, Zweifel oder Spass verrät. Im Essayband «Diskussionen» (1932) referiert er kundig und geneigt über die Gaucho-Dichtung, sinniert er über «Die Dauer der Hölle», über den Wettlauf von Achilles mit der Schildkröte und versucht «Eine Rechtfertigung der Kabbala», als Zeichen seiner ungläubigen Liebe zur Theologie.

Mit seinem ersten Erzählungsband, «Universalgeschichte der Niedertracht» (1935), beginnt er in grossem Stil, «die Geschichten anderer zurechtzustutzen und zu verdrehen (in einigen Fällen ohne jegliche ästhetische Rechtfertigung)», so der reife Borges über seine früheren Bravourstücke. Es ist dies eine Sammlung von Kurzgeschichten, deren Stoffe Borges auf seinen immensen Streifzügen durch die Bücher von mehren Jahrtausenden aufgelesen hat: alte Sagen aus Japan und Persien, aus «Tausendundeiner Nacht», über den «uneigennützigen Mörder» Billy the Kid und New Yorker Bandenkriege, eine Mixtur aus Geheimnis und Gewalt, magische Spiegel, Labyrinthe und Träume, das ganze symbolische Arsenal, das von da an zum Markenzeichen des Autors wird. Nur eine der sechzehn Erzählungen stammt ganz von Borges, «Der Mann von Esquina Rosada», eine Stadtrandgeschichte von stolzen Messerhelden, ein populärer Plunder, der aber sprachlich brillanter präsentiert wird als all die zusammengelesenen Gelehrtheiten. Lakonisch und virtuos laviert der Erzähler zwischen Hochsprache und Slang, auf ganzen acht Seiten, die auch abendfüllend verfilmt wurden.

In den dreissiger Jahren beginnt Borges auch seine Zusammenarbeit mit Adolfo Bioy Casares, mit dem er phantastische Erzählungen verfasst und einige Anthologien herausgibt. Solange das Augenlicht reicht, verschlingt er weiterhin Unmengen von Texten, studiert die altgermanische Sagenwelt, arbeitet mit an der Literaturzeitschrift «Sur» und verfasst Hunderte von Rezensionen für die Hausfrauenzeitschrift «El Hogar», in denen er sein Wissen über die neueste Weltliteratur ausbreitet: Kafka, Döblin, Thomas Mann, aber auch seltsam lobende Artikel über unerhebliche Autoren wie Hermann Sudermann und Leonhard Frank. Selten greift er in seinen knappen Urteilen daneben, auf wenigen Zeilen porträtiert er auch solche Figuren, die ihm nicht gefallen, wie Filippo Tommaso Marinetti («der alte Impresario des Futurismus») oder André Breton mit seinem «überschwänglichen Gestotter» und «papierenen Scharlatanerien». Die erlesenen Schätze aus diesen frenetischen Jahren kommen alle in den Tresor seines Gedächtnisses und reichen für die späteren Jahrzehnte der Blindheit.

Im Jahr 1938 trifft Borges ein mehrfaches Unglück. Es stirbt sein Vater, von dem er nicht nur die Bibliothek, sondern auch die Blindheit erben wird, und er zieht sich bei einem banalen Unfall eine Blutvergiftung zu. Die Mittel der bürgerlichen Familie sind erschöpft, mit gescheiten Essays ist auch in Argentinien kein Geld zu machen, und er muss sich erstmals eine geregelte Arbeit suchen. In einer «obskuren Bibliothek der Südstadt» findet er von 1938 bis 1946 eine Anstellung als Hilfskraft, mit grauenhaft banausischen Kollegen, aber mit viel Freizeit in einem muffigen Keller, in dem er den literarischen Grundstein für seinen künftigen Weltruhm legt. Auf der Basis seines schier unendlichen Bücherwissens tüftelte er hybride Texte aus, Mischformen aus Enzyklopädie, Krimi, Dissertation und Gruselgeschichte, die Generationen von Autoren aller Länder und Sprachen beeinflusst haben. Die überzeugendsten dieser Erzählungen sind jedoch die wenigen, in denen er sich auf eigene Erfahrung und Phantasie verlässt, nicht auf den Geist der Universalbibliotheken.

Im Vorwort zu seinem bekanntesten Erzählungsband, «Fiktionen» (1944), schreibt er launig und mitteilsam über seine Arbeitsmethode: «Ein mühseliger und strapazierender Unsinn ist es, dicke Bücher zu verfassen»; er ziehe es vor, «so zu tun, als gäbe es diese Bücher bereits, und ein Résumé, einen Kommentar vorzulegen». Eine solche Fiktion ist zum Beispiel die Erzählung «Tlön, Uqbar, Orbis Tertius», eine geistige Schnitzeljagd durch Lexika und Antiquariate, die zur Erfindung eines neuen Planeten führen sollte. In anderen Erzählungen erfindet Borges einen französischen Schriftsteller, der den «Don Quijote» neu erfindet – oder einen englischen Krimiautor, dessen Werke er kenntnisreich analysiert. Enzyklopädische Klimmzüge dieser Art vollführt er vor allem in den ersten Jahren seiner trüben Kellerarbeit, so auch in der Erzählung «Die Bibliothek von Babel», einer düsteren Phantasie von einem Universum aus Büchern. Als Greis distanzierte sich Borges nachträglich von diesem Albgeschöpf und von der Zeit, «als ich besonders versessen darauf war, Kafka nachzuäffen».

Im selben Band stehen auch einige seiner besten Erzählungen, «weniger plump in der Ausführung» (Borges) als die obengenannten, mehr vom Leben abgeschaut als von Büchern kopiert. «Der Süden» ist ein narratives Kabinettstück auf acht Seiten, hat wenig Gleiches in der Weltliteratur, braucht keine Fussnoten und kann auch ohne ständige Konsultation der Encyclopaedia Britannica gelesen werden: Ein Bücherliebhaber verletzt sich an einem Fensterflügel den Kopf, wird wegen Blutvergiftung operiert, erwacht aus der Narkose (oder auch nicht) und soll zur Genesung auf seinen Landsitz in den Süden gehen. Unterwegs wird er in einer Ladenschenke von einem Betrunkenen zum Duell gefordert. Ein uralter Gaucho borgt ihm aufdringlich das Messer, «das er vielleicht nicht einmal zu führen wissen wird». – Das ist der reale und phantasierte Kosmos von Borges im perfekten Kleinformat, die bürgerliche Bücherwelt, die läppische Verletzung mit schweren Folgen, Narkose, Tod oder Traum, der argentinische Kämpfermythos, der wilde Süden in der Pampa.

In anderen Kunststücken verschmilzt Borges die Topographie von Buenos Aires und die jüdische Mystik zu einer Kriminalgeschichte («Der Tod und der Kompass»), oder er verzögert fiktiv den Tod eines tschechischen Schriftstellers vor einem Exekutionskommando der Nazis («Das geheime Wunder»). Die Erzählung «Das unerbittliche Gedächtnis» handelt von der monströsen Merkfähigkeit eines gelähmten Jungen, ist laut Autor «eine lange Metapher der Schlaflosigkeit», vielleicht auch eine Vorahnung des eigenen Gebrechens und anderen Unheils. 1946 kommt der Diktator Perón an die Macht, und Borges verliert seinen staubigen Traumjob bei den Büchern. Neun Jahre lang lebt er von seinem ungeheuren Wissen, von Vorträgen im ganzen Land. Die Mutter begleitet den ältlichen Junggesellen, der immer schlechter sieht. Unter den argentinischen Literaten gilt er nach den «Fiktionen» als geheimer Star, doch im Ausland kennt ihn kaum jemand, auch nachdem 1949 der Erzählungsband «Das Aleph» erscheint, wissensschwere und raffinierte Prosa, in der die gesamte Weltkultur aufblitzt, vor allem die europäische und orientalische Geistesgeschichte. Auch in diesem Buch sind nur wenige Texte ohne die übliche universelle Bildungslast, zum Beispiel «Deutsches Requiem», der Monolog des Kommandanten eines Konzentrationslagers, eine Erzählung von luzider Desolation, vergleichbar mit Nabokovs «Genrebild 1945». Der gleichaltrige Nabokov hat Borges einmal abfällig einen «berühmten argentinischen Essayisten» genannt, nicht ganz zu Unrecht, angesichts des gelehrten Aufwands seiner «verworrenen Kompilationen». Borges nannte sie lieber «Inquisitionen» (1952), so der Titel eines seiner bildungstrunkenen Kompendien.

GEHÖR UND GEDÄCHTNIS

Fortuna mag zwar blind sein, aber sie hat Sinn für Ironie. Als Perón 1955 abtritt, wird der fast völlig erblindete Borges zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek ernannt, regiert die Masse von Büchern, bis 1973 der Diktator unter dem Jubel der Volksmassen zurückkehrt. Die Demokratie betrachtet er seitdem als «Missbrauch der Statistik». Aber Borges hat Zeit genug, um in der Welt bekannt zu werden. Ab 1956 ist er auch Professor für englische Literatur an der Universität Buenos Aires. Mit der fortschreitenden Erblindung wendet er sich wieder mehr der Lyrik zu, diktiert mit absolutem Gehör und Gedächtnis seine Gedichte, die immer schnörkelloser werden, und er ahnt bereits «ein Rauschen von Ruhm und Hexametern».

Sein persönlichstes Buch, eine Sammlung poetischer Kurzprosa und vor allem von prunkloser Gedankenlyrik, erscheint 1960. «El Hacedor» (Der Macher, Der Wortschöpfer) heisst es im Original, «Borges und ich» auf deutsch (von Gisbert Haefs vorbildlich übersetzt, wie die gesamte Ausgabe bei Hanser und als Fischer-Taschenbücher). Die Lyrik von Borges steht heute immer noch und zu Unrecht im Schatten seiner spektakulären Prosa. Eine neue Auslese seiner besten Gedichte («Der Geschmack eines Apfels») könnte den deutschen Leser davon überzeugen. Raoul Schrott hat sie ausgewählt, die Übersetzung leicht geändert, Steifheiten abgeschliffen und hat dadurch Polemiken provoziert (wie bei allem, was er anfasst), doch seine übersetzerische Freiheit kommt dem Dichter Borges zugute.

International berühmt wird Borges mit einem Schlag, als er 1961 zusammen mit Samuel Beckett den Prix Formentor bekommt. Es folgen lange Reisen, Professuren in Amerika, europäische Preise und Ehrendoktorate aller Art. Wie immer ist die resolute Mutter an der Seite des körperlich hilflosen Sohnes, bis er mit 68 das erste Mal heiratet. Zwischendurch durchstreift er die gigantische Bibliothek in seinem Kopf, formuliert und zitiert aus der Erinnerung, diktiert Erzählungen, Essays, Vorträge und vor allem Gedichte von einer «bescheidenen und geheimen Kompliziertheit». Die Themen sind immer dieselben, der argentinische Männerkult, die Altgermanistik, arabische Märchen und europäische Romane, Dante und die Edda, und immer kehren seine beliebtesten Metaphern wieder: Spiegel, Labyrinthe, Tiger, Rosen und Träume.

POLITISCHE BLINDHEIT

In den späten Gedichten haben sich «zwei neue Themen zugesellt: das Alter und die Ethik», so Borges. Im «Lob des Schattens» (1969) und anderen Spätwerken ist von der eigenen Altersblindheit die Rede. Im Vorwort von «Die tiefe Rose» (1975) stellt er «mit einigem Missbehagen fest, dass die Blindheit einen weinerlichen Platz einnimmt, den sie in meinem Leben nicht hat». In «Das Gold der Tiger» (1972) durchläuft er in dem Gedicht «Vergangenheit» die ganze Geschichte des Abendlandes, von Sokrates bis zum Sechs-Tage-Krieg in Israel. Immer öfter und mit wenig Geschick äussert er sich im Alter zur Politik. Nach dem Putsch in Chile gratuliert er Pinochet und lässt sich von ihm auszeichnen. Die argentinischen Putschgenerale, die das Land von 1976 bis 1983 mit Mord und Folter terrorisieren, begrüsst er als «Caballeros». Erst kurz vor dem Tod er-kennt er diese politische Blindheit.

Seine letzte Liebe gilt ganz den Gedichten, der Bibliothek im Kopf und seiner jungen Assistentin María Kodama, die er 1986 kurz vor seinem Tod heiratet und mit der er Reisen in alle Winkel der Welt unternimmt. Sie hütet nun seinen Nachlass und verwaltet den Ruhm, mit einer geschickten Mischung aus Philologie, Mystifikation und Marketing. Borges-Symposien beflügeln den akademischen Tourismus, von Venedig bis Genf geht eine Wanderausstellung um den Erdball. Und bei mondänen Anlässen werden lieber die Bilder des Alten mit dem Krückstock verehrt, nicht die Sprachkunst des blinden Universalpoeten.


Was kaufen Kunden, nachdem sie diesen Artikel angesehen haben?


Tags

 (Was ist das?)
Bei einem Tag handelt es sich um ein Schlagwort, das zum Produkt passt.
Tags erleichtern allen Kunden die Suche und die Sortierung ihrer Lieblingsprodukte.
 

 

Kundenrezensionen

1 Rezension
5 Sterne:    (0)
4 Sterne:    (0)
3 Sterne:    (0)
2 Sterne:    (0)
1 Sterne:
 (1)
 
 
 
 
 
Durchschnittliche Kundenbewertung
1.0 von 5 Sternen (1 Kundenrezension)
 
 
 
 
Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel:
Die hilfreichsten Kundenrezensionen

 
0 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
1.0 von 5 Sternen Erzählungen von Borges, der sich verzweigte, 19. Juni 2007
Eine Biographie über einen Schriftsteller, dessen Motive der Spiegel, die Bibliothek und das Labyrinth sind, der Welten erfindet, die durch Bücher belegt werden, die er zunächst erfindet, um sie daraufhin zu rezensieren, über einen Schriftsteller, der ein Essay "Borges y yo" (Borges und ich) betitelt, ist nur so gut, wie der Autor Informationen über den Betrachteten hat. Um so besser also, wenn der Autor der Beobachtete selbst ist, verhindert diese Sichtweise doch die "blinden Flecken" vor denen Niklas Luhmann bei der Betrachtung kommunikativer Systeme gewarnt hat.
Kurz und gut: Hinter dem Autoren James Woodall versteckt sich ein weiteres Pseudonym von JLB. Das kleine Skandälchen um die Masturbation des kleinen Georgie ist ein weiterer posthumer mise en abyme des verstorbenen Borges.
Dass diese kleine, wenn auch nicht ganz unwichtige, Detail in dieser Rezension fehlt, bleibt ein gewisser Zweifel an dem Grad der Würdigung des Werkes in seinem epistemologischen Stellenwert.
Kommentar Kommentar | Kommentar als Link | War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja Nein (Rezension unzumutbar?)


Sagen Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel: Eigene Rezension erstellen
 
 
 
Nur in den Rezensionen zu diesem Produkt suchen



Kunden diskutieren

Das Forum zu diesem Produkt
Diskussion Antworten Jüngster Beitrag
Noch keine Diskussionen

Fragen stellen. Meinungen austauschen. Neues erfahren.
Neue Diskussion starten
Thema:
Erster Beitrag:
Eingabe des Log-ins
 

   


Lieblingslisten


Ähnliche Artikel finden


Anhand des Sachgebietes nach ähnlichen Produkten suchen:





Das bedeutet, jeder Titel/Artikel muss zu Sachgebiet 1 UND zu Sachgebiet 2 UND... gehören.

Ihr Kommentar


Für Sie dokumentiert

 (Was ist das?)

Sobald Sie sich Produktseiten oder Suchergebnisse angesehen haben, finden Sie diese Seiten zu Ihrer Information hier aufgeführt.