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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Dracula
OT Dracula OA 1897 DE 1908Form Roman Epoche Viktorianisches Zeitalter
Der Roman von Bram Stoker kann als Prototyp des Vampirromans bezeichnet werden, insofern sein Autor nach gründlichen literarischen und volkskundlichen Recherchen alle Aspekte des literarischen Vampirismus in einer geschickt montierten Kolportagehandlung zusammengetragen und das bis heute gültige Modell vom Vampir als erotisch bezwingendem Fürsten der Finsternis und des Todes geprägt hat.
Inhalt: Die ersten vier Kapitel des Romans schildern den Besuch des englischen Kanzleiangestellten Jonathan Harker auf dem Schloss des rumänischen Grafen Dracula, um mit diesem über den Ankauf eines Grundstücks in London zu verhandeln. Bald muss Harker Beobachtungen machen, die ihn an der menschlichen Natur seines Gastgebers zweifeln lassen. Dracula ist ein Vampir, ein Untoter, der sich von Blut ernährt, kein Spiegelbild hat, tags in seinem Sarg schläft und nachts sein Unwesen treibt. Wer von ihm gebissen wird, kann sich selbst in einen Vampir verwandeln und dieses Schicksal an andere weitergeben. Entsetzt flieht Harker.
Dracula will seinen Wirkungskreis auf englischen Boden erweitern und sucht seine neuen Opfer im Bekanntenkreis Harkers. Dr. Seward, der Leiter einer Irrenanstalt, bemerkt bald die Anwesenheit numinoser Gewalten: Sein Patient Renfield steht unter dem Einfluss einer dämonischen Macht, Lucy Westenra, eine Freundin von Harkers Verlobter Mina, beginnt an Blutverlust dahinzusiechen. Da Dr. Seward dem Ursprung der Bedrohung mit den Mitteln der Naturwissenschaft seiner Zeit nicht auf den Grund kommen kann, bittet er seinen Lehrer, den holländischen Professor van Helsing, um Hilfe.
Der gewiefte Theologe, Anthropologe und Mediziner durchschaut bald die Vorgänge, schweißt den Irrenarzt, den Verlobten Lucys, Lord Godalming, dessen amerikanischen Freund Quincey Morris und den erfolgreich aus Transsylvanien geflohenen Jonathan Harker zu einem Männerbund zusammen, der es sich zur Aufgabe macht, den Vampir aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Sie legen geweihte Hostien in die von Dracula als Ruhestätte benützten Särge, sie verriegeln Fenster mit Knoblauch und erlösen die zum Vampir mutierte Lucy durch einen Pfahl, den sie ihr ins Herz treiben, von ihrem Dasein zwischen Leben und Tod.
Dracula flieht zurück in seine Heimat, die Freunde setzen ihm nach; vor seinem Schloss kommt es schließlich zum Entscheidungskampf, bei dem Dracula zur Strecke gebracht wird. Seine Auslöschung erlebt er als Erlösung von dem Fluch, unter dem er seit vierhundert Jahren stand.
Aufbau: Der Roman besteht aus einer geschickt montierten Mischung aus Tagebucheinträgen, Briefen, Protokollen und Memoranden. Diese Darstellung hat den Vorteil, einerseits authentisch den Schrecken der jeweiligen Verfasser bei ihrer Begegnung mit der Macht des Übernatürlichen authentisch wiederzugeben, andererseits wird durch die Modernität von Aufzeichnungsgeräten wie dem Phonografen des Dr. Seward die Archaik des Vampirismus mit modernsten technischen Mitteln konfrontiert, um so das Unheil, das in die moderne Welt Einzug gehalten hat, beglaubigen zu können.
Der Roman bedient sich der im englischen Schauerroman bewährten Gegenüberstellung von weiblichen Opfern und männlichen Tätern. Die hypnotische Gewalt, die der Vampir über Frauen ausübt, ist dabei als Metapher ihrer heimlichen Leidenschaft für eine abweichende, nicht ausschließlich auf den Zweck der Fortpflanzung beschränkte Sexualität zu verstehen, die sich im Vampirbiss in den Hals des weiblichen Opfers offenbart. Dieser erotischen Dimension entsprechen auch die Tötungsweisen des Vampirs: er wird geköpft (kastriert) oder gepfählt (penetriert) die Pfählung ist als ein Akt der Bekehrung des perversen Vampirs zu einer gewissermaßen rechtschaffenen Sexualität zu verstehen, für die sich der von seinem Fluch erlöste Vampir mit einem verklärten Lächeln bedankt. In der Figur van Helsings ist dem Vampir ein Gegenspieler erwachsen, dessen Kreuzzug gegen das Abweichende zusammen mit seiner despotischen Mentalität und der Erwartung an bedingungslose Treue und Gehorsam seiner Gefolgsleute auch an die Gestalt des politischen Führers und Demagogen erinnern, gegen den der Graf aus dem Mittelalter kaum Überlebenschancen hat. Der Erfolg des Romans beruht wohl auf dieser Ambivalenz, die es erlaubt, nicht nur der Beseitigung der Vampire, sondern auch dem hoffnungslosen Kampf der Vampire gegen die Mächte der Moderne gewisse Sympathien entgegenzubringen
Wirkung: Stokers Roman ist bis auf den heutigen Tag von unverminderter Bedeutung für jeden literarischen Versuch, aus dem Mythos des Vampirismus neue literarische Funken zu schlagen. Das gilt für die Romane des Engländers Kim Newman (* 1959) genauso wie für die der Amerikanerin Ann Rice (* 1941). Dramatisierungen des Stoffs, seine frühe und suggestive Verfilmung von 1912 unter dem Titel Nosferatu Sinfonie des Grauens durch Fritz Murnau, eine Anzahl weiterer Verfilmungen (u.a. durch Tod Browning, Terence Fischer und Francis Ford Coppola), sogar Parodien (wie Tanz der Vampire, 1967 von Roman Polanski) demonstrieren die Unverwüstlichkeit einer Motivs, das sich auch in weniger populären Darstellungen durchgesetzt hat, wo Vampirismus als Metapher sexueller Hörigkeit und seelischer Auszehrung dienen kann. H. R. B.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.