Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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23 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Über die verschiebbare Grenze zwischen Leben und Literatur, 30. Juni 2008
Ein Schriftsteller auf dem Weg zu einer Lesung aus seinem neuesten Buch. Ein schwüler Sommerabend in Tel Aviv. Er starrt der Kellnerin in einer Bar auf den sich durch ihre Hose abzeichnenden Umriss ihres etwas asymetrisch sitzenden Höschens (grandios, wie hier Amos Oz seinen literarisch voyeuristischen Blick wandern lässt). Er erfindet er einen Namen für sie, erfindet ihren Lebenslauf, ihren ehemaligen Liebhaber sowie die Geschichter ihrer Trennung und kommt zu spät zu der Lesung. Während der Lesung vermischt sich wieder Realität und Erfindung, die Leute im Publikum werden zu Romanfiguren, so wie auch der Schriftsteller bald, nach einem Spaziergang mit der jungen Frau, die aus seinem Buch gelesen hat, verschiedene Möglichkeiten ablaufen lässt, am Schluß ist man nicht wirklich sicher, welche davon jetzt passiert ist, welche nicht, ob nicht überhaupt alles reinste Erfindung (in der Erfindung) ist. Ein kurzer, großer Roman, großartige Prosa, teilweise sogar sehr erotisch, ein Spiel, ein Roman im Roman, ein Versuch über das Schreiben, über Wahrheit, Fiktion und das Wesen eines Schriftstellers. Ein Buch, das ich sicherlich sehr bald wieder lesen werde.
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16 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Über das spannende Wechselspiel von Literatur, Phantasie und realem Leben -ein überzeugendes Alterswerk, 7. August 2008
Erst jüngst mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf ausgezeichnet, legt der renommierte israelische Schriftsteller Amos Oz sein neuestes Buch vor. Wie immer von Mirjam Pressler genial ins Deutsche übertragen, erzählt Amos Oz in diesem Roman, der auch Erzählung genannt werden könnte, vom Wechselspiel von Literatur und Leben.
Das Buch beginnt mit Fragen, die Schriftstellern von ihren öffentlichen Lesungen sehr bekannt sind. "Warum schreiben Sie ? Warum gerade in dieser Weise ? Wollen Sie Ihre Leser verändern, und wenn ja, in welchem Sinne?" So und ähnlich geht das über fast zwei Seiten und Amos Oz gibt ihn seinem Buch auf viele dieser Fragen eine literarische Antwort. Denn für ihn bildet nicht nur die Literatur, sondern das ganze Leben eine Mischung aus Tatsachen, Fakten und Vorstellungskraft. Nicht nur das Erlebte, sondern noch mehr das Erfundene reizt ihn zum Schreiben, zur literarischen Umsetzung mit Stilmitteln unterschiedlichster Art: Übertreibung, Sarkasmus, Groteske, Ironie und Humor, sie alle geben der Schreibkunst von Oz ihr ganz besonderes Flair.
Dieses Wechselspiel von Imagination und realem Leben ist Thema dieses neuen Buches. Wir befinden uns in Tel Aviv, irgendwann Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. An einem heißen Sommerabend soll der "Schriftsteller" genannte Protagonist des Romans im Kulturzentrum der Stadt sein neues Buch vorstellen.
Vor dieser Lesung besucht der Schriftsteller ein Cafe, in dem er eine müde Kellnerin beobachtet. Sofort springt seine Phantasie an. Er gibt ihr den Namen Riki, spinnt ihre Geschichte und ihre Liebschaften aus und ist erregt von ungleichen Abdruck ihres Slips unter ihrem kurzen Rock. Immer wieder wird er im Laufe des Abends in seinen Phantasien auf dieses erotische Bild zurückkommen. Kaum hat er das Leben dieser Kellnerin ausgeschmückt, wird er auf das Gespräch zweier Männer am Nachbartisch aufmerksam. Sofort gibt er auch ihnen einen Namen, einen Beruf und ihrem Gespräch ein Thema. Auch dieses verfolgt er den ganzen Abend über und durch die anschließende Nacht.
Während später im Kulturzentrum der Literaturexperte ins Werk des Schriftstellers einführt ( diese ironische Schilderung ist köstlich zu lesen als Satire auf den Literaturbetrieb und eine der Höhepunkte des ganzen Buches), beobachtet dieser sein Publikum, erfindet neue Geschichten zu den Gesichtern und verknüpft sie mit dem im Cafe schon phantasierten.
Er lässt sie erzählen und agieren, sieht sie in Beziehung zueinander treten. Reale und imaginisierte Gestalten vermischen sich auf ununterscheidbare Weise.
Nach der Vorstellung nähert es sich Rochele Resnik, einer eher spröden Frau, die seine Texte allerdings sehr gut und einfühlsam gelesen hat. Der weitere Abend wird geschildert, den die beiden verbringen, doch bis zum Ende ist es nicht klar, ob die beiden wirklich die sehr erotisch beschriebene Liebesnacht miteinander verbracht haben oder nicht.
Vielleicht sind diese Menschen, die unabhängig von ihm existieren , gleichzeitig aber in seiner Vorstellungswelt ein Eigenleben führen, nur allesamt Facetten seines eigenen Ichs ? Vielleicht braucht er sie für sich? Vielleicht schreibt er über sie, "um sie zu berühren, ohne sie zu berühren, damit sie in berühren, ohne ihn wirklich zu berühren ?"
Immer wieder lässt Oz Menschen zu Wort kommen, gewöhnliche Menschen des israelischen Alltags. Er lässt sie diskutieren über alle mögliche Fragen, auf die es keine Antworten gibt, Gut und Böse, Wahrheit und Gerechtigkeit, Leben und Sterben.
Das Buch ist voller Gedichte eines Dichters namens Zefanja Beit-Halachmi, ein einst populärer, nunmehr fast vergessener Dichter, über den der Leser am Ende des Buches erfährt, dass er im Alter von 97 Jahren gerade verstorben ist. Eine der vielen Gedichte wird vom "Schriftsteller" gleich dreimal zitiert und bildet geradezu die Mitte des ganzen Buches:
"Mancher Kluge hat keinen Geist
und mancher Narr ein großes Herz,
und manche Freud endet im Schmerz,
und versteht , was ihn selber treibt."
Und hatte man das ganze Buch über den Eindruck, jenen Dichter habe es wirklich gegeben, ergibt das Googlen immer nur wieder den Hinweis auf das neue Buch von Amos Oz, sodass auch wahrscheinlich der Imagination des Schriftstellers entspringt.
Ein wahrhaft bezauberndes Buch von Amos Oz, das man gerne öfter lesen wird.
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Wechselspiel von Leben und Literatur, 14. November 2008
Amos Oz - vor wenigen Monaten hat er den Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preis erhalten - gilt als die bedeutendste Stimme der israelischen Literatur. Weltbekannt und preisgekrönt hat er sich diesmal einen Schriftsteller zur Hauptfigur seines neuen Romans, von der "Machart" her wohl eher eine Novelle, gewählt.
"Verse auf Leben und Tod" heißt dieses irrlichternde kleine Werk, bei dem man nicht genau weiß, was Realität und was Erfindung ist. Oz, ohnehin einer Meister realer Fiktion, hat hier vielleicht - der Leser wird es kaum erfahren - ein wenig Autobiografie geschrieben und vieles erfunden. Er spielt mit seinen Figuren und ein wenig auch mit dem Leser. Für den Spaß und den Gewinn an der Lektüre ist das letztlich aber unerheblich.
Wichtiger: An einem Sommerabend in Tel Aviv ist ein bekannter Schriftsteller zu einer Lesung eingeladen. Ein Abend also, an dem ihm Zuhörer wieder die üblichen Fragen stellen werden. Ein Abend, den er wie immer und überall nutzen wird, aus Beobachtungen Geschichten zu machen, die wiederum zu einer Geschichte werden.
Ein Prinzip, nach dem Amos Oz wohl auch gehandelt hat. Sein Schriftsteller jedenfalls gaunert sich eine Geschichte zusammen, in der er plötzlich selbst Hauptfigur wird. Und in der er nach der langweiligen Lesung die Vorleserin - er liest nicht selbst, sondern lässt lesen! - verführen wird. Sie, das etwas verhuschte Mädchen, wird Beute und Beschämung zugleich. Die folgende Liebesnacht, wunderbar anrührend-komisch erzählt, bezaubert und entzaubert. Sie ist glücklich, er versagt. Und weil er sich dafür und für vieles andere in seiner Schriftsteller-Existenz schämt, muss er sich ihrer immer erinnern, um von ihr erzählen zu können.
Was bleibt: "Der Schriftsteller zündet sich noch einmal eine Zigarette an, bevor er schlafen geht". Und er erinnert sich einmal mehr an den Schriftsteller Zefanja Beit-Halachmi, der die "Verse auf Leben und Tod" geschrieben hat - und die in diesem Buch immer zitiert werden. Schlechte Verse, aber beliebte Verse - wenn es sie und ihn denn gibt. Sie dienen eher dazu, einen leicht satirischen Blick auf Literatur zu werfen. Aber wahrscheinlich ist auch das eine Gaukelei des Autors. Der Leser lässt es sich gern gefallen und ist höchst amüsiert.
So erzählt Amos Oz von Leben und Arbeit und vom "subversiven Wechselspiel von Leben und Literatur" und findet immer neue Möglichkeiten, dieses Spiel zu spielen. Und das macht er meisterhaft.
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