Kurzbeschreibung
Vom Winter 1941/42 bis zum folgenden Juni fuhren zwei Männer in einem Lastwagen jeden Tag von Belgrad nach Jajinci: Götz, der Fahrer, und Meyer, der Beifahrer. Hätten sie nicht unterwegs angehalten und das Ende des Auspuffs mit einer Öffnung im Boden des Kastens verschraubt und wäre der Kasten nicht voller Juden gewesen, niemand hätte sich später dafür interessiert. Der Erzähler aber, ein Belgrader Lehrer, interessiert sich dafür, weil auf dem Lastwagen auch seine Verwandten waren. Er beginnt zu recherchieren, wühlt in Dokumenten, versucht zu begreifen. Je näher er dem Wissen kommt, desto ferner ist er; je mehr er sich Götz und Meyer vorzustellen sucht, desto schemenhafter werden ihre Gesichter.
Auszug aus Götz und Meyer. von David Albahari. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Götz und Meyer.
Ich habe sie nie gesehen, außer in meiner Phantasie. Bei solchen Paaren ist gewöhnlich der eine groß und der andere klein, aber da sie Unteroffiziere der SS waren, liegt die Vermutung nahe, daß sie beide hochgewachsen, vielleicht sogar gleich groß waren. Ich nehme an, die Bedingungen für die Aufnahme in die SS waren außerordentlich streng, gewisse Maße wurden ganz bestimmt nicht unterschritten. Einer der beiden, so behaupten Augenzeugen, ging in das Lager, spielte mit den Kindern und nahm sie auf den Arm, schenkte ihnen sogar Schokoladenbonbons. Wie wenig man doch braucht, um sich in eine andere Welt zu versetzen!
Danach stieg Götz, oder Meyer, in seinen Lastwagen und bereitete sich auf die nächste Fahrt vor. Sie dauerte nicht lang, aber Götz, oder Meyer, freute sich im voraus auf die frische Brise, die durch das offene Fenster hereinwehen würde. Zur selben Zeit kehrten die Kinder freudestrahlend zu ihren Müttern zurück.
Götz und Meyer waren sicherlich keine Neulinge in diesem Geschäft. Obwohl auf sie keine große Aufgabe wartete - es ging schließlich nur um etwa fünftausend Seelen - erforderte die Wirtschaftlichkeit dieser Arbeit den Einsatz erfahrener Kräfte. Es ist durchaus möglich, daß Götz und Meyer an ihren Unteroffiziersjacken irgendwelche Orden trugen, das würde mich nicht wundern. Wenn einer von ihnen einen Schnurrbart gehabt hätte, würde mich das eher wundern. Ich kann mir weder Götz noch Meyer mit einem Schnurrbart vorstellen. Ich kann sie mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen, egal, ob mit oder ohne Schnurrbart.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.