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Das erste Jahr: Berliner Aufzeichnungen
 
 

Das erste Jahr: Berliner Aufzeichnungen (Taschenbuch)

von Durs Grünbein (Autor)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 327 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp; Auflage: 1 (August 2003)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518455133
  • ISBN-13: 978-3518455135
  • Größe und/oder Gewicht: 17,6 x 10,2 x 1,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon.de Verkaufsrang: Nr. 511.113 in Bücher (Die Bestseller Bücher)

Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Einige Menschen können die Gegenwart gut leiden. Andere hingegen verabscheuen sie aufrichtig. Wie Durs Grünbein, welch ein Glück! Denn aus dieser Antipathie, aus diesem rückwärtsgewandten Blick heraus präsentiert er uns in Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen intellektuell anregende und sprachlich meisterhafte Gedanken, entfaltet in Arbeitsbuchnotizen vom 1.1.2000 bis zum 31.12.2000.

Charakteristisch ist dabei der Blick des Kulturanalytikers, Ästheten, Übersetzers und Poeten. Ohne dass die poetische Qualität leiden würde, betrachtet er die Welt mit den Augen eines Zoologen, seziert seine Wahrnehmung gleichsam mit einem großen, mit einem unbedingten Tierblick. Zusätzlich durch den Katalysator Neugier angetrieben, reflektiert er über seinen Alltag, die Gegenwart und Vergangenheit, immer auf der Suche nach möglichst exakten Worten als Korrelate für alles Erlebte, Empfundene und schwer Erträgliche. Ob in seinem Wohnort Berlin oder auf Reisen nach Wien oder Krakau, ob im alten Pompeji (dem "Urerlebnis") oder in der Neuen Welt: Seine Beschreibungen sind brillant, akribisch in der Wortwahl, poetisch in Metaphern und Assoziationen. Der Gebrauch des riesigen Fundus an Zitaten ist in seiner scheinbar instinktiven Sicherheit beeindruckend. Dabei ist sein Denkanspruch von einer unausweichlichen Strenge geprägt: Ob es um das Auseinanderklaffen von naturwissenschaftlicher Wahrnehmung und künstlerischem Ausdruck geht, um den Niedergang der Geisteswissenschaften, um Poetologisches oder die zusehends in Vergessenheit geratenden alten Dramen.

Aber Das erste Jahr ist mehr als Grünbeins poetologische und intellektuelle Standortbestimmung. Es schildert auch sein erstes Jahr als Vater. Passagen von ungeahnter Intimität überraschen, aber stehen wie selbstverständlich neben Abstrakt-Reflexivem. In diesem Kontext spielt die eigene Familie und seine Kindheit in Dresden eine wichtige Rolle, eine Kindheit weitab vom fettleibigen und verwöhnten Westen mit seinem Marken- und Konsumwahn. Vielleicht gibt es ihn also doch noch, den ostdeutschen, den ernsten Ton in der deutschen Gegenwartsliteratur, dessen Verschwinden er selbst beklagt? Ein spezifischer Ton, der sich ebenso auf die radikale Bedingungslosigkeit seiner Fragen an die Gegenwart auswirkt wie auf seine gelegentlich antiquiert wirkende Lexik und Syntax der oft schwer zu widerlegenden Sätze oder auf die Beschäftigung mit den Toten Seneca, Augustinus, Darwin, Baudelaire, Mandelstam oder Cézanne. Ob aber in Ost oder West: Trauriger Fakt ist, dass Grünbein selbst bereits zu einer seltenen, vom Aussterben bedrohten Spezies gehört: der von tiefer Intellektualität durchdrungene, melancholische Poet. Und was kann sich schließlich aus dieser Tatsache anderes ergeben als ein rückwärtsgewandter Blick, der einhergeht mit einer wie auch immer gearteten Abneigung gegen die Gegenwart? --Kristina Nenninger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.



Kurzbeschreibung

Einer der Vorsätze Durs Grünbeins für das erste Jahr im neuen Jahrtausend war, diesen historischen Moment des Beginns gespiegelt durch den subjektiven Blick des Dichters festzuhalten; das Resultat liegt jetzt vor: in Form von Arbeitsbuchnotizen vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 2000. Sehr Privates wie die Geburt der Tochter, das veränderte Familienleben in den folgenden Monaten, Erinnerungen an die eigene Kindheit in Dresden, an Eltern und Großeltern werden ebenso Thema wie die Arbeit am Gedicht und das Nachdenken über Poetologisches. In der Reflexion neuester Erkenntnisse der Hirnforschung und der Genetik mißt der Autor das Kreatürliche zwischen Geburt und Tod aus. Und gleichzeitig setzt er sich bewußt in Beziehung zu seiner unmittelbaren Gegenwart, beobachtet die Veränderungen in Berlin und im größer gewordenen Deutschland, notiert, was er auf Reisen nach Washington, Philadelphia, New York, Krakau, Salzburg, Venedig sieht, erlebt, durchdenkt. Immer sind diese unmittelbaren Eindrü c ke gespiegelt und gemessen an Geschichtlichem, weil der Wahrnehmungsapparat des Autors geschärft ist durch Beschäftigung und Zwiegespräch mit den Gedanken und Werken der großen Toten wie Baudelaire und Mandelstam, Augustinus und Seneca, Cezanne und Darwin.

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5.0 von 5 Sternen Impressionistische Image-Konstruktionen, 9. Mai 2006
Von FrizzText "frizz" (Wuppertal) - Alle meine Rezensionen ansehen
(TOP 50 REVIEWER)   
Durs Grünbein, 1962 in Dresden geboren, gilt als der erfolgreichste Schriftsteller aus den "neuen Bundesländern". Nicht nur wurde er bereits mit dem Georg-Büchner-Preis (1995) geehrt, sondern obendrauf bekam er nun (2006) den mit 30.000 Euro dotierten Berliner Literaturpreis. In seiner Dankesrede demonstrierte er, dass es nicht unbedingt den falschen Wortkünstler traf: Berlin bezeichnet er als "westöstlichen Sumpf aus Frühstückscafés und Hinterhofklitschen". Nett komprimiert! In seinem Buch "Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen", erschienen 2000, führt er eine geschickte Mischung privater und öffentlicher Impressionen vor. Das "erste Jahr" (für mich 2001, wegen der Weltkulturwende um den September Eleven) ist für Grünbein das erste Jahr mit seiner neugeborenen Tochter. "Im Schreiben versucht sich das Intime zu behaupten", formulierte er wie ein poetisches Manifest in seinem Buch "Warum schriftlos leben". Konsequent mischt er in seinen "Berliner Aufzeichnungen" Familiäres mit Politischem. Vielleicht legt dies die Berliner Atmosphäre nahe. Die Hauptstadt sei ein "Paradies für Hochstapler und Händler der heißen Luft", sagte er in seiner Dankesrede. Manche beziehen solch eine Klassifizierung mürrisch (oder neidisch?) auf ihn, sortieren seine Zeilen (aus "Grauzone morgens") ein, als seien sie nur die plappernde Umsetzung eines TV-Werbespots: "Einmal sah ich im Eis des Zwingerteichs festgefroren eine geriffelte Wodkaflasche mit dem Markenbild brüllender Eisbär auf blauem Grund, klar und stillgelegt wie eine Sache, die man als abgeschlossen betrachtet". Jedoch Durs Grünbein ist zu subtil, um die Dinge wirklich abzuschließen. In seiner Berliner Dankesrede trifft man auf die Bemerkung, das ehemalige Ostberlin sei gewesen ein "Exerzierplatz für ein Imperium, das bis in die hinterste Mongolei reichte". Dies hinter die Ohren aller Ostalgiker geschrieben, die meinen, sie müssten hier unbedingt einen "Ossi" sponsern und in Berlin demonstrativ ehren, wenn man denn nun schon bedauerlicherweise den "Palast der Republik" wegen des Kampfes der Kulturen zwischen Ost- und Westdeutschen abreiße. Durs Grünbein hat zwar wehmütige Lyrik veröffentlicht über seine Heimatstadt Dresden ("Porzellan. Poem vom Untergang meiner Stadt"), aber er ist dennoch nicht als Wurmfortsatz alter roter Sockenseilschaften einzusortieren. Wenn er von Berlin als "Jericho" spricht (dessen Mauern durch Posaunenklänge fielen), entdeckt man genügend ironische Distanzfähigkeit gegenüber politischer Vereinnahmung, egal aus welcher Himmelsrichtung. Aufgefallen war mir Grünbein durch seinen Buchtitel "Schädelbasislektion". Seine ganze Arbeit kann man als eine solche bezeichnen. Die feinfühlige und ausgewogene Textkomposition über Berlin scheint besonders wichtig, weil Berlin schließlich nicht nur bloß ein "steinerner Aggregatzustand" ist, sondern unsere neue "gesamtdeutsche" Hauptstadt, befindlich im wankenden Kampf um touristische Konzepte, Vergangenheitsvertuschung und tragfähige, zukunftstaugliche Leitkultur. Durs Grünbein formuliert wesentlich mit an diesem Image.
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6 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen Des Dichters Alltag, 7. Februar 2002
Von Ein Kunde
Wer sich literarische Meriten verdient hat, dem ist es auch vergönnt, sich der Gattung des Tagebuchs zu bedienen. Durs Grünbeins Berliner Aufzeichnungen sind insofern ein weiterer Beleg dafür, daß der Büchnerpreisträger von 1995 in einem Alter, in dem andere in Deutschland immer noch als Nachwuchs gehandelt werden, endgültig in die Klasse des literarischen Schwergewichts aufgestiegen ist. Entsprechend souverän präsentiert sich der Autor in seinem Diarium bei der Chronik der laufenden Ereignisse im Milleniumjahr. Persönliches steht neben dem Allgemeinen, breiten Raum nehmen Reflexionen über Sprache und Dichtung, Anekdoten von Kollegen und Geschichten aus der Kindheit ein. Seinem emphatischen Bekenntnis zur Lyrik als dem Lorbeerkranz der Literatur zum Trotz, erweist sich Grünbein dabei als solider Erzähler. In der Imagination eines Unfalls, der Erinnerung einer Sportstunde, der Beschreibung der Geburt seiner Tochter zeigt sich nicht nur der präzise Blick des durch zahlreiche Schädelbasislektionen geschulten Dichters, sondern auch dessen Fähigkeit zum Spannungsaufbau und zur gezielten Pointe, ohne in das „wuchernde Prosa-Unkraut, die redundante Vegetation der sogenannten Gegenwartsliteratur“ zu verfallen. Grünbein läßt kein gutes Haar an den Fähigkeiten seiner Kollegen vom Prosafach, die „den weiblichen Körper wie Metzger oder Frauenmörder“ beschreiben, um zweihundert Seiten später selbst am Objekt der Begierde den Unterricht in der richtigen Anschauung zu liefern: „Sie hat Veilchenbrüste, ganz wie Sappho sie liebte, die Hüften der aphrodisischen Frau und den Oberkörper des artemischen Knaben.“
Grünbein beklagt den Verlust antiker Mythen im Talkshowzeitalter und das fehlende „Gespür für die alten Dramen, die antike Figurenkonstellation unter dem aktuellen Tagesgeschehen“. Im Geburtsschmerz der Geliebten vermag er hingegen noch eine „Aufführung der Orestie“ mit allen dazugehörigen Ingredienzen zu sehen, im Halloween die „römischen Saturnalien“ wiederzuerkennen, und der Trip durch New York gleicht ihm einer „Hadesfahrt“.
In der Weltliteratur fühlt sich Grünbein zu Hause und entsprechend gibt er seinen Affen Zucker. Die heißen Poe, Baudelaire, Nietzsche, Benn, Mandelstam und Heiner Müller. Anläßlich seines hundertsten Todestages ist Nietzsche ein kleiner Essay gewidmet, in dem Grünbein noch einmal die gängigen Nietzschebilder und ihre Rezeptionen sichtet, ohne ihnen jedoch substanziell Neues hinzuzufügen („Keiner kam fortan an Nietzsche vorbei.“).
Über Nietzsche und Benn, dem „Herrn, für gewisse lyrische Stunden“, speist sich Grünbeins Interesse am Körper und seiner Physiologie. Mit ihm teilt Grünbein auch die Liebe zum Fremd- und Fachwort: „Phänotyp“, „Thalamus“, „protozoisch“. Ganz in der Tradition des frühen Benn befragt Grünbein die Evolution von der wackeligen Krone der Schöpfung aus: „Was ist der Mensch? Eine Sickergrube auf zwei Beinen, der wandelnde Abtritt, ein transzendenter Abort, die Kloake von Verwesung und Bedeutung?“ In der Zeit pränataler Diagnostik und Genomforschung hebt der nachmetaphysische Katzenjammer noch einmal an. Nach dem Verlust der geschichtlichen Utopien kommen nun die aus dem Geiste E. T. A. Hoffmanns und Shelleys zuschanden. Grünbeins „Gedanken zur laufenden genetischen Revolution“ lesen sich dabei wie die Paraphrase von Argumenten aus der dazugehörigen Feuilletondebatte.
Spannender, weil „auf der Wanderschaft durch die Auen der Anschauung“ gewonnen, sind die Beobachtungen über den Geruch von Turnhallen, die Bewegungen eines Säuglings oder die Lamellen von Fliegenpilzen. Der „poeta empiricus“ (Grünbein über Grünbein) gewährt Einblick in seine „Giftküche“. Dort haben gescheite Bemerkungen über Reim und Metrum ebenso Platz wie kleine Poetiken oder ein paar Gelegenheitsgedichte.
Der „Schwerstarbeiter im Namen der Transzendenz“ liefert in seinem Journal nebenbei auch Klatsch und Tratsch, wie die Beschreibung von Ingo Schulze, der sich in Vorbereitung seiner Taxischeinprüfung verzweifelt in Stadtplänen von Berlin versenkt. Aber wie hat man es sich bloß vorzustellen, wenn Wolfgang Hilbig „ein wenig gedankenverloren“ aussieht? Die pflichtbewußten Reflexionen über Sinn und Wert eines öffentlichen Tagebuchs immunisieren nicht gegen stellenweise Geschwätzigkeit und Banalitäten vom Schlage „Berlin war und ist die Stadt im permanenten Ausnahmezustand.“ Im Gegensatz zu diesen Allgemeinplätzen stehen die intimen Erinnerungen und genauen Beobachtungen. Nicht das Gedicht über Hitlers letzte Tage im Führerbunker („Der Vegetarier, der Anti-Alkoholiker, der doch niemals nüchtern war“), sondern der private Ton der fünfzehn Gedichte über die Tochter („Du bist die Mitte, um dich gehts: die zweieinhalbtausend Gramm“) berühren und bleiben haften. Wie es sich für einen Großdichter – den Titel „poeta doctus“ verschmäht er indes – gehört, gibt es Kollegenschelte (Hermlin, aber auch der „gute Onkel Brecht“ bekommt sein Fett weg), kernige Sentenzen und sogar ein Statement zur alten Frage, welcher Kunst nun die Führung gebührt, der Malerei oder der Dichtkunst. Nebenbei wird noch das „Heilige Sozialistische Reich Deutscher Nation“ intellektuell abgewickelt und die BSE-Krise kommentiert. Und unterm 11. September – 2000 wohlgemerkt – findet sich, wie es der Zufall will, im Rahmen eines deutsch-arabischen Autorentreffens im Jemen eine Bemerkung über des Dichters „Furcht vor dem Islam“. Es bleibt zu hoffen, daß dies nicht der Ausgangspunkt für das zweite Jahr wird. Lieber mal ein Band Kurzprosa, möchte man einwerfen, oder die bewährte Lyrik.
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