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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Zeit, die gewesen ist und die kommen wird, 2. September 2008
Dem rumänischen Autor Filip Florian ist ein Erstlingswerk gelungen, dem besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden sollte, denn es hebt sich von der Masse an jährlichen Neuerscheinungen deutlich ab. Er lässt aus einer "Unzahl an Einzelheiten, Nuancen, Chronologien und Bruchstücken von Biografien" Flüsse ihre Fließrichtung ändern, um zu einem großen Strom zu verschmelzen. Und das geschieht so leise und unprätentiös, so ganz ohne Aufhebens und erzwungenem künstlichem Eingreifen, dass man am Ende beinahe erschrickt, schon am Mündungsarm ins offene Meer zu stehen.
Zur Verwirklichung seiner literarischen Idee gab Filip Florian seinen Journalistenberuf, den er fast zehn Jahre lang ausgeübt hatte, auf und zog sich in den Gebirgsort Sinaia zurück. Beinahe fünf Jahre schrieb er an "Kleine Finger", ein Buch, das in das Genre magischer Realismus eingeordnet werden kann
Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: In einem kleinen Karpatenstädtchen werden bei archäologischen Ausgrabungen einer spätrömischen Festung, menschliche Gebeine entdeckt. Die herbeigerufenen Wissenschaftler datieren ihr Alter auf mehrere hunderte Jahre. Doch für die Bevölkerung, allen voran der örtliche Polizeichef, handelt es sich eindeutig um die Hinterlassenschaft einer Massenhinrichtung aus der kommunistischen Vergangenheit in den Fünfzigern. "Sie kümmerten sich nicht um die Ansicht der Historiker, die Skrupel des Gerichtsmediziners waren ihnen suspekt, eine Frucht der Feigheit, und dass die Staatsanwälte keine einzige Kugel entdeckt hatten, nahmen sie als Zeichen dafür, dass die Komplizenschaft mit den Schlächtern die Jahrzehnte überdauert hatte. Sie blieben der eigenen Theorie treu, die sich in apodiktischen Kommentaren und Zeitungsartikeln niederschlug." Daher werden fünf argentinische Experten nach Rumänien geholt, die in ihrem Heimatland mit der Suche und Identifizierung der Opfer der Junta um Jorge Rafael Videla, den "los desaparecidos" (Verschwundene), befasst waren.
Dieses Ereignis dient dem Autor jedoch nur als Skelett. Filip Florian nimmt dem leblosen Knochengerüst seine Starre, indem er es nicht nur mit einer äußeren Hülle überzieht und Leben einhaucht, sondern mit einem mannigfaltigen, facettenreichen Bewusstsein ausstattet und aus seinem Kern Figuren entspringen lässt, die letztendlich eine raffinierte und spitzfindige, sprachlich-literarische Bildercollage ergeben.
Anhand von verschiedenen, zersplitterten Einzelschicksalen flicht er ein großartiges Netz aus Geschichten. Allen voran der zeitweilige Ich-Erzähler Petrus, einer der Archäologen, der auf eigene Faust Nachforschungen in der örtlichen Bibliothek anstellt sowie seine Tante Paulina, bei der er vorübergehend beherbergt ist und die ihre Zukunft im Kaffeesatz liest. Eines Tages sollte sich diese als wahrhaft golden herausstellen.
Paulina wiederum vermittelt ihm die hellseherischen Fähigkeiten ihrer Nachbarin Frau Eugenia Embury - der Witwe eines adligen, englischen Erdölingenieurs - und ihrer überaus reizvollen Enkelin Josephina - genannt Jojo.
Der Leser erfährt etwas über die sechzehn einsiedlerischen Jahre des ehemaligen Findelkindes Gherghe und dessen dämonischen Haarwuchs, der mittlerweile zum Mönch Onufrie konvertiert ist, den Fotografen Sasa und dessen Dromedar, Militärstaatsanwalt Oberst Spiru und dessen Vorliebe für kleine Fingerknöchelchen oder aber den ältesten Mann im Ort, den liebenswerten Dimitru M., einem nach dem Krieg enteigneten früheren Unternehmer.
Letztendlich sind die einzelnen Lebensabläufe in ein großes Ganzes eingewebt, das geschichtliche Umfeld zweier ehemals totalitärer Diktaturen: Rumänien und Argentinien.
Leicht macht es Filip Florian dem Leser jedoch nicht, das Gewirr aus unzähligen Stimmen, Namen und Begebenheiten zu entflechten. Lange Schachtelsätze, von Zeit zu Zeit durch Klammereinschübe ergänzt, erfordern höchste Konzentration. Hinzu kommen ein In- und Auseinanderfließen von Zeitformen, unterschiedliche Erzähler in der ersten und der dritten Person (zusätzlich erschwerend, wenn letztere auch noch mit zahlreichen Varianten und Identitäten aufwarten) sowie eine Kombination aus fiktionaler Erfindungsgabe, geschichtlichen Wahrheiten und kulturellen Gegebenheiten.
Wenn man sich jedoch auf diese Melange einlässt, schlägt sie mit ungeheurer Intensität über dem Leser zusammen und lässt ihn in einem magisch inspirierten, experimentell-exotischen, literarischen Raum eintreten, der einen tieferen, subtileren Sinn verbirgt und trotz emotionaler Erschütterung auch Humor und liebevoll gezeichnete Personen entdecken lässt.
Die sicherlich nicht einfache zu übersetzende Originalfassung wurde von dem in Siebenbürgen geborenen Literaturkritiker Georg Aescht ohne Identitätsverlust großartig ins Deutsche übertragen.
Fazit:
Mit einem klaren, aber auch sehr ausgearbeiteten, jedoch keineswegs langweiligen oder zu technisch wirkenden, ästhetischen Stil, erschafft Filip Florian einen intensiven, äußerst anspruchsvollen, lebhaften Roman, der mit Hilfe vieler Einzelschicksale zwei Epochen des 20. Jahrhunderts in Europa und Lateinamerika wieder auferstehen lässt.
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2 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Irgendwie enttäuschend, 15. September 2008
Dieses Buch ist eindeutig nur etwas für Liebhaber einer auswuchernden Prosa, in der die Handlung schier untergeht. F. Florian braucht 3 Sätze um zu vermitteln dass ein Mann durch den Mund und nicht durch die Nase schnarcht.
Zudem gibt es kaum eine Figur, die der Autor ernst nimmt. Es kommt alles ein wenig wie in Kusturica's Filmen rüber: wir wissen nicht was läuft, aber es ist ja so herrlich bunt.
"Kleine Finger" ist vielleicht etwas für Fans von Mircea Cartarescu oder J. Saramago. Mich hat es nicht überzeugt.
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